Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
7.2.2005
Krieg im Untergrund
Der ungarische Film "Kontroll" von Nimrod Antáll
Von Jörg Taszman

"Kontroll", Regie: Nimrod Antal, Ungarn 2003 (Bild: AP)
"Kontroll", Regie: Nimrod Antal, Ungarn 2003 (Bild: AP)
Das Regiedebüt des in den USA geborenen Ungaro-Amerikaners Nimrod Antáll "Kontroll" war die Sensation in Ungarn in den letzten 12 Monaten. Endlich mal wieder ein ungarischer Genrefilm, der ebenso düster wie poetisch, rasant, wie spannend und vor allem eins ist: originell. Gedreht wurde ausschließlich in der Budapester Metro, erzählt werden ebenso skurrile, wie düstere, fantasievolle und komische Geschichten aus dem fiktiven Alltag von Kontrolleuren.

Im Underground herrscht Krieg: auf der einen Seite die Kontrolleure auf der anderen die Schwarzfahrer. Psychopathen und schräge Vögel gibt es auf beiden Seiten. Da ist einerseits der Kontrolleur Muki, der den Eignungstest als Polizist nicht bestand, und immer urplötzlich in einen komagleichen Schlaf versinkt, wenn er sich zu stark aufregt, oder der leicht unappetitliche Lecso, der bisher auf Grund seines unakzeptablen hygienischen Erscheinungsbildes noch jeden Job verlor.

Auf der anderen Seite gibt es Zuhälter, brutale Fußballrowdies, einen Flitzer, der die Kontrolleure mit Rasierschaum besprüht und jede Menger Lügner, angebliche Stotterer und andere Lebenskünstler, die nur eins eint: Schwarzfahren. So fallen die Kontrollen in der Metro dann oft sehr rüde aus.

Filmszene:
So guten Tag. Entschuldigung. Fahrscheinkontrolle.
Schon gut.
Kann ich bitte Ihren Fahrschein sehen?
Nein, zieh Leine!
Tut mir leid, Sie müssen ihn mir zeigen!
Guten Tag allerseits!
Das ist ja echt unglaublich! Wie macht es der kleine Scheißer nur, dass er mich immer wieder findet?
Die Fahrkarten, bitte!
Siehst du denn nicht, dass wir hier was Wichtiges zu tun haben? Und zeig nie mit dem Finger auf meinen Hund!


Als einziger relativ normal in dieser bunten Truppe und Sympathieträger des Films ist Bulcsu, ein junger Mann um die 20, der vor sich selber zu fliehen scheint. Irgendwann hatte er das Leben "oben" satt, wollte ausbrechen aus dem Kreislauf "Karriere-Ruhm-Besitzstandwahrung". Zoff haben Bulcsu und seine Leute aber auch mit der Aufsichtsbehörde, von den Kontrolleuren verächtlich "Gestapo" genannt und den anderen, konkurrierenden Teams.

"Kontroll", Regie: Nimrod Antal, Ungarn 2003 (Bild: AP)
"Kontroll", Regie: Nimrod Antal, Ungarn 2003 (Bild: AP)
Dann geschehen in der Metro Morde, ein geheimnisvoller Kapuzenmann treibt sein Unwesen und weil der Job so hart ist, müssen die Kontrolleure regelmäßig zum Psychiater. Der sitzt gelangweilt am Tisch und hört sich die einzelnen Sorgen und Ängste teilnahmslos an, was zu einer der komischsten Szenen des Filmes führt.

Filmszene:
"Ich hab das aufgegeben, was die anderen alle machen, die Fläschchen irgendwo im Spülkasten vom Klo zu verstecken… Jetzt nehm ich sie einfach mit. Man muss es sich nur richtig einteilen, dann hat man immer ein Schlückchen zur Hand."
"Ich hab das Gefühl, dass man mich ständig verarscht."
"Ich hab mich bei so einem Meditationskurs eingeschrieben…"
"Durch die Arbeit verliere ich meine Weiblichkeit, immer mehr!"
"Ich finde, bei diesen Neonlichtern sollte einem eine Brille verschrieben werden."


"Kontroll" erzählt bei allem schwarzem Humor und Action, Horror und Fantasy-Elementen auch eine zarte Liebesgeschichte, die sich wunderbar langsam aufbaut. Bulcsu trifft auf Sofie, eine junge Frau, die sich in einem Bärenkostüm versteckt. Sie laufen sich immer wieder über den Weg.

Filmszene:
"Warum kaufst du dir denn nie eine Fahrkarte?"
"Warum kaufe ich keine Fahrkarte? Ich brauche keine! Weil nämlich mein Vater hier unten Metrofahrer ist."
"Wer ist denn dein Vater?"
"Du kennst ihn bestimmt, den Bela."
"Du bist die Tochter von Onkel Bela?"
"Ja, wieso?"
"Ich hab Bela sehr gern."


"Kontroll" ist ein Ensemblefilm, der es schafft, einige Figuren wie die von Bulcsu, dem Mädchen, oder ihrem Vater, dem Metrofahrer Béla, hervor zu heben. Zusammen gehalten werden die vielen kleinen Episoden durch einen hypnotischen Soundtrack voll elektronischer Musik der ungarischen Band NEO und die farbentsättigten, düsteren Bilder des neuen ungarischen Kamerastars Gyula Pados.

Immer wieder gelingt es Nimrod Antall, die Stimmungen und Genres geschickt zu wechseln, Anleihen bei Filmemachern wie Luc Besson und David Lynch sind unverkennbar, der Humor ist dagegen eher so schwarz und zynisch wie bei Monty Python.

"Kontroll" gewann jede Menge nationaler wie internationaler Preise, unter anderem in Cannes und Cottbus, und im eigenen Land sahen den Film allein über 500.000 Zuschauer. Hollywood soll bereits die Remakerechte gekauft haben.

Service:

Der Film "Kontroll" von Nimrod Antáll läuft ab dem 10. Februar in den deutschen Kinos. Der Eintritt für U-Bahn-Kontrolleure ist bei Vorlage des Dienstausweises frei.
-> Fazit
-> weitere Beiträge
->
-> "Kontroll" - Website zum Film