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12.2.2005
Ehrenbär für den "Vater des koreanischen Kinos"
Im Kwon-Taek erhält Ehrenpreis der Berlinale
Von Anke Leweke

Der südkoreanische Filmmacher Im Kwon-Taek mit dem Golden Ehrenbären für sein Lebenswerk auf der Berlinale in Berlin (Bild: AP)
Der südkoreanische Filmmacher Im Kwon-Taek mit dem Golden Ehrenbären für sein Lebenswerk auf der Berlinale in Berlin (Bild: AP)
Der südkoreanische Regisseur Im Kwon Taek hat den Goldenen Ehrenbären der Berlinale erhalten. Mit mehr als 100 Filmen in einer 40-jährigen Schaffensphase gilt der 68-Jährige als "Vater des koreanischen Kinos". Führte er Anfangs bei kommerziellen Filmen Regie, so begreift er sich heute als Autorenfilmer, der das kulturelle Erbe seines Landes bewahren möchte.

Klassiker zu entdecken, von deren Existenz man bisher kaum eine Ahnung hatte, das ist im Idealfall die Aufgabe der Berlinale-Werkschau. In diesem Jahr widmet sie sich einem Filmemacher, der im Westen nur durch Festivals bekannt geworden ist und doch als einer der wichtigsten Regisseure Asiens gilt: Dem Koreaner Im Kwon Taek.

Seine Filmografie umfasst sagenhafte 100 Filme. Doch der heute 68-Jährige würde mindestens die Hälfte davon am liebsten vergessen. Zu Anfang seiner Laufbahn drehte er für die in den 60er und 70er Jahren boomende koreanische Filmindustrie einen kommerziellen Film nach dem anderen: Gangstermovies, Krimis, Schnulzen, Melodramen, Actionschocker.

Erst seit Beginn der Achtziger Jahre begreift er sich selbst als Künstler und Autorenfilmer, der sich ein großes Ziel gesetzt hat: Die Bewahrung des kulturellen Erbes seines Landes.

Korea ist nun seit etwa hundert Jahren in Kontakt mit westlichen Gesellschaften. Halten Sie mich nicht für einen Kulturchauvinisten, aber ich bin überzeugt, dass mein Land sich zu sehr an diese anderen Kulturen und ihre vermeintlich fortschrittlichen Werte und Traditionen angeglichen hat. Das wäre an sich kein Problem. Aber Korea hat im Laufe dieser Entwicklung viele sehr wertvolle Traditionen verloren, Traditionen, die den Erfahrungsschatz und die Identität unseres Volkes ausmachen. Vielleicht kann man diese Traditionen nicht retten, aber man kann versuchen, sie für die Dauer eines Films festzuhalten und wieder ins Gedächtnis zu bringen.

Eine dieser Traditionen ist die klassische Pansori-Musik, die durch Im Kwon Taeks Anfang der Neunziger entstandenen Film "Sopoynije" sogar eine Renaissance erlebte. Darin erzählt er von fahrenden Musikern, die versuchen, mit ihrer Gesangskunst eine Bevölkerung zu erreichen, die sich unter dem Einfluss der westlichen Konsumkultur nicht mehr für die alten Kunstformen erwärmen kann.

Doch Im Kwon Taek ist nicht nur ein Kulturbewahrer, er gilt auch als Feminist. Das vor fünf Jahren entstandene Liebesdrama Chunyang, ebenfalls auf der Werkschau zu sehen, bestätigt diesen Ruf. Es geht um ein junges Mädchen, das sich der Zwangsverheiratung mit einem Gouverneur widersetzt und ihrem Verlobten, einem Prinzen, gegen alle Zwänge die Treue hält.

Im Kwon Taek, der sich stets höflich und ungemein bescheiden gibt, betrachtet seinen Einsatz für die Sache der Frauen als eine reine Selbstverständlichkeit.

