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8.2.2005
Neue Grundlagen für eine technisierte Welt
Das Medienkunst-Festival "transmediale.05" in Berlin
Von Tobias Wenzel

Gravicells - Gravity and Resistance - Seiko Mikami, Sota Ichikawa (jp) (Bild: Jonathan Gröger)
Gravicells - Gravity and Resistance - Seiko Mikami, Sota Ichikawa (jp) (Bild: Jonathan Gröger)
Am Dienstag ist das internationale Medienkunstfestival "transmediale 05" in Berlin zu Ende gegangen. Es stand in diesem Jahr unter dem Motto "basics" und untersuchte vor allem die "neuen Grundlagen" unserer Gesellschaft, wobei einige Medienkunstwerke die uns umgebende Technik versinnbildlichten. Eine Bilanz.

Donnerstagabend, nach der Eröffnung der transmediale: Rund 200 Personen stehen vor dem Haus der Kulturen der Welt und sehen in den Himmel. Einige wählen mit ihren Handys eine von drei ausgeteilten Nummern. Drei Wolken aus Helium-Luftballons schweben in 60 Meter Höhe. In jeder Wolke befindet sich ein Handy. Die Ballons leuchten grell auf, in den unterschiedlichsten Farben. Der britische Künstler Usman Haque hält die Ballons an einem Seil fest:

"Jedes Mal, wenn eines der Handys in den Wolken klingelt, strömt eine neue Farbe in alle Richtungen aus. So wie jetzt der magentafarbene Ring."

Usman Haque macht sichtbar, was eigentlich unsichtbar ist: elektromagnetische Felder. Egal, ob vom Handy oder von Fernsehsendern - die Sensoren in den Ballons registrieren die Strahlung und setzen sie über LEDs in Farbe um.

Moderne Technik nachvollziehbar machen ist die Voraussetzung, um sich mit ihr auseinandersetzen zu können, so der künstlerische Leiter der Transmediale, Andreas Broeckmann:

"Wir sind der Überzeugung, dass die Technologie und die mediale Entwicklung uns wirklich in eine andere Zeit gebracht hat, und dass es deshalb notwendig ist, darüber nachzudenken, was die neuen Grundlagen, die neuen Basics unserer Gesellschaft sein müssen. Also gerade nicht 'back to the basics', sondern 'next level basics'."

Keine Flucht aus der Technik, sondern eine Diskussion in ihrem Kontext. "Basics" hieß dann auch das Motto der diesjährigen "Transmediale". Sechs Tage wurde es in Konferenzen diskutiert und mit Medienkunst-Happenings an mehreren Orten in Berlin hinterfragt. Doch im Zentrum stand die umfangreiche Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt.

"Verzweifelte Versuche, Schönes zu erzeugen" - so nennt der US- Soundkünstler Joe Colley seine Collage. Mystische Klänge von platzendem Eis lässt er in Musikeffekte übergehen. Doch die elektronische Annäherung an die Schönheit der Natur ist zum Scheitern verurteilt. Die Elektromusik wirkt im Vergleich geradezu kakophon.

Auch Thomas Köners Arbeit "Vorstädte der Leere" schockiert das ästhetische Empfinden. Zumindest in den ersten Sekunden. Der Dortmunder Video- und Klangkünstler zeigt, in Zeitlupe und untermalt mit bedrückender Musik, einige tausend Bilder einer finnischen Verkehrsüberwachungskamera. Und zwar nur jene Bilder, auf denen keine Menschen und keine Autos zu sehen sind, stattdessen nur die gleiche trostlose Reihenhaussiedlung im Winter. Der oberflächliche Betrachter verlässt den Raum im Glauben, er habe ein Standbild gesehen. Nur wer ausharrt, so Thomas Köner, bemerkt, wie sich das projizierte Bild minimal verändert:

"Das ist ein Moment, den man auch erlebt, wenn man beispielsweise ein Musikstück hört, und es geht und geht nicht zu Ende. Es zieht sich. Da ist ein Zeitfenster, was geöffnet wird, das möglicherweise als unangenehm oder langweilig empfunden wird, aber durchaus auch die Aufmerksamkeit vielleicht ein bisschen erweitern kann."

Thomas Köner erhielt für "Vorstädte der Leere" den Preis der "transmediale.05". Und zwar zusammen mit der US-Künstlerin Camille Utterback und mit dem österreichischen Duo 5voltcore. Camille Utterback hatte die internationale Jury mit "untitled 5" überzeugt: mit computergenerierter Malerei, auf die die Besucher mit ihren Schritten Einfluss nehmen.

Ein Roboterarm berührt eine Grafikkarte. "Shockbot" nennen die Wiener Christian Gützer und Emanuel Andel ihren offenen Computer. Und der ist, wie Emanuel Andel erklärt, autoaggressiv:

"Das ist ein in sich geschlossenes selbstzerstörerisches System. Es funktioniert so, dass auf dem Computer ein Programm läuft, das den Roboter, der auf dem Computer sitzt, steuert. Dieser Roboter hat die Aufgabe, Kurzschlüsse zu erzeugen, auf der Grafikkarte und auf dem Mainboard des Computers."

Dadurch erscheinen auf dem Bildschirm unvorhersagbare Grafiken: bunte Reihen wie Farbpaletten und, wenn es der Zufall will und die Phantasie zulässt, sogar eine ganze Herde aus winzigen Kamelen. 300 Grafikkarten und 50 komplette Computer haben Gützer und Andel mit ihrer PC-Kunst bereits zerstört. Da kommt das Preisgeld gerade recht.

Doch es bleibt die Frage, wer hier eigentlich der Künstler ist: der selbstzerstörerische Computer oder der Mensch, der ihn umgebaut hat. Wo steht der Mensch im Zeitalter der modernen Technik? Die Japanerin Seiko Mikami ist dieser Frage mit ihrer interaktiven Installation "Gravicells" nachgegangen.

Die Besucher laufen über ein hoch technologisches Quadrat aus 225 beweglichen Zellen und erleben die Gravitation akustisch und visuell. Über eine Projektion erfahren sie ihr exaktes Gewicht, ihre Geschwindigkeit und ihre Position, vermessen über GPS, also über Satellitentechnik. Für Festival-Leiter Andreas Broeckmann verdeutlicht Mikamis Kunstwerk am besten das "basics"-Motto dieser Transmediale:

"Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass unser Mobil-Telefon immer weiß, wo wir sind, damit die Leute, die uns anrufen, das Handy auch finden. Dass aber dahinter ein technisch ganz komplexes System steckt, in dem wir selber auch impliziert sind, das zeigt diese Arbeit. Und die deutet darum für mich auch an, was ein Verständnis von einem 'next level basic‘ wirklich sein könnte."

Und das heißt eben auch, die Komplexität der technisierten Welt erfahrbar zu machen.

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