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14.2.2005
"Der späte Mitterand"
Im Wettbewerb: Französischer Film über die letzten Monate Mitterands
Von Jörg Taszman

Der französische Regisseur Robert Guediguian auf einer Pressekonferenz zum Film "Der späte Mitterand" auf der Berlinale in Berlin (Bild: AP)
Der französische Regisseur Robert Guediguian auf einer Pressekonferenz zum Film "Der späte Mitterand" auf der Berlinale in Berlin (Bild: AP)
Der Film "Der späte Mitterand" zeigt die die letzten Monate von Francois Mitterand, der von 1981-1995 französischer Staatspräsident war. Ein junger engagierter Journalist stellt dem Präsidenten Fragen, die die Zerrissenheit Mitterands zwischen politischen Idealen und realen Sachzwängen deutlich werden lassen.

Der 10. Mai 1981 war für Frankreich ein historischer Tag. Damals siegte erstmals seit dem Ende des II.Weltkriegs ein Kandidat der vereinigten Linken bei einer Präsidentschaftswahl. Die sozialistisch-kommunistische Regierung, die Francois Mitterand einsetzte, löste bei vielen Linken viele Hoffnungen aus, dem Kapitalismus etwas anderes entgegen zu setzen. Einer, der sich damals auch freute, ist Regisseur Robert Guédiguian, der sich noch heute auf der Pressekonferenz als Kommunisten bezeichnete. Auch er war damals am 10.Mai auf der Straße. Allerdings mit gemischten Gefühlen.

Robert Guediguian: Ich denke, was von Francois Mitterand bleiben wird, ist der 10. Mai 1981. Das war ein sehr paradoxer und widersprüchlicher Tag. Der Sieg des Sozialismus ging einher mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Traums in der ganzen Welt. Für mich verkörpert Mitterand diesen Widerspruch...

Bekannt wurde Robert Guediguian vor allem mit sozial engagierten, aber sehr menschlichen Geschichten über Arbeiter und die so genannten kleinen Leute, die alle in seiner Heimatstadt Marseille angesiedelt waren. Auch wenn "Der späte Mitterand" bereits Guediguians 13. Spielfilm ist, konnte man in Deutschland bisher nur seinen bekanntesten Film "Marius und Jeanette" sehen.

Nun hat der politisch engagierte Filmemacher das Genre gewechselt und einen sehr reduzierten, kargen Film gedreht, in dem sich der kranke Mitterand einem 30-jährigen Journalisten offenbart, der vor hat, gemeinsam mit Mitterand dessen Memoiren zu schreiben.

Der Film ist eher ein Kammerspiel und sehr theatralisch. Er lebt vor allem durch die großartige, feinfühlige und subtile Verkörperung Mitterands durch den Hauptdarsteller Michel Bouquet, der leider nicht nach Berlin kommen konnte.

Robert Guediguian: Jeder kennt natürlich Michel Bouquet. Ich habe immer gesagt, wenn Bouquet den Film nicht dreht, dann kann ich ihn auch nicht machen. Wir wollten ganz bewusst Mitterand stilisieren, theatralisieren. Wir verwendeten als Allegorie den bevorstehenden Tod eines alten Königs, eines großen Meisters, der sich einen Schüler nimmt, um ihm einige Lektionen aus seinem Leben zu erteilen. Und nur Michel Bouquet konnte diese Parabel über Mitterand glaubhaft zu machen...

Der wohltuend sachliche und unaufgeregt erzählte Film über Mitterand setzt beim Zuschauer sehr viel Vorwissen über französische Politik voraus und das ist durchaus auch ein Manko. Gerade in Deutschland, wo es im Westen nach dem Krieg keine nennenswert starke kommunistische, politische Kraft gab, wird man viele Konflikte im Film zwischen dem jungen, radikal linken Journalisten und einem müden, fast illusionslosen Mitterand kaum nachempfinden können. Wie aber steht der Regisseur selbst zu Francois Mitterand?

Robert Guediguian: Aus einem historischen Standpunkt heraus sage ich heute nicht mehr, dieser Mann hätte irgendetwas verraten. Er hat getan, was er konnte. Wenn es um soziale und geschichtliche Ereignisse geht, haben Menschen immer nur eine sehr relative Macht. Das hat mich die Geschichte gelehrt. Mir ist aber der Mitterand aus einem historischen Blickwinkel betrachtet lieber, als der Mitterand von einem politischen Standpunkt aus, den ich damals erlebte und der meiner Meinung nach viele Fehler beging.....

Ein wenig überraschend erfährt man zwar Persönliches, aber kaum Privates über Mitterand. Der Film rückt den Politiker in den Mittelpunkt. Immerhin klar heraus gearbeitet wird, wie sehr Mitterand die Literatur liebte und Schauspielerinnen. Einer seiner letzten Wünsche war es, noch einmal nach New York zu fliegen und Julia Roberts kennen zu lernen. Blonde Frauen gab es für Mitterand nicht, die existieren doch nur auf den Titelblättern von Hochglanzmagazinen sagte er lachend.
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