Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
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6.2.2005
Brecht und der Sport
Brecht-Tage 2005
Von Dirk Fuhrig

Bertolt Brecht (Bild: AP)
Bertolt Brecht (Bild: AP)
Bertolt Brecht war vom Sport begeistert. Im Wettkampf sah er archaische Muster des menschlichen Charakters aufleuchten. Diese Faszination des Dichters für den Sport beleuchtet die Veranstaltungsreihe "Brecht und der Sport. Der Kampf als Ereignis und Erlebnis" im Berliner Brecht-Haus.

"Wenn man ins Theater geht wie in die Kirche oder in den Gerichtssaal oder in die Schule, das ist schon falsch. Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportfest."

… forderte Bertolt Brecht im Jahr 1920. Für den Dichter lagen Sport und Kunst eng beieinander. Vor allem der Zweikampf mit Fäusten war ihm eine Herzensangelegenheit. Und das von Jugend an.

Sebastian Kleinschmidt: Er ist mitgenommen worden zu Boxkämpfen und war aufs Höchste erstaunt über das Publikum, über die Leidenschaft des Publikums, die Parteinahme, die Sachkenntnis des Publikums. Gewissermaßen "intelligente Masse". Man kann das nicht immer sagen, wenn man heutzutage im Fußballstadion sitzt. Aber beim Boxen, das war Brechts Grunderfahrung, und da dachte er, da muss doch etwas fürs Theater herauszuholen sein.

Sebastian Kleinschmidt, heutiger Chefredakteur der legendären DDR-Literaturzeitschrift "Sinn und Form", teilt nach eigenem Bekenntnis diese Grunderfahrung mit dem jungen Brecht. Sport in den frühen Mannesjahren präge auch die Sicht auf die Literatur, meint Kleinschmidt.

Immerhin hat Brecht mit "Das Renommee" ja sogar einen eigenen "Boxerroman" geschrieben. Und so wollen die traditionellen, seit 1978 veranstalteten "Brecht-Tage" im Literaturforum an Berlins Chausseestraße sich diesmal ganz explizit um des Dichters Haltung zur Körperertüchtigung kümmern. Was ja auch viel moderner, zumindest viel zeitgemäßer ist, als sich ewig mit Systemkritik herumzuschlagen.

Sebastian Kleinschmidt: Weil wir jetzt nach dem Ende der großen ideologischen Auseinandersetzungen, Kommunismus-Kapitalismus, bei der Brecht ja immer eine wichtige Rolle gespielt hat, das ist ja implodiert, dieses Thema, da ist im Moment nichts zu holen. Aber dieses Seite von Brecht, da ist vielleicht was zu holen. Was um uns herum jetzt passiert, bringt ja auch wieder das Phänomen selbst in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, auch in die Aufmerksamkeit von Leuten, die sich an sich nicht für Sport interessieren. Hinzu kommt, dass im Jahre 2006 in Deutschland die Fußball-WM stattfindet. Das ist ja der Welt-Event, den man sich überhaupt vorstellen kann.

Dass zu Anlässen wie der Fußball-Weltmeisterschaft auch in den deutschen Feuilletons regelmäßig die Dämme brechen, ist ja hinlänglich bekannt. Sport-Outing der Kulturschreiber ist in solchen Momenten an der Tagesordnung - ob es dem Leser gefällt oder nicht. Wenn normalerweise schwer zu begeisternde Literatur- oder Theaterkritiker sich zu lyrischer Leidenschaft hinreißen lassen, dann sind häufig rollende Bälle und rennende Waden im Spiel.

Besonders vom Boxsport war Brecht angetan (Bild: AP-Archiv)
Besonders vom Boxsport war Brecht angetan (Bild: AP-Archiv)
Auch einer der Protagonisten dieses saisonalen Sportfeuilletons wird bei den Berliner Brecht-Tagen referieren: Jochen Hieber. Er kündigt einen Vortrag mit dem Titel "Elf Sätze über Kopf und Fuß" an. Hieber ist auch ansonsten als Fachmann für Sport-Kultur ausgewiesen. Gemeinsam mit dem Zauberkünstler André Heller zeichnet er für die Organisation des kulturellen Rahmenprogramms für die Fußball-WM im kommenden Jahr verantwortlich.

Die Aktualität mit den Enthüllungen um korrupte Schiedsrichter mag den Organisatoren der Brecht-Tage gerade recht kommen. Auch wenn das natürlich Zufall ist. Therese Hörnigk, die Leiterin des Literaturforums im Brecht-Haus, hofft jedenfalls auf heitere Tage.

Zuerst einmal, denke ich, wollen wir für ein Publikum, das interessiert ist, neue Blickpunkte auf dieses Verhältnis Brecht und Sport öffnen und die eine oder andere Anregung zum Weiterdenken, und auch zum Spaß, zur Unterhaltung natürlich dazu fügen.

Im sportlichen Wettkampf zeigen sich Grundzüge menschlichen Verhaltens, für die sich Brecht als Schriftsteller interessierte. Kampf und Rivalität gehören dazu.

Bertolt Brecht ist nicht der einzige Geistesmensch, der von der körperlichen Ertüchtigung fasziniert war. Die Intellektuellen - zumindest in Deutschland - scheinen sich in zwei Lager teilen zu lassen: In die Sportsfreunde und in dessen Feinde. Dieser Dualismus soll sich auch in der Berliner Tagung widerspiegeln. Sebastian Kleinschmidt hat dem Lyriker Lutz Seiler, der über "das Mysterium des Faustschlags" fabulieren wird, einen ebenbürtigen Gegner mit aufs Podium gesetzt:

Sebastian Kleinschmidt: Martin Mosebach, Schriftsteller aus Frankfurt am Main, temperamentvoller Erzähler, Romanautor. Der hat die Schrecken des Sports schon in der Turnhalle seiner Schule erlebt. Und das sitzt ihm bis heute auf heitere Weise in den Knochen.

"Sport als Paradies des Wesentlichen", "Philosophie des Sports", "Sportfaszination und Sportkritik" sind die Stichworte, zu denen sich Literatur- und Kulturwissenschaftler wie Norbert Bolz, Gunter Gebauer oder der Verleger Günter Berg äußern wollen. Wissenschaftlicher Gewinn soll bei der Tagung nicht im Vordergrund stehen. Die Brecht-Tage, sie geben sich eher sportlich.


"Der zweite Hauptgegner des Sports ist der wissenschaftliche Fimmel",

… so Brecht Ende der 20er-Jahre.

"Hierher gehören leider meistens mit besonderer Unterstützung der Presse die krampfhaften Bemühungen einiger "Kenner", aus dem Sport eine Art "Kunst" zu machen. Sie verstehen mich: je "vernünftiger", "feiner" und "gesellschaftsfähiger" der Sport wird, und er hat eine starke Tendenz dazu, desto schlechter wird er.


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