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7.2.2005
50 Jahre documenta
Überblicksausstellung des documenta Archivs
Von Ute May

Der Gründer der "documenta", Arnold Bode, bei der Begutachtung von Plakaten für die "documenta-4" 1968 in Kassel (Bild: AP Archiv)
Der Gründer der "documenta", Arnold Bode, bei der Begutachtung von Plakaten für die "documenta-4" 1968 in Kassel (Bild: AP Archiv)
Am 16. Juli 1955 lud die 3. Bundesgartenschau ins Zonenrandgebiet nach Kassel ein und bot zudem ein skeptisch beäugtes Kulturprogramm. Das war der Startschuss zur weltweit größten Kunstschau, der documenta. Zum 50-jährigen Jubiläum in diesem Jahr wird es eine Überblicksausstellung des documenta Archivs geben, das die Geschichte der documenta präsentiert.

Die Bürger von Kassel waren eher skeptisch, als 1955 als eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst als Begleitprogramm der 3.Bundesgartenschau geplant wurde. Schauplatz sollte das vom Krieg noch schwer beschädigte klassizistische Museum Fridericianum sein. Der Kasseler Kunstprofessor Arnold Bode wählte diesen 1.Museumsbau auf dem europäischen Festland mit Bedacht, berichtet der 80-jährige Dr. Hans-Kurt Boehlke, der so etwas wie das kulturellen Gewissen von Kassel ist.

Das Museum Fridericianum war in den äußeren Mauern zum Teil wieder aufgebaut, aber im Innern noch ruinös. Und Bode hat die Kunstwerke der ersten documenta inszeniert, so dass die Inszenierung der Kunstwerke fast gleichwertig war mit den Kunstwerken vor den Ruinenwänden, die teilweise gekalkt wurden oder noch ganz roh waren.

Die von den Nationalsozialisten verfemte Vorkriegskunst zu rehabilitieren, war das Ziel der documenta. Die Presse überschlug sich förmlich im Vorfeld der 1.zeitgenössischen Kunstschau.

Die Skulptur "Bataille Sculpture" des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn, aufgestellt anlässlich der documenta 11 (Bild: AP-Archiv)
Die Skulptur "Bataille Sculpture" des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn, aufgestellt anlässlich der documenta 11 (Bild: AP-Archiv)
Arnold Bode hatte sich für eine Überblicksschau unter dem Motto Museum für 100 Tage ausgesprochen. Die Zustimmung war so groß, dass vier Jahre später eine zweite documenta stattfand. Denn, so erinnert sich Hans-Kurt Boehlke,

für Arnold Bode war der Erfolg und der Besucherstrom, der mit der Gartenschau zusammenhing, ein so starkes Erlebnis, dass er sagte, das müssen wir fortsetzen.

Natürlich wieder in Kassel, was Bode in einem Interview aus jener Zeit überzeugend begründete

... Es ist ein bisschen wie Bayreuth, außerhalb der Großstädte, ein bisschen wie Salzburg. Und deshalb meine ich auch ernsthaft, es müsste in Kassel bleiben.

Arnold Bode leitete auch die documenta 3. An der Nr. 4 arbeitete er noch mit. Mit der documenta 5 fiel der Startschuss für einen neuen Ausstellungsrhythmus von nun 5 Jahren. Es gab nun einen neuen künstlerischen Leiter, berichtet Hans-Kurt Boehlke und

... einen Bruch mit der 5. documenta von Szeemann, der dann auch von der Sichtweise Arnold Bodes abrückte. Es wurde dann auch teilweise eine Kunst dokumentiert, die mit der klassischen Moderne nicht mehr allzu viel zu tun hatte. Kunst wurde jetzt auch sehr stark als ein Teilgebiet der Soziologie gesehen.

Frei nach dem Motto "Nach der documenta ist vor der documenta" werden nun während einer laufenden Ausstellung bereits Namen für den nächsten künstlerischen Leiter gehandelt. Alle kamen mit einem sehr persönlichen Konzept nach Kassel und konzipierten sehr individuell. Darunter die

... von Jan Hoet, die ein unglaublicher Erlebnispark war, danach Frau David, die dann doch ganz starke sozialpolitische Elemente mit einbezog, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung des Städtebaus. Jede documenta hatte ihren ganz persönlichen Charakter.

Der österreichische Künstler Lois Weinberger bepflanzte dieses Abstellgleis für die "documenta X" (Bild: AP)
Der österreichische Künstler Lois Weinberger bepflanzte dieses Abstellgleis für die "documenta X" (Bild: AP)
Die documenta Ausstellungen fanden nicht nur hinter verschlossenen Türen statt. Ein eben erschienenes Büchlein gibt Auskunft über Kunstwerke in der Stadt. Da ist der Laserstrahl von Horst Baumann, der seit 1977 Schloss Wilhelmshöhe mit dem Fridericianum verbindet. Da fällt der Blick durch einen gigantischen Stahlrahmen, der die Fulda-Auen wie ein Gemälde erscheinen lässt. Jonathan Borofskys Figur steigt noch immer auf einem Fiberglasstab hoch in den Himmel.

Die Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung war eine großartige Geschichte. 7000 Eichen sozusagen einer Stadt aufzuzwingen, das ist eine geniale Idee. Das ist die soziale Plastik gewesen, die Beuys gesucht hat.

Für den Herbst ist in Kassel eine Ausstellung zum 50. Geburtstag der documenta geplant. Ein ambitioniertes Projekt, das sich mit jeder einzelnen documenta und ihrem Stellenwert für die Kunstgeschichte auseinandersetzt. Christoph Lange bereitet das Projekt wissenschaftlich vor:

Das Konzept der Archivausstellung nimmt die Heterogenität der elf documenta Ausstellungen zum Anlass. Der erste Teil wird heißen "archive in motion". Es wird ein Raum bespielt, in dem sich elf Kammern befinden. In diesen Kammern wird es eine Dokumentation geben bezogen auf jede einzelne documenta. Die andere Hälfte der Kammer wird bespielt werden von einem jungen Künstler, den wir eingeladen haben, sich zu konfrontieren und eine Intervention zu versuchen.

Diese umfassende Rückschau auf 50 Jahre documenta ist nur möglich, weil vor 45 Jahren das documenta Archiv in Kassel gegründet wurde, dass seit dem minutiös alles sammelt, was mit den elf bisherigen documenta Ausstellungen auch nur im entferntesten zu tun hat. Karin Stengel sammelt für das dreigeteilte Gedächtnis der documenta Ausstellungen

sämtliche Akten, die wir erhalten haben. Das sind Briefe zwischen den künstlerischen Leitern und den Künstlern, äußerst spannend zu lesen, auch die Konzeptentwicklung, auch Versicherungsfragen, auch Unfälle, auch Streitfragen ... In einer anderen Abteilung, das ist das Bild- und Videoarchiv, gibt es einen Nachweis sämtlicher Kunstwerke, die auf der documenta zu sehen waren.

Eine umfangreiche Bibliothek mit 85.000 Bänden zur zeitgenössischen Kunst vervollständigt das Archiv.


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