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3.2.2005
"Sachsen im Bombenkrieg"
Ausstellung zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens
Von Wolfram Nagel

Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
In der Sonderausstellung "Sachsen im Bombenkrieg" wird zunächst die Geschichte des Luftkrieges seit 1939 gezeigt. Terrorangriffe der deutschen Luftwaffe bestimmten diese Phase des 2. Weltkrieges. Städte wie Rotterdam oder Coventry sind Symbole dafür. Im zweiten und dritten Teil widmet sich die Ausstellung den sächsischen Großstädten Chemnitz, Plauen, Leipzig und schließlich Dresden.

Für den Überlebenden des Infernos an der Elbe Manfred Funke war dies die größte Katastrophe, die Dresden in seiner 800-jährigen Geschichte erlebt hat:

Das Drama ist, dass es in den letzten Kriegstagen geschehen ist. Das Pendel hat wieder zurück geschlagen und hat eben gerade Dresden getroffen.

150 Zeitzeugen wurden nach ihrem Erleben in der Bombennacht vom 13. zum 14. Februar und den darauf folgenden Tagesangriffen befragt. Ergebnis ist ein detailliertes Zeitzeugenarchiv, das von den Besuchern eingesehen werden kann.
Ausstellungskurator Wolfgang Fleischer.

Uns war klar, dass wir dieses Thema nur aus der Sicht von unten gestalten können ... deswegen haben wir eine umfangreiche Befragung durchgeführt, die auch die Ausstellung sehr prägt.

Einer dieser Zeitzeugen ist Herbert Schwarz. Er ist im März 1933 in Dresden geboren und hat den Angriff als Kind in der inneren Neustadt miterlebt.

Na die gesamten fünf Angriffe auf Dresden habe ich miterlebt. Wir sind an der Dreikönigskirche ausgebombt. Wir hatten ein Restaurant. Da war ja keine Vorwarnung, gar nichts, da ging ja Fliegeralarm los und wir mussten in den Keller.

Etwa 35.000 Menschen sind bei den Angriffen vom 13. bis 17. Februar ums Leben gekommen. Verglichen mit ähnlich starken Flächenbombardements in Chemnitz, Plauen oder Leipzig war das eine extrem hohe Opferzahl. Wohl deshalb ist Dresden Symbol für einen grausamen Luftkrieg geworden, der von der deutschen Luftwaffe begonnen aber von den alliierten Bomberflotten am Ende des Krieges zur tödlichen Perfektion gebracht worden war. Aber auch der Zufall hat geholfen, sagt Wolfgang Fleischer:

Da hat der richtige Mann in dem Führungsflugzeug gesessen, der entsprechend seines Auftrages die Bomber so dirigiert, dass sie mit möglichst geringem Aufwand maximale Wirkung erzielen. Die hätten ja mit widrigen Winden anfliegen können, da wäre die Wirkung eine andere gewesen.

Die Bomben trafen genau in das dicht besiedelte historische Stadtzentrum. Hier wurden vor allem Wohnhäuser, Kirchen, Verwaltungs- und Museumsbauten getroffen. Genau das machte sich die Nazipropaganda zunutze. Das Opfer von Dresden sollte zum letzten Fanal gegen die nahende Niederlage des 3. Reichs werden. Ein Rundfunksprecher wenige Tage nach dem Bombenangriff:

Mit teuflischer Absicht wurden zunächst außerordentlich große Mengen von Brandbomben auf Dresden abgeworfen und zwar gerade auf den dichtest besiedelten Teil der Stadt, durch den nur eine einzige dünne Verkehrslinie führt ... und in welchem es so gut wie keine einzige Fabrik gab, sondern neben öffentlichen Gebäuden, Kirchen und Museen nur Wohnungen, nichts als Wohnungen.

Dabei war Dresden keineswegs jene unschuldige Stadt, wie so oft mythisiert. Dresden war Zentrum der Rüstungsproduktion, militärische Denkfabrik und auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die nahe Ostfront. Darauf hat der britische Historiker Frederik Tayler erst kürzlich hingewiesen, damit aber keineswegs den Bombenangriff verteidigt:

Dass ich irgendwie den Angriff auf Dresden billige, das ist doch Quatsch. Und man muss verstehen, dass Dresden eigentlich im damaligen Deutschland eine Großstadt von einer dreiviertel Millionen Menschen war und doch relativ wichtig. Das heißt nicht, dass die Leute ihre Stadt und den verlorenen Mitmenschen nicht nachtrauern dürfen. Das ist für die emotionale Gesundheit Deutschlands, Englands und ganz Europas sehr nötig. Deswegen finde ich die Auseinandersetzung im Augenblick ... sehr gesund.

Leider spielt gerade der Aspekt deutscher Schuld in der Ausstellung kaum eine Rolle. Genauso wenig wird thematisiert, dass durch den Angriff die letzten noch nicht deportierten Juden im Chaos untertauchen konnten, war doch auch die Gestapo-Zentrale zerstört worden.
Immerhin trägt die Ausstellung dazu bei, die grausamen Tatsachen des Luftkrieges nüchterner zu betrachten. Wie funktionieren Brandbomben? Welche Möglichkeiten des Luftschutzes gab es? Welche Wirkung hatte der Feuersturm? Durch den Sog wurde den Menschen die Atemluft entzogen. Sie erstickten in den Kellern.

Fleischer: Wir stehen hier vor einem besonders beeindruckenden Foto ... ein älteres Ehepaar, wo man nachempfinden kann, was sie in den letzten Minuten oder Sekunden ihres Lebens bewegt hat, dass sie zusammen gehören. Das zeigen die Hände, die ineinander verschlungen sind. Die Keller sind nach dem Krieg geöffnet worden und dem Fotografen hat sich dieses grausige Bild geboten.

Die Dokumentaraufnahmen des Arbeiterfotografen Willy Roßner gehören zum wertvollen Bestand des Dresdner Militärmuseums. Auf ganz andere Weise haben Künstler wie Eugen Hoffmann oder Wilhelm Rudolph die Ruinenlandschaften dargestellt. Ob in London oder Dresden, der Bombenkrieg hatte letztlich immer das gleiche Gesicht.

Service: Die Ausstellung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (Olbrichtplatz 2 in Dresden) ist noch bis zum 30. September geöffnet.
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