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14.2.2005
Wildsteins Liste
Streit um die kommunistische Vergangenheit spaltet Polens Gesellschaft
Von Martin Sander

Auszug aus der so genannten Wildstein-Liste (Bild: lista-wildsteina.artemida.pl)
Auszug aus der so genannten Wildstein-Liste (Bild: lista-wildsteina.artemida.pl)
Streit um die polnische Stasi: Der konservative Publizist Bronisław Wildstein hat im Internet eine Liste mit Namen veröffenlicht, die in Akten des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) - vergleichbar mit der deutschen Gauck-Behörde - gefunden wurden. Allerdings ist nicht klar, wer davon Geheimdienstler, Spitzel oder Opfer war. Letztere kämpfen deshalb um ihre Rehabilitation und legen mit einer Flut von Anträgen das IPN lahm, das eigentlich ehemalige Agenten enttarnen soll.

Jacek Zakowski: Im ersten Moment hatte ich den Eindruck, es handele sich um ein Verhalten, das man im Zoologischen Garten beobachten kann, wenn die Tiger spüren, dass die Fütterung naht. Dann beginnen sie unruhig im Käfig herumzulaufen, denn sie riechen schon das Fleisch, aber sie haben es noch nicht.

Jacek Zakowski ist Kommentator des linksliberalen Warschauer Wochenmagazins "Polityka". Die Tiger, von denen Zakowski spricht, gieren nach neuen spektakulären Enthüllungen aus den Akten der früheren polnischen Staatssicherheit. Seit dem Jahr 2000 verfügt Polen mit dem Institut für Nationales Gedenken, kurz: IPN, über eine staatliche Einrichtung, die - vergleichbar mit der Gauck-Birthler-Behörde in Deutschland - Akten der kommunistischen Geheimdienste verwaltet. Zur Verfügung stellt sie sie in begründeten Fällen, auf ausdrücklichen Antrag von Opfern des alten Regimes oder zu wissenschaftlichen Zwecken.

In diesen Wochen erlebt Polen eine beispiellose politische Kampagne. Ihr Kern besteht in der Behauptung, das IPN sei zu zurückhaltend im Umgang mit den Akten. Eine wirkliche Aufarbeitung des Kapitels kommunistische Staatssicherheit müsse endlich in Gang kommen. Mit diesem Ziel veröffentlichte der konservative Publizist und frühere Dissident Bronisław Wildstein Ende Januar eine Liste, die ihm vermutlich von IPN-Mitarbeitern zugespielt wurde. Die so genannte Wildstein-Liste enthält bis zu zweihundertvierzigtausend Namen aus den Akten des IPN.

Seit die Liste im Internet zugänglich ist, kann jedermann die Namen seiner Freunde, Feinde und Verwandten eingeben - oder sich selbst suchen. Jeder Treffer enthält außer dem Namen nur noch das dazugehörige Aktenzeichen aus dem Archiv des IPN. Klar ist dann, dass der Träger des gefundenen Namens einst für den kommunistischen Geheimdienst von Interesse war. Unklar bleibt, ob er Funktionär, informeller Mitarbeiter, Anzuwerbender, aber auch Opfer des früheren Überwachungsstaats war. Vor allem diese Vermischung von Opfern und Tätern erklärt die Aufregung, die die Liste hervorgerufen hat.

Jacek Zakowski: Es ist vollkommen verständlich, dass diejenigen, die auf der Liste stehen und sich nicht schuldig fühlen, das Gefühl haben, dass man ihnen Unrecht antut.

...erklärt Jacek Zakowski...

Jacek Zakowski: Wie also reagieren diese Menschen? Sie gehen zum Institut für Nationales Gedenken und stellen einen Antrag, um als Verfolgte des kommunistischen Regimes Akteneinsicht zu erhalten. In der vorigen Woche haben täglich zwischen zweihundert und vierhundert Menschen allein in Warschau einen solchen Antrag gestellt, mehr als im gesamten vergangenen Jahr.

Das Institut sollte eigentlich in den nächsten Monaten im Blick auf die kommenden Wahlkämpfe eine große Gruppe von Agenten des früheren kommunistischen Geheimdienstes enttarnen, Leute, die zum Teil auch heute aktiv am politischen Leben teilnehmen. Stattdessen ist das IPN nunmehr nur noch damit beschäftigt, neue Anträge entgegenzunehmen, die es auf absehbare Zeit gar nicht bearbeiten kann. Statt Schuldige zu demaskieren, beschäftigt man sich mit der Rehabilitierung von Unschuldigen. Das ist vollkommen paradox.


Mancher noch nicht entlarvte Agent dürfte sich daher über die Wildstein-Liste eher freuen. Im Interesse des Herausgebers der Liste liegt das - wahrscheinlich - nicht. Bronisław Wildstein, der als Student in den siebziger Jahren gegen das kommunistische Regime opponierte, wirbt heute für eine "konservative Revolution" in Polen. Wildstein und seine Freunde greifen diejenigen unter ihren früheren Mitkämpfern an, die heute zum liberalen Establishment Polens gehören.

Sie werfen diesen Liberalen, wie zum Beispiel Adam Michnik, dem Herausgeber der "Gazeta Wyborcza" Kumpanei mit der derzeit regierenden Linken vor. Deren Personal stammt zum beträchtlichen Teil noch aus der alten kommunistischen Nomenklatur. Mit Wildstein begeistert sich heute die polnische Rechte in unterschiedlichen Parteien für eine - wie es heißt - große "Säuberung" im Lande. Grundlage dafür soll die Veröffentlichung aller Geheimdienstunterlagen sein. Der Publizist Jacek Zakowski beschreibt die Haltung der konservativen Revolutionäre.

Jacek Zakowski: Schluss mit den Streicheleinheiten, Schluss mit der Political Correctness, die auf der Entschärfung der Gegensätze beruht. Denn man könne nicht ewig alles abmildern. Das ist dieselbe Strategie, die die Neokonservativen Amerikas in den Irak geführt hat, und mit der unsere polnische Rechte diese Art von Abrechnung betreiben will.

Bronisław Wildstein hat die Öffentlichkeit polarisiert. Nach der Veröffentlichung seiner Liste wurde er als Redakteur der Tageszeitung "Rzeczpospolita" entlassen. Das liberalkonservative Blatt sah seinen Ruf als unabhängige Zeitung beschädigt. Andererseits hat die Diskussion um die Liste den Ruf nach einer gründlicheren Aufarbeitung des Kapitels kommunistische Staatssicherheit weiter verstärkt.

Der Primas der polnischen katholischen Bischöfe Kardinal Glemp hat die Wildstein-Liste ausdrücklich begrüßt. Parteien der politischen Rechten, aber auch der Mitte, haben inzwischen Gesetzesinitiativen angekündigt, durch die weit mehr Menschen des öffentlichen Lebens auf frühere Geheimdienstverwicklungen durchleuchtet werden sollen als bisher - in Zukunft zum Beispiel auch leitende Redakteure privater Medien. Eine Aufstockung des Budgets und des Mitarbeiterstabs im Institut für Nationales Gedenken wurde vor einigen Tagen angekündigt.

Seit heute kann in Polen überdies, wer es denn will, ein T-Shirt und eine Tasche erwerben - mit der Aufschrift "Wildstein" oder "Wildstein premium". Wildsteins Liste hat noch keinen Agenten wirklich entlarvt, aber eine Lawine ins Rollen gebracht.
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