Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
12.2.2005
Heilige sehen dich an
Ausstellung über "Das goldene Zeitalter der Ikonen"
Von Anette Schneider

Gottesmutter des Zeichens mit dem Propheten Elias, dem heiligen Nikolaus und Johannes dem Täufer. Mitteltafel eines Triptychons, 2. Hälfte 15. Jahrhundert, Nowgorod. (Bild: Russisches Museum, St. Petersburg)
Gottesmutter des Zeichens mit dem Propheten Elias, dem heiligen Nikolaus und Johannes dem Täufer. Mitteltafel eines Triptychons, 2. Hälfte 15. Jahrhundert, Nowgorod. (Bild: Russisches Museum, St. Petersburg)
Nowgorod, heute eine eher unbedeutende moderne Kleinstadt südöstlich von Sankt Petersburg, war im Mittelalter eines der wichtigsten Handelszentren Europas. Zugleich war sie das Zentrum der Ikonenmalerei, die von Byzanz importiert worden war. Eine Ausstellung in Hamburg porträtiert jetzt mit 80 Ikonenbildern "das goldene Zeitalter der Ikonen" in Nowgorod. Sie alle sind Leihgaben des russischen Museums Sankt Petersburg und Nowgoroder Museen.

Fast wähnt man sich in einer orthodoxen Kirche: Das Licht ist gedämpft, an den Wänden schimmert warm der kostbare Goldgrund der Ikonen, darauf betont schlichte, frontal zum Betrachter stehende Heilige. In der Mitte des Raumes eine Ikonostase, eine Wand voller Ikonen, die in den Kirchen noch heute den Gemeinde- vom Altarbereich trennt. Auch hier die aufrechten Heiligen mit ihren strengen, typisierten Gesichtern.

Man denkt zurück an Byzanz, an Konstantinopel. Doch die Idee der Ikone, so erklärt Heinz Spielmann, Leiter des Bucerius Kunst Forums, ist noch viel älter:

Sie stammt aus der Spätantike, aus der Verehrung der Kaiserbilder. Sie stammt auch aus der spätantiken Malerei, und hat sich dann über Byzanz über den gesamten ostkirchlichen Bereich geltend gemacht, seit der Taufe der Rus im Jahre 988 prägte sie dann auch die Bildvorstellungen und die Bildherstellung der Ostkirche.

Zentrum der russischen Ikonenmalerei war Nowgorod. Die Stadt war durch Handel in alle Welt reich und berühmt geworden, was immer wieder zu Eroberungsgelüsten von außen führte, und so förderten die bujarischen Adelsfamilien den christlichen Glauben nach Kräften: Er sollte die Bevölkerung nach innen und nach außen gegen Feinde einen. Dafür gaben sie dem Erzbischof reichlich Geld, auf das er Kirchen bauen möge. Und, so Ortrud Westheider, die die Ausstellung kuratierte:

Auch die Bujarenfamilien haben Kirchen gestiftet. Es war eine reiche Zeit, es war ein wetteifern zum Teil, wer also die schönsten Ausstattungsstücke dann in den Kirchen hatte, wer die schönsten Kirchen hatte, und das führte dazu, dass das boomte dort.

Und es führte dazu, dass die russischen Ikonenmaler trotz byzantinischer Vorgaben einen eigenen Stil entwickelten. Die chronologisch gehängten 80 Ikonen, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert entstanden, zeigen: Während die frühen Heiligendarstellungen wie in Byzanz noch völlig auf erzählerische Elemente verzichten, werden ab 1400 immer häufiger Geschichten dargestellt.

Der Heilige Nikolaus etwa, einstiger Erzbischof und Russlands wichtigster Heiliger, galt den Gläubigen als Helfer gegen Ungerechtigkeit. Wie es dazu kam, erzählen nun - wie in einem Comic - die ihn einrahmenden kleinen Bilder: da sieht man, wie er die Priesterweihe erhält, dann in die Welt zieht und unschuldig verurteilte Krieger vor harter Strafe rettet, böse Geister aus einem Brunnen vertreibt, und im letzten Augenblick auch noch Schiffbrüchigen zu Hilfe kommt.

