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2.2.2005
"No limits, just edges"
Jackson Pollocks Papierarbeiten in der Deutschen Guggenheim Berlin
Von Carsten Probst

Deutsche Guggenheim Aussenansicht, Berlin-Mitte (Bild: David Heald, Solomon R. Guggenheim Foundation / Deutsche Guggenheim Berlin)
Deutsche Guggenheim Aussenansicht, Berlin-Mitte (Bild: David Heald, Solomon R. Guggenheim Foundation / Deutsche Guggenheim Berlin)
"Die Zeichnungen, die ich mache, stehen in einem Zusammenhang zu meiner Malerei, sie dienen ihr aber nicht", so notierte Jackson Pollock einmal. Mit anderen Worten: Für seine Gemälde brauchte er keine Vorzeichnungen und darin bestand ja unter anderem sein radikaler Bruch mit der Malereitradition. Pollock sah seine Arbeiten auf Papier als völlig eigenständiges Medium an, auch wenn er dabei manchmal Methoden praktizierte, die man von seinen Gemälden her kennt. Aber die Betonung liegt auf "manchmal".

Natürlich begegnet einem hier unter den gut fünfzig Arbeiten aus drei Jahrzehnten manches, das auch wenig kunstbewanderte Besucher immer gern als "typisch Pollock" ausmachen; der 1912 in Wyoming geborene Amerikaner ist nun einmal der berühmte Erfinder des Drip Painting. Vor allem die Papierarbeiten aus dem letzten Lebensjahrzehnt, also seit etwa 1949, zeigen eine Verschmelzung der berühmten Tropf-Methoden der Malerei mit der Zeichnung. Oft entstanden beide Formen zeitlich parallel zueinander. Mal sind es die monochrom schwarzen Endloslinien auf weißem Grund, die mitunter fast an japanische Kalligraphie erinnern. Oder es sind die kunstvoll verknoteten, wirren Netze aus farbigen Placken und Linien, die das Papier oft in mehreren Schichten bedecken.

Trotzdem gibt es auch hier schon bemerkenswerte Unterschiede. In den Zeichnungen bleibt Pollock nämlich meist ziemlich kleinformatig, ganz im Gegensatz zu den Gemälden, die sich schon einmal zu richtigen Farblandschaften über mehrere Quadratmeter entfalten können. Auch bedient er sich natürlich auf Papier ganz anderer Malmaterialien: Aquarellkreiden, Filzstifte, Kugelschreiber, Tusche oder Buntstifte. Dadurch wirken die Zeichnungen insgesamt flächiger, haben eine geringere Tiefendimension als die Gemälde, was vor allem dann auffällt, wenn Pollock mit Assoziationen von Wasser oder übereinander geschichteten Zweigen und Fäden spielt.

Aber dann gibt es hier die ganz eigenen, die wirklich überraschenden Entdeckungen auf Papier, die man auf dem ersten Blick wohl kaum auf Gemälden findet und manchmal gar nicht mit Pollock in Verbindung bringen würde. Eine Tuschezeichnung aus dem Spätwerk etwa, wo dünn aufgelöste dunkle Tuschewolken auf einem zartrosa Hintergrund tanzen wie feine Rauchschwaden, die sich in Sommerluft auflösen. Oder ein Blatt in extremem Querformat, über anderthalb Meter lang, auf dem auf weißem Grund nur drei große schwarze Gebilde zu sehen sind, die eher arabischen Schriftzeichen ähneln. Aus dem Jahr 1951 stammt ebenfalls scheinbar ungewöhnlich für Pollock ein Blatt mit zwei Figuren, als grobe Umrisszeichnungen mit schwarzer Tusche auf weißem Grund. Aber figürliche Bilder, das zeigt vor allem der mittlere Teil der Ausstellung, sind in Pollocks zeichnerischem Werk alles andere als selten. Die Hängung verfolgt seine künstlerische Entwicklung weitgehend chronologisch, und so wird deutlich, dass Pollock bis in die späten vierziger Jahre hinein immer wieder abstrakte, mitunter ornamentale Kompositionen mit figürlichen Details verbunden hat. Nicht selten nimmt er dafür zunächst Anleihen bei den von ihm verehrten Jean Miró, Picasso, Kandinsky und Matisse. In früheren Skizzenbüchern sind aber auch farbige Pflanzenstudien zu sehen, und immer wieder das Bemühen, den Dingen möglichst eine enorme plastische Wirkung zu geben.

Vor allem aber zeigt die Ausstellung in diesem Teil Pollocks Begeisterung für die traditionelle Malerei mexikanischer Indianer, deren Masken, Ornamente und mythische Figuren er besessen skizziert, teils amorphe, teigige Linien, teils wirre geometrische Konstrukte, die allesamt wie Rohmaterial zum Formenschatz seiner Gemälde und späteren Zeichnungen hinführen. Und es ist diese Kombination aus atavistischen Formen indigener Kunst und europäischer Moderne, die Pollocks berühmte Drip-Technik überhaupt erst inspiriert zu haben scheint. Oft hat man ja auch bei seinen späteren Drip Paintings den Eindruck, in den scheinbar chaotischen Linien und Farb-Clustern verschwommene Körper oder Gesichter zu erahnen, die auftauchen und wieder verschwinden wie Traumfiguren.

Man könnte also Pollocks vermeintlich abstrakte Kompositionen auch vom figürlichen Aspekt her betrachten, wie Vexierbilder, die ständig zwischen Körperdarstellung und Abstraktion schwanken. Die Auswahl der Zeichnungen in der Deutschen Guggenheim legt das zumindest nahe, und sie schält so mit schöner Präzision einen Aspekt in Pollocks Werk heraus, der den Klassiker noch immer überaus aktuell wirken lässt.

Service: Die Ausstellung dauert bis zum 10. April.
Öffnungszeiten: täglich von 11 bis 20 Uhr
donnerstags bis 22 Uhr

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