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15.2.2005
"Dionysiac"
Ausstellung im Pariser Centre Pompidou
Von Siegfried Forster

Keith Tyson: "Nature - A window on a cellular blanket", 2002 (Bild: Keith Tyson, Hauch of Venison, Londres et Galerie Georges-Philippe et Nathalie Vallois, Paris)
Keith Tyson: "Nature - A window on a cellular blanket", 2002 (Bild: Keith Tyson, Hauch of Venison, Londres et Galerie Georges-Philippe et Nathalie Vallois, Paris)
Das Kühl-Aggregat zeigt Minus 24 Grad an. Im Inneren des Riesen-Containers liegen steif die Überreste einer ausschweifenden Konzertparty - Gläser, Teller, Scherben, Schlagzeug, Gitarren, Aschenbecher… von einer zentimeterdicken Eisschicht überzogen. "Kunst, die aus der Kälte kam". Ein Werk des Schweizers Christoph Büchel.

"Was ich hier zeige, ist ein Container. Ein Club. Wir haben ein Konzert gemacht mit zwei Bands aus Frankreich: eine Punkband und eine Rockband. Das war am 8. Vor einer Woche. Jetzt habe ich alles eingefroren … und alles ist von Eis überzogen. So wie der letzte Moment nach dem Konzert. Ich habe alles belassen. So wie es war. Bierflaschen, zerstörte Instrumente und so weiter…"

Punkmusik und Scherbenhaufen, Kreationen aus Exkrementen und Elixieren, Filme und Fanatismus. Ausgewählte Werke zeitgenössischer Künstler. Christine Mazel hat diesen illustren Kunst-Cocktail vier Jahre lang vorbereitet und gemixt - gemeinsam mit Künstlern, Philosophen und Kunsthistorikern. Der Titel "Dionysiac" soll - in Anlehnung an Nietzsches - ein besonderes Verhältnis der Kunst zum Leben symbolisieren. Christine Mazel:

"Nichts hat sich geändert. Alles hat sich geändert. Die Eigenart der Kunst ist es, sich in ständigem Wandel zu befinden. Diese Ausstellung spricht über fließende Prozesse. Materie in Bewegung. Dieser Exzess an Bewegung ist eben genau auch die philosophische Definition von "Dionysiac". Ein ewiges Thema innerhalb der Kunst - insofern kann man hier nicht von einem Wandel sprechen."

Thomas Hirschhorn erzählt mit seinen "Riesenlöffeln und Riesenkuchen" vom Hunger auf der Welt und dem Heißhunger auf Hamburger. Fabrice Hyber versucht sich in "homöopathischer Malerei", bei der sich Formen und Körper von Trauben, Bakterien und Teddybären durchdringen und unaufhörlich immer wieder neu bilden. Richard Jackson lässt bei "Pump Pee Doo" mit Farb-Eimern und Schläuchen bewaffnete Bären aus knallbunter Glasfaser ins Pissoir pinkeln.

Der Südafrikaner Kendel Geers vereint in seinen Riesengraffitis Erotik, Gewalt und Humor. Bei seiner Installation "Jungfrau Maria" sehen wir acht Brüste einer schwarz auf weiß an die Wände gesprühten Frau, zerbrochene Flaschen und Präservative. Geers hat in Südafrika gegen die Apartheid gekämpft und definiert sich seither als Künstler-Terrorist:

"Was Sie hier sehen, ist eine Art Schauplatz des Verbrechens. Die Besucher kommen hierher und müssen sich anschließend selbst vorstellen, was hier wohl passiert ist. Ich weiß, was passiert ist, aber das geht die Besucher nicht wirklich etwas an.

Für mich geht es nicht um Dionysiac, sondern um Energie und eine bestimmte Art sich dem Kreationsprozess zu nähern. Das beinhaltet auch die Frage nach der Zerstörung. Für mich ist zerstören und kreieren das gleiche. Die größten Künstler haben so gearbeitet - von Leonardo da Vinci bis Picabia."


Das Rattern der Nähmaschinen, die Trillerpfeife und der Kommando-Ton des Aufsehers setzen uns in der illegalen Schneiderwerkstatt des Iren Malachi Farrell in Angst und Schrecken. Stühle bewegen sich im Sekundentakt zwischen Stoff-Fetzen auf und ab. Schleudersitze für Illegale, Massenproduktion und Massenausbeutung im hysterischen Gleichschritt.

"Dionysiac" stellt die heutige Ästhetik und Kunst in Frage, bemerkt Kuratorin Christine Mazel. Sie will mit "Dionysiac" keine Antworten geben, keine Ästhetik bevorzugen, sondern Werke von Künstlern mit ähnlichen Geisteshaltungen unter ganz bestimmten Bedingungen versammeln:

"Es geht um eine totale Konfrontation. Es gibt kein frontales Aufeinandertreffen mehr, kein Innehalten vor einem Kunstwerk mehr. Die Besucher zirkulieren, werden von den Installationen eingefangen.

Die ausgestellten Künstler haben eine gemeinsame Geisteshaltung: nämlich sich zu etwas zu bekennen. Sie glauben an die Macht des Lachens, sie glauben, dass Freude und Tragik eng miteinander zusammen hängen, Paradoxe nicht unbedingt aufgelöst werden müssen, man zu seinen Widersprüchen stehen muss, man nicht resignieren sollte, genauso wenig wie man in Melancholie oder blutleeren Romantismus verfallen soll. Sondern im Gegenteil: seine eigene Weltsicht bekräftigen."


Happy-End im Horrorzeitalter. Dazu passt ein Besuch in der "Betonstube" von John Bock. Eine Liebesgeschichte im Berliner Bunker mit einer umherirrenden Frau und einem eher exzentrischen Szenario:

"Zum Beispiel läuft sie über eine Treppe, tritt auf eine Zahnpasta. Schnitt. Dann wird eine Aktion durchgeführt, wo sie mir in einem anderen Raum, in so eine Betonstube, in diesem Fall Zahnpasta ins Ohr drückt und ich drücke ihr dann das Ohr mit der vollen Zahnpasta gegen einen Stab, der aus einem Stuhl kommt…"
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