Man musste ja auch einem zum Teil leseunkundigen Publikum Geschichten erzählen, man musste auch eindringliche Bildsymbole finden. Und das besondere an diesen Ikonen aus Nowgorod ist diese strenge Frontalität, die Konzentration auf das Wesentliche. Was auch damit zusammenhängt, dass das Bild des Heiligen: das waren die aufrechten Leute, die Vorbilder, die, die für ihren Glauben kompromisslos stritten. Und die wurden dann eben in sehr klarer Weise dargestellt.

So griff die Kirche auch bei Gefahr von außen auf diese Vorbilder zurück. Als im 13. Jahrhundert die Mongolen Nowgorod überfielen, hatte zum Beispiel die Ikone des Heiligen Georg Hochkonjunktur, gilt er doch als mutiger Verteidiger des christlichen Glaubens. Erkennungszeichen seiner Ikone ist der blutrot leuchtende Bildgrund, Symbol christlichen Opferblutes wie des Glaubenstriumphes. Auf ihm sieht man den Lockenkopf ein prächtiges weißes Pferd reitend und den Drachen - also den Unglauben - besiegend. Ebenso effektvoll wie leicht verständlich ist dieses Bild - Nowgorod übrigens wurde von den Mongolen nicht eingenommen.

Andere Bildmotive wurden erst nach bestimmten Ereignissen in den Kanon der Ikonenmalerei aufgenommen. So wie die auf das göttliche Gold gemalte, schützend ihre Arme erhebende Maria.

Heinz Spielmann: Die Madonna des Zeichens geht darauf zurück, dass eine Marienikone während einer der entscheidenden Schlachten um Nowgorod vor den Kämpfenden erschien und den Sieg der Nowgoroder bewirkte. Und dieser Typus wurde dann weiter getragen.

Die typisierende Malweise der Ikonen, die für die schnelle Wiedererkennung des Abgebildeten notwendig war, ließ den Malern keine Möglichkeiten, eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln. Während im 14. Jahrhundert westliche, vor allem italienische Maler damit begannen, individuelle Stile zu entwickeln, weil neue Auftraggeber außerhalb der Kirche nach anderen Themen verlangten, blieb die Ikonenmalerei stets Handwerk, und ihre Hersteller meist unbekannt.

Wie aufwendig die Ikonenmalerei war, weiß man dennoch durch wissenschaftliche Untersuchungen - und weil man in Nowgorod bei Ausgrabungen eine archäologische Sensation fand, die nun erstmals außerhalb Nowgorods im Untergeschoss des Bucerius Kunst Forums zu sehen ist.

Ortrud Westheider: Man hat die Werkstatt eines Ikonenmalers ausgegraben. Es gibt Birkenschriften, auf denen Ikonen bestellt wurden. Und Amphoren, mit denen das Öl aus Byzanz importiert wurden, man hat Gefäße gefunden, in denen die Farben angemischt wurden, man hat Bernstein gefunden, aus denen der Firniss gemacht wurde.

Damit ermöglicht die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum einen wirklich umfassenden Blick auf "Das goldene Zeitalter der Ikone". Im Basement zeigt sie die Mühen der Herstellung und im repräsentativen Obergeschoss die Entwicklung der Ikonenmalerei - bis hin zu ihrem Untergang, der mit Iwan dem Schrecklichen begann, der Nowgorod 1570 völlig zerstörte, und der sich fortsetzte durch die zentralistische Politik Zar Peters, der die Macht der Kirche einschränkte und den Blick nach Westen, auf eine ganz neue Kunstvorstellung, öffnete.

-> Fazit
-> weitere Beiträge
->
-> Bucerius Kunst Forum Hamburg