Die traditionelle koreanische Gesellschaft ist eine sehr patriarchalische. Die Frauen spielten nach außen keinerlei soziale Rolle. Sie mussten den Männern gehorchen und führten eine völlig untergeordnete Existenz. Schaut man aber genauer hin, dann begreift man, dass die Frauen sehr wohl bedeutende Funktionen ausfüllten. Sie hielten die Familien von innen zusammen und sie bewahrten die Traditionen und Riten. Sie sicherten die Kontinuität des kulturellen Lebens. Auch wenn man es von außen nicht anerkannte, führten die Frauen ein ungemein dynamisches Leben. Dieses Frauenbild, die andere Kraft, will ich in meinen Filmen porträtieren.

Im Kwon Taek ist nicht nur der Altmeister und Vater des koreanischen Kinos, er wird auch von der jüngeren koreanischen Regisseursgeneration geradezu kultisch verehrt und damit von jenen jungen Filmemachern, die in den letzten Jahre mit extrem gewalttätigen Filmen auf sich aufmerksam machten. Im Kwon Taek sieht dieses Gewaltkino keineswegs als Provokation oder Masche. Für ihn ist es Ausdruck einer Gesellschaft, die sich erst in den letzten Jahren liberalisiert hat und die über Jahrzehnte hinweg von wechselnden Regierungen zensiert, kontrolliert und unterdrückt wurde.

Gewalt ist immer historisch. Sie müssen wissen, dass die koreanischen Regimes in den 50er und 60er Jahre keine wirkliche Legitimität hatten. Also herrschte man mit brutaler, mit schrecklicher Gewalt. Wir führten ein leben im Rhythmus der Kontrollen. Diese Herrschaft konnte die Regierung nur mit Hilfe der koreanischen CIA ausüben. Die K-CIA infiltrierte die gesamte Gesellschaft und jeden Aspekt des Alltagslebens. Auch bei unserem Filmverband kam jeden Tag ein K-CIA-Agent vorbei, um ein Schwätzchen zu halten und herauszufinden, ob alles okay ist. Diese Unterdrückung dauerte sehr lange. Und heute scheint es, als ob von einem Topf, der unter Druck steht, auf einmal der Deckel wegfliegt.

Im Kwon Taek ist ein jovialer älterer Herr, der einerseits sehr elaboriert und couragiert über die Verantwortung der Kunst spricht, über sein Bedürfnis, die koreanische Malerei, Literatur und Musik in seinen Filmen zu bewahren. Aber er ist auch ein Mensch, der mitten im Leben steht. Freimütig erzählt er von seinen Gangsterfreunden aus den 60er Jahren, die heute alle als ehrenwerte Geschäftsleute leben. Und er verspürt eine große Affinität zu den Deutschen, weil sie das einzige Volk seien, das die Teilung seines eigenen Landes nachempfinden könnte. Dass sich beide Länder im Halbfinale der letzten Fußballweltmeisterschaft begegneten, empfindet Im Kwon Taek als schicksalhaft.

Die Fußballweltmeisterschaft hat Korea viel mehr Vor- als Nachteile gebracht. Und die Deutschen waren im Halbfinale ein harter, fairer Gegner. Es war für uns ein historisches Spiel. Die große Überraschung der Weltmeisterschaft war jedoch die unglaubliche Unterstürzung unserer Mannschaft, der Red Devils durch einheimische, aber auch durch internationale Fans. Die zweite Überraschung war, dass in Korea so viele Menschen zusammen kommen können, ohne dass die Regierung oder andere Autoritäten es angeordnet haben. Die massenhaften Versammlungen für die koreanische Elf waren spontan und nicht gesteuert. Es war ein unglaubliches Phänomen. All diese Menschen kamen einfach so zusammen. Der reine Wahnsinn!

Sieben Filme sind in der Werkschau zu sehen, fünf davon wurden noch nie außerhalb von Korea gezeigt. Sie bieten einen kleinen Einblick in das ungemein engagierte und poetische Kino eines Regisseurs, der sich wie kein anderer mit der Kultur und Geschichte seines Landes auseinandergesetzt hat.

Besonders empfohlen sei Im Kwon Taeks Film "Chiwaseon"; das Porträt des berühmten koreanischen Malers Jang Seung-Up, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Obrigkeit stellte und eines Tages spurlos verschwand. Der Film, sagt Im Kwon Taek, habe auch autobiografische Anklänge, da er in seiner Jugend genauso viel getrunken und randaliert habe wie sein malender Filmheld.
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