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3.2.2005
"Toulouse-Lautrec"
Das gesamte graphische Werk, Bildstudien und Gemälde

Die beiden 1892 entstandenen Lithographien "Eldorado", links, und "Ambassadeurs"  (Bild: AP)
Die beiden 1892 entstandenen Lithographien "Eldorado", links, und "Ambassadeurs" (Bild: AP)
Aristide Bruant ist das, ein Kabarettist und Freund von Toulouse-Lautrec. In München hängen gleich zwei, fast identische Fassungen dieses Plakats nebeneinander. Lediglich die Beschriftung unterscheidet sich: einmal ist Bruant mit seinem leuchtend roten Schal im Ambassadeurs zu sehen, das andere Mal im Eldorado. Für diese kleine Tour von einer Pariser Bühne zur nächsten hat Lautrec mit glücklicher Hand ein Markenzeichen geschaffen. Bereits ein Jahr zuvor, 1891, ist ihm ein noch größerer Erfolg gelungen. Indem er mit einem Plakat die junge Institution "Moulin Rouge" bewirbt. Für Lautrec bedeutet diese Arbeit der Durchbruch: Moulin Rouge ist in roten Lettern geschrieben, im Vordergrund ist ein Tänzer zu sehen, dahinter seine die Beine schwingende Partnerin, erkennbar als die berühmte "Goulue". Kurator Götz Adriani.

Und Lautrec war über Nacht bekannt durch dieses große Plakat, das ungewöhnlich groß war und durch eine völlig neue Darstellungsweise. Er hat also das moderne Plakat letzten Endes geschaffen. Mit großen Flächen, mit großen Farbflächen, einfachen Konturen. Und er zeigt eben zum ersten Mal auch tatsächliche Stars im modernen Sinne, indem er eben nicht irgendwelche Typen auf seine Bildplakate brachte, sondern erkennbare Charaktere, die mit jeweiligen Institutionen zu identifizieren waren und dem Publikum auf der Straße auch bekannt waren.

Die Münchner Ausstellung vereint neben Lautrecs Plakatentwürfen, den großformatigen Werbebotschaften, sehr viele kleinere Arbeiten: darunter illustrierte Menu- und Visitenkarten, Umschläge für Bücher oder Programmhefte von Theatern. Einmal tritt Lautrec sogar als Prozessbeobachter im Gericht auf und immer wieder ist es die Künstlerboheme rund um Montmartre, die er portraitiert. Spanische Tänzerinnen, Komiker und Clowns, Transvestiten, Schauspielerinnen, Literaten und Maler. Daneben das soziale Umfeld: Besucher und Betreiber von Theatern und Konzertcafes, Prostituierte mit ihren Liebhabern oder alleine, Thekengäste einiger berühmter Bars, darunter der Kutscher der Familie Rothschild. Jede dieser Figuren stilisiert Lautrec zu einem Original der Pariser Gesellschaft. Großen Erfolg hatte er mit solchen für Sammler bestimmten Werken allerdings nicht.

Er war auf der Straße vorhanden durch diese Plakate, aber er wurde nicht gekauft. Er wollte mit dieser Elles-Mappe, das sind zehn Blatt und ein Titelblatt an die Öffentlichkeit mit seinen Bordellszenen. Aber das war ein totaler Flopp, weil niemand bereit war, 300 Franc dafür zu bezahlen. Also er hat sich schon um die Öffentlichkeit, um die Verkäufe gekümmert, obwohl er's nicht nötig gehabt hätte, aber er wurde nicht gekauft, es hat sich niemand dafür interessiert.

Durch die chronologische Hängung wird in der Ausstellung erkennbar, dass Lautrec immer offen geblieben ist für die unterschiedlichsten Funktionen seiner Kunst. Nicht selten bediente er einfach nur Freunde, illustrierte ihnen einen Buchumschlag, Einladungen oder Glückwunschkarten. Genauso verstreut tauchen immer wieder seine Plakatarbeiten auf. In vereinzelten Mappenwerken verdichten sich von Zeit zu Zeit die Themen, wie in jenen Serien zu Pariser Schauspielern oder der Sängerin Yvette Guilbert. Aber auch für eine Histoire Naturelle hat er zahlreiche Tierillustrationen geschaffen. Und sogar für einen englischen Fahrradhersteller machte er Werbung. Fast alle gezeigten Grafiken stammen aus der bis heute in Privatbesitz befindlichen Sammlung des Berliners Otto Gerstenberg.

Das war der Gründer der Victoria Versicherung Namens Gerstenberg, ein Sammler, der nicht nur französische Kunst des 19. Jahrhunderts kaufte, sondern auch die gesamte Rembrandt Grafik, Goya Grafik, Ostade Grafik. Also er hat eine riesige grafische Sammlung gehabt, quer durch die Kunstgeschichte, wobei das 19. Jahrhundert, das französische 19. Jahrhundert ein Schwergewicht war. Er war aber auch ein grandioser Sammler was Bilder angeht, ein Grossteil der Sammlungskomplexe, die heute in der Eremitage sind als Beutegut, war die Sammlung Gerstenberg aus Berlin. Aber glücklicherweise blieb eben dieser Sammlungskomplex der Toulouse-Lautrec Grafik im Westen und blieb erhalten dadurch.

Auch Magazine gehören zu Lautrecs Auftraggebern. Einmal, als es um die Ankündigung einer in Fortsetzungen erscheinenden Napoleon Biografie geht, bewirbt er sich vergeblich. Ihm scheint der Misserfolg nichts ausgemacht zu haben, es war nur einer neben vielen, fast immer geglückten Ansätzen und Versuchen. Das komplette grafische Werk Lautrecs erzählt von einem kurzen, arbeits- und erfahrungsreichen Leben.

Service: Die Ausstellung ist vom 4. Februar bis 1. Mai geöffnet.
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