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13.2.2005
Die Spitzenmacher
Die Preisträger des Deutschen Kleinkunstpreises 2005
Von Achim Hahn

Lisa Politt, Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises (Bild: Christine Schröder)
Lisa Politt, Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises (Bild: Christine Schröder)
Mit dem deutschen Kleinkunstpreis ist die Kabarettistin Lisa Pollitt vom Duo "Herrchens Frauchen" in Mainz ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte sie als "radikale Denkerin". In der Sparte Kleinkunst wurde Gunkl alias Günther Paal geehrt. Hagen Rether erhielt den Förderpreis der Stadt Mainz.

Es gibt wenige Künstler, denen gleich zwei Mal einer der Deutschen Kleinkunstpreise zuerkannt wurde: Lisa Politt ist eine von ihnen. Als "Herrchens Frauchen", zusammen mit Gunter Schmidt, konnte sie die Jury 1991 schon einmal überzeugen und avancierte fortan zu Deutschlands führendem Kabarett-Duo in Sachen Geschlechterkampf auf musikalischer und links-feministischer Basis:

Ich war eine beinharte Linke, Frauenrechtlerin, so wie ich mir das vorgestellt habe, und das war eigentlich am Anfang das Konzept, dass ich nach Wegen gesucht habe, linke Inhalte lustvoll zu vermitteln oder mit 'nem Handwerk letzten Endes so verführerisch zu sein und die Sinne anzusprechen, damit sich mit konflikthaften Inhalten beschäftigt wird. Also meinen Standpunkt hab ich nicht geändert, ich würde sagen erweitert, besser reflektiert.

Schon lange sind sie Stars der Hamburger Kleinkunst-Szene, bekannt und gefürchtet für ihren messerscharfen Witz und ihre Polit- oder sollte man besser sagen: Politt-Gassenhauer? Lisa Politt ist nämlich der schreibende Kopf der beiden und sie hat in den letzten 22 Jahren souverän den Beweis dafür angetreten, dass zeitkritisches, politisches Kabarett keine reine Männerdomäne ist.

Wir ham einmal ein Lied über Franz Josef Strauss gesungen. Zwei Wochen später war der Mann tot! Das zu der Frage, was Kabarett bewirken kann.

Lisa Politts Texte sind weit entfernt von politischer und sonstiger Rücksichtnahme. Hier wird ein Arschloch auch noch so benannt, wenn sie meint, dass es angebracht ist. Ein Grund dafür ist, dass sie sich auch in Zeiten grassierenden Comedywahns nie von der Vorstellung verabschieden wollte, Kabarett habe etwas mit politischem Anspruch zu tun. Es komme darauf an, Farbe zu bekennen und seinen Standpunkt deutlich zu machen, sagt sie.

Und so würdigte sie die Jury, die ihr den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett verlieh, auch zu recht als "eine radikale Denkerin", die sich in all den Jahren treu geblieben ist.

Wie seinerzeit "Herrchens Frauchen" bekam der Essener Musikkabarettist Hagen Rether den Förderpreis der Stadt Mainz als bisherigen Höhepunkt seines extrem steilen Karriere-Starts. Denn er ist wohl der meistausgezeichnete Newcomer des letzten Jahres, an dem kaum eine Jury vorbeizukommen schien.

Auf der Bühne erscheint Hagen Rether harmlos wie ein Barmusiker, der nur beiläufig einen Baseballschläger auf sein Klavier gelegt hat. Fast ohne eine Miene zu verziehen sitzt er an den schwarzweißen Tasten, um schon nach wenigen lässigen Akkorden, seine bitterbösen Spitzen und ätzenden Wortkaskaden auszuteilen. Dazu spielt er fast nebenbei anspielungsreichen Bar-Jazz; er collagiert aber auch Klassisches oder zieht Pop-Ikonen wie Herbert Grönemeyer durch den Kakao.

Hagen Rether redet leise, manchmal aber auch hemmungslos böse, wenn er seine galligen Bemerkungen macht, die Verlogenheit von Politik und Vergnügungsindustrie geißelt und auch vor dem Privatleben der Prominenten nicht halt macht. Dass er eine Armbinde mit einem Arbeitsamt A trägt, die aber stark an Nazisymbolik erinnert, ist blanke Provokation. Friede, Freude, Pustekuchen, seine Antibotschaft.

Satire kann ja ruhig verwirren, das ist ja nichts Falsches an der Satire. Ich hab ja diese Armbinde nicht privat um, ich lauf auch nicht mit 'nem Baseballschläger rum.

Hagen Rether ist künstlerisch ein kompromissloser Künstler, ein melancholischer Dialektiker, wie er sagt, der die Leute ans eigene Denken kriegen will, und dafür durchaus auch auf Pointen verzichten kann.

Jeder soll sich an der Spitze stechen, an der er sich stechen möchte. Dafür sind Spitzen da.

Dass die Österreicher in diesem Jahr mit dem 82-jährigen Altmeister Gerhard Bronner in der Sparte Chanson und mit Gunkl alias Günter Paal in der Sparte Kleinkunst gleich zwei Preise einheimsten, sei der Vollständigkeit halber neidlos hinzugefügt und wird in der Alpenrepublik bereits ausreichend zur Kenntnis genommen.

Wir als Piefkes wollen uns daher vornehm zurückhalten, die Kabarett-Lexika in Sachen Bronner um einen handschriftlichen Eintrag ergänzen, und uns vornehmen, zum Gunkl mal hinzugehen, wenn er denn mal da ist. Wortgewandt soll er ja sein und aberwitzige Reisen durch Raum und Zeit unternehmen. Mal sehen.

Ergänzende Infos:

Für die deutschsprachige Kabarett- und Kleinkunstszene hat Mainz eine ganz eigene Bedeutung. Dort wird bereits seit 1972 der "Deutsche Kleinkunstpreis" verliehen, die älteste, renommierteste und wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Kabarettisten und Kleinkünstler. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Alljährlich trifft dort auf Einladung des Theaters "Unterhaus" eine aus rund zwei Dutzend Fachjournalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bestehende Jury zusammen, um die Preisträger in den vier Kategorien "Kabarett", "Kleinkunst", "Chanson/Lied/Musik" und "Förderpreis" zu ermitteln. Erster Preisträger war Hanns Dieter Hüsch.
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