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5.2.2005
Ein Vorläufer der offenen Gesellschaft?
Polen feiert den 500. Geburtstag des Dichters und Politikers Mikolaj Rej
Von Martin Sander

Eine Kirche in Polen (Bild: AP)
Eine Kirche in Polen (Bild: AP)
Auf dem Weg zwischen Krakau und Warschau, mitten in Polen und zugleich abseits zwischen Wäldern und Sümpfen, liegt das Dorf Naglowice. Das schlossähnliche Gutshaus von Naglowice wurde erst im Jahre 1800 errichtet. Ein paar über vierhundert Jahre alte Eichen im Park stammen indes aus der Zeit des früheren Besitzers von Naglowice, des Politikers, Reformators und Schriftstellers Mikolaj Rej. Dieser vielleicht bedeutendste Vertreter der polnischen Renaissance wurde am 4. Februar 1505 im heute ukrainischen Halitsch geboren.

Mit einem Symposium in Naglowice begingen polnische Historiker, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler den 500. Geburtstag von Mikojaj Rej. Die heutige Bedeutung des Jubilars beschreibt Henryk Samsonowicz, Professor für alte Geschichte und früherer Kulturminister Polens, so:

Mir scheint, es gibt zwei Typen von Kultur, die geschlossene Kultur und die offene Kultur, also eine Kultur, die sich auf der Suche befindet. Die Zukunft der Menschheit und die Zukunft des einzelnen Menschen liegt in dieser zweiten Kultur. Mikolaj Rej - ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Name eigentlich ganz international ist - Mikolaj Rej war wie viele seiner Zeitgenossen der Renaissance ein Vertreter dieser offenen Kultur, einer Kultur, in der sich der Mensch auf die Suche nach neuen Lösungen begibt, vielleicht deshalb, weil sich die Welt im Wandel befindet.

Tatsächlich gilt Mikolaj Rej als eine ebenso bunte wie vielschichtige Persönlichkeit der frühen Neuzeit. Seit langem genießt Rej den Ruf eines "Vaters der polnischen Literatur". Denn er war, wenn schon nicht der erste, so doch der erste weithin erfolgreiche Autor Polens, der sich auch der polnischen Sprache bediente, und nicht - wie bis dahin üblich - des Lateinischen.

Böse Zungen behaupteten damals, der Grund für die Wahl des Polnischen läge vor allem in den mangelnden Lateinkenntnissen des Autodidakten Rej. In Wahrheit verschrieb sich der Dichter Rej der polnischen Sprache wohl deshalb, um die von Westen nach Polen dringenden Ideen der Reformation dank der auch in Polen aufblühenden Druckkunst unters lateinunkundige Volk zu bringen.

Rej, ein unermüdlicher Papstgegner und Kritiker der katholischen Amtskirche, begeisterte sich zunächst für die Thesen Luthers und wurde dann zum glühenden Anhänger des Kalvinismus. Als erster übersetzte er Teile des alten und neuen Testaments ins Polnische. Rej schrieb Kirchenlieder und verfasste Traktate, Schwänke und Satiren aus der Sicht des Moralisten - zum Beispiel eine "Kurze Unterredung zwischen drei Personen, dem Herrn, dem Vogt und dem Priester" oder er betätigte sich als Ratgeber für die existentiellen Probleme seiner Zeitgenossen, so im "Leben eines ehrbaren Menschen".

Eifertum, Besserwisserei und Grobianisches, im europäischen Schrifttum der frühen Neuzeit nicht ungewöhnlich, waren auch Rej nicht fremd. Die Besonderheiten der Gestalt Rejs liegen aus heutiger Sicht wohl nicht im literarischen Stil, sondern vor allem in den Realien des damaligen Polen. Die polnisch-litauische Doppelmonarchie unter den Königen Sigismund dem Alten und Sigismund August reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Polen in seinem so genannten "Goldenen Zeitalter" war eine Gesellschaft vieler Ethnien und Religionen.

Dennoch: Polen, Deutsche und Russen, Orthodoxe, Protestanten, Katholiken, Juden und Muslime lebten in einem vergleichsweise friedlichen Nebeneinander - während in Westeuropa bereits Religionskriege tobten. Und im polnischen Vielvölkerreich galt ein durchaus modern anmutendes Nationsverständnis, erklärt Henryk Samsonowicz.

Die Definition der Nation ist natürlich unerhört schwierig. Ehrlich gesagt glaube ich, dass man zum Angehörigen einer Nation wird, indem man sich entscheidet, dazuzugehören. Andere Kriterien gibt es eigentlich nicht. Nun, im 16. Jahrhundert schlossen sich diejenigen der politischen Nation an, die ein Bürgerrecht besaßen und das waren die Adligen.

Zu dieser Schicht der Nobilitierten gehörte Mikolaj Rej, der sich denn auch, vom Schreiben einmal abgesehen, mit der Mehrung seiner Güter beschäftigte, Dörfer gründete und sogar eine Stadt, die bis heute seinen Namen trägt - Rejowiec. In verschiedenen Reichstagen vertrat Rej, teils als Abgeordneter, teils als Beobachter und Berater, seine politischen Ideen. Als Anhänger der Reformation kämpfte er nicht nur für religiöse Toleranz, sondern auch um manches konkrete Vorhaben zu Staats- und Steuerpolitik. Politik betrieb Rej mit Inbrunst. Die adligen Abgesandten des Reichstags, seine Standesgenossen schmähte er in seinen Schriften auch schon mal als Esel - wenn auch in schön gereimter Form. Rej war vieles zu gleicher Zeit.

Henryk Samsonowicz: Er hat zwar, glaube ich, persönlich wenig durchgesetzt. Aber als Repräsentant oder Befürworter mancher Ideen war er wichtig. Zum Beispiel bei der Recht- und Güterreform, bei Schaffung eines Militäretats, bei der Erzielung staatlicher Einkünfte aus der Domäne des Königs usw. usw.

Die Ideen der Reformation haben das Goldene Zeitalter Polens nicht allzu lange überlebt. Die Gegenreformation war in Polen so gründlich wie kaum sonst. Im Jahre 1700 waren sämtliche Nachfahren von Mikolaj Rej wieder zur Katholischen Kirche zurückgekehrt. Das erklärt Antoni Rej, Nachfahre des Dichters und Reformators in der dreizehnten Generation. Antoni Rej hat seine Familiengeschichte gründlich erforscht hat, ohne auf sie stolz zu sein, nicht im Geringsten.

Nein, bin ich nicht, weil es nicht mein Verdienst ist. Wenn schon, dann bin ich eher auf meine eigenen Leistungen stolz, zum Beispiel auf meine sechs Söhne.
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