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13.2.2005
"Der irrationale Rest"
Dokumentarfilm über einen gescheiterten Fluchtversuch und eine zerstörte Freundschaft
Von Robert Brammer

Die drei Protagonisten aus Thorsten Trimpops "Der irrationale Rest" (Bild: credo:film 2004)
Die drei Protagonisten aus Thorsten Trimpops "Der irrationale Rest" (Bild: credo:film 2004)
Der deutsche Dokumentarfilm: "Der irrationale Rest" erzählt die Geschichte eines gescheiterten Fluchtversuchs aus der DDR. Erst sechzehn Jahre später sind die drei Protagonisten bereit, sich wieder zu sehen. So eng sie damals zusammenlebten, so weit haben sie sich inzwischen voneinander entfernt. Ihre Freundschaft wurde durch Verrat zerstört. Auf der Berlinale hatte der Film im "Forum des Jungen Films" Premiere.

Die Gesichter von drei noch immer jugendlich wirkenden Menschen auf einer langen Seebrücke irgendwo an der ostdeutschen Ostseeküste.
Ihr nachdenklicher und ihr wehmütiger Blick - es sind diese Anfangsbilder, die dem ersten langen Dokumentarfilm von Thorsten Trimpop seine Konturen geben.

Es ist 1987, die Drei sind noch keine zwanzig. Erzählt wird die Geschichte von Susanne, Suse und Matthias. Zwei von ihnen, Susanne und Matthias wagen einen Fluchtversuch. Suse bleibt zurück in Berlin, Hauptstadt der DDR.

Die Flucht scheitert und die Drei werden sich nicht wieder sehen. Erst der Film bringt sie zusammen - nach 16 langen Jahren.

"Das ist doch nicht normal, dass man mit einem Menschen etwas zusammen plant und durchführt, wozu ganz viel Vertrauen gehört und den danach nie wieder sieht."

Wie die Grenze eine Freundschaft zerstört hat, das ist das Thema. Darum kreisen die Bilder und Gespräche. Wie mit einer feinen Sonde wird der Alltag der untergegangenen DDR noch einmal freigelegt. Man sehnte sich nach mehr Freiheit, die in der DDR nicht zu finden war.

"Genau diese Gegend hat etwas wie: Ich mag's hier nicht mehr, hier gibt es keine Luft mehr zum Atmen. Ich kann hier nicht sein und hab keinen Platz hier."

Susanne fühlt sich heute von Suse verraten. Dabei waren sie sich einmal die wichtigsten Menschen.

"Wir wurden in ständiger Angst gehalten - ohne dass man sagt konkret: jetzt musst du dafür Angst haben. Aber so was wie: es könnte passieren. Darum glaube ich, ist es auch schwer zu fassen, weil nicht ganz klar gemacht wurde, dass das und das passiert. Ich habe dieses Gefühl, dass da auch die Macht der DDR herkam, Menschen auch unter Angst zu halten."

Noch immer leben die drei in Berlin, aber seit dem Untergang der DDR haben sie sich nie wieder getroffen. Was sie bis heute verbindet, das ist der missglückte Fluchtversuch, das ist der irrationale Rest ihrer Geschichte, das Unentwirrbare und Nichtreparable.

Die Zeit von damals, sie scheint noch immer wie eingefroren, stillgestellt - wie das Insekt in einem Bernstein.

Nur wenige alte Fotos oder Super 8-Aufnahmen reichen aus, um den Alltag der DDR wie in einer Zeitreise aufleben zu lassen.

Trimpop begleitet seine Protagonisten an die Orte ihrer Repressalien, dorthin, wo sie verhört und erniedrigt wurden. Man erlebt, wie Susanne in ihre Stasiakten Einblick bekommt.

Man ist dabei, wenn Matthais erstmals jenen Brief liest, in dem sein Vater ihm erklärt, dass er seinen Sohn immer unterstützen wird, doch den Brief dann nie abgeschickt hat, weil er in der Partei war.

Und man sieht, wie Suse wieder in jenem Hörsaal steht, aus dem die Stasi sie nach der Flucht ihrer Freunde abholte. Von solcher Art sind die intimen Momente in diesem Film.

Nach der gescheiterten Flucht konnte Suse auf fast niemanden mehr bauen. Ihr Freund Matthais und ihre beste Freundin Susanne saßen im Gefängnis, und die Staatssicherheit setzte sie unter Druck.

"Ja, wenn Sie sich hier also noch selber retten wollen, dann müssen Sie jetzt auch ein bisschen was erzählen. Und dann haben sie auch gar nicht angefangen, mich zu Matthias und zu Susanne zu fragen, sondern zu ganz vielen anderen Leuten. Und ich hab das dann so verflucht, dass mir alle Leute eben alles Mögliche erzählt haben. Dass ich auch so viel von anderen Leuten wusste. Und ich sollte dann über sämtliche Fluchtversuche der Republik reden, hatte ich das Gefühl. Und heute denke ich: es war Blödsinn. Aber damals war das irgendwie ziemlich existentiell eben."

Thorsten Trimpops Dokumentarafilm gleicht einer Reise in das Innere eines untergegangenen Staates.

"Ich hatte nach dieser Haft kein Vertrauen mehr - zu keinem Menschen und auch nicht zu den Menschen, denen ich vorher grenzenlos vertraut habe."

Der Film zeigt abgestorbene Gefühle, Kontakte, die abgebrochen im Nirgendwo enden und kaum noch einen tieferen Austausch zulassen.

"Ich finde, dass ich also jede Menge Freunde verloren hab, überhaupt den Kreis, in dem ich lebte. Und dass es auch mit den Freunden, mit denen ich heute zu tun habe, es nie wieder so geworden ist, wie es früher war. Einfach durch diesen Bruch in der Mitte. Ich hab nie wieder den Draht zu den Menschen bekommen, wie ich ihn früher hatte."

Thorsten Trimpops Dokumentation lässt erahnen, wie sehr sich die Geschichte und der Alltag der Deutschen Demokratischen Republik in die Seelen der Menschen eingebrannt haben. Was von der DDR bleiben wird - das sind diese Fluchtgeschichten.

"Wo ist das Problem: ich bin abgehauen. Verurteilen sie mich. Das war's. Es hat mich sehr erstaunt, dass das nicht ausreicht. Ich gebe ja alles zu. Ist kein Problem. Sondern dass die Leute - meine Vernehmer in diesem Fall - interessiert waren an allem: was ich mache, was ich fühle, was ich für Freunde habe. Das ist wie nackt sein. Die wussten nachher mehr als ich von mir weiß. "

Der Film zeigt still und genau und unaufgeregt, wie nah das alles noch ist, wie viele Verletzungen, wie viele Wunden weder vernarbt noch verheilt sind - auch wenn an der Oberfläche heute alles so normal aussieht.

Thorsten Trimpop hatte bei Beginn der Dreharbeiten gehofft, dass die drei in irgendeiner Weise wieder zusammenfinden würden, Erleichterung erfahren und eine neue Begegnung möglich sein könnte - Katharsis eben.

Trimpops Film endet wie er beginnt. In der letzten Einstellung sind wir wieder auf der langen Seebrücke irgendwo an der ostdeutschen Ostseeküste und blicken in die Gesichter von Susanne, Suse und Matthias. Gesichter, die stumm und wortlos vom Nichterzählbaren einer gescheiterten Freundschaft berichten.
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