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10.2.2005
Mehr Flop als Top
"Man to Man" eröffnet die Berlinale
Von Klaus-Peter Wolf

Kristin Scott Thomas in "Man to man" (Bild: Vertigo Productions)
Kristin Scott Thomas in "Man to man" (Bild: Vertigo Productions)
In dem Eröffnungsfilm "Man to Man" gerät die im 19. Jahrhundert angesiedelte Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen zu einem Mantel- und Degenfilm. Trotz Starbesetzung mit Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas ist es nicht nur die Musik, sondern die ganze Geschichte des Films, der das Zuschauergemüt arg strapaziert.

Eröffnungsfilme bei internationalen Festivals sind in der Regel keine "Aufreger". Eröffnungsfilme sind meist solide Hausmannskost, für Jedermann verträglich. Nicht Top, nicht Flop.

Ausnahmen bestätigen diese Regel - auch bei der Berlinale. Eigentlich - so war unter der Hand zu erfahren - war in diesem Jahr zur Eröffnung des Wettbewerbs eine Hollywood-Großproduktion vorgesehen, doch mittlerweile tummelt sich der Film bereits in den Kinos. Auch in den deutschen. Schuld daran ist die zum zweiten Mal um einen Monat vorgezogene Oscar-Verleihung. Das war früher anders: Da gab die Oscar-Akademie während der Berlinale die Nominierten bekannt und so konnten sich einst nicht wenige Stars und Filme, die nach Berlin kamen, hier vor internationalem Publikum präsentieren, vielleicht noch den einen oder anderen Preis mit nach Hause nehmen und sich so noch einmal nachdrücklich empfehlen. Das ist nun aus und vorbei. Jedenfalls für dieses Jahr.

Also, so mögen sich die für den Eröffnungsfilm 2005 Verantwortlichen gedacht haben, warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah. Das "Gute"? "Man to Man" heißt das nunmehr auserkorene Werk. Eine französisch-englisch-südafrikanische Produktion, Regie führt der Franzose Regis Wargnier bei diesem historischem Melodram: Im Zentral-Afrika des Jahres 1870 sind ein englischer Anthropologe und eine holländische Tierfängerin - gespielt von Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas - nebst schwarzen Helfern unterwegs, um etwas bis dato Unerhörtes zu tun: Sie kidnappen im Dschungel ein Pygmäen-Pärchen und bringen es zu Forschungszwecken nach Schottland.

Wargnier beginnt seinen Film mit der rasanten Sequenz einer Menschenjagd, die sich kaum von der auf wilde Tiere unterscheidet. Schnelle, faszinierende, spannende Bilder. Doch das filmische Unheil nimmt schon hier seinen Lauf. Es ist nicht zu sehen, wohl aber zu hören - die Musik. Gewaltig tönt es von der Leinwand, überdeutlich kommentierend, was wir doch längst sehen. Und immer, wenn der Zuschauer innerlich fleht: "Bitte jetzt nicht!", dröhnt es wieder in gehabter Manier. Bis zum bitteren Ende nach zwei langen und langatmigen Kinostunden.

Doch es ist nicht nur die Musik, die an den Nerven zerrt, es ist die ganze Geschichte dieses Kostümfilms, der das Zuschauer-Gemüt arg strapaziert. Eine Geschichte - so wie sie Regis Wargnier erzählt und inszeniert - die hart an der Kolportage vorbeischrammt: Die beiden Pygmäen sind nach Schottland gebracht worden, um die These zu untermauern, dass ihre Rasse das bisher fehlende Bindeglied zwischen Affen und Menschen sei. Primitive Wilde, keiner Gefühle, keiner Intelligenz fähig.

Drei Anthropologen präsentiert uns Wagnier: Einen Skrupellosen, der auf Gedeih und Verderb eben diese These beweisen will; einen Nachdenklichen, der allmählich begreift, das es sich bei den Pygmäen doch um eine vernunftbegabte menschliche Spezies handelt. Der dritte verhält sich wie Buridans Esel, kann sich zwischen beiden Auffassungen nicht entscheiden und verliert darüber den Verstand.

Das alles könnte spannend, berührend sein, ein Plädoyer gegen Rassismus, doch Regis Wargnier delektiert sich an Äußerlichkeiten, an Kostümen und Ausstattung und garniert das Ganze mit vorhersehbaren action-Elementen. Die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen gerät zu einem Mantel- und Degenfilm, angesiedelt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Bleibt die Frage: Warum "Man to Man"? Warum nicht bei einem international renommierten Festival, das in der deutschen Hauptstadt stattfindet, mit einem deutschen Film beginnen ? Beobachter der einheimischen Kino-Szene - eingeschlossen Festivalchef Dieter Kosslick - sind sich einig, dass es hier zu Lande diesmal einen extrem guten Jahrgang gibt. Warum also nicht gerade in diesem Jahr, in dieser Stadt Marc Rothemunds "Sophie Scholl - Die letzten Tage"?

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