Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
15.2.2005
"Gespenster"
Im Wettbewerb auf der Berlinale
Von Bernd Sobolla

Ist sie die Tochter oder nicht? - Julia Hummer, hier auf der Berlinale, spielt die Nina in "Gespenster"  (Bild: AP)
Ist sie die Tochter oder nicht? - Julia Hummer, hier auf der Berlinale, spielt die Nina in "Gespenster" (Bild: AP)
Der Berliner Filmemacher Christian Petzold hat erstmals den Sprung in den Wettbewerb geschafft. Vor drei Jahren erhielt er für "Die innere Sicherheit" den Deutschen Filmpreis. In "Gespenster" erzählt er von einer Französin, deren Kind entführt wurde. Plötzlich meint Francoise, ihre Tochter wieder gefunden zu haben.

Aus "Gespenster": Die vom Gartenbauamt haben angerufen. / Nina! Ich kann dich hier nicht mehr halten. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Lust mehr dazu. Ich habe keine Lust mehr hier mit verschränkten Armen zu stehen und mit sanfter Stimme auf dich einzureden. Es kotzt mich an. Warum wirfst du das alle so weg? Die werden dich wieder nach Oranienburg bringen. Wer ist das denn? / Das ist Toni. / Was will die hier? / Nina abholen.

Nina hängt perspektivlos in einem Berliner Heim herum oder sammelt Müll im Tiergarten. Jeden Tag bricht die Welt für sie ein Stück weiter zusammen. Aber die Begegnung mit der gleichaltrigen, extrovertierten Toni könnte ihr Leben vielleicht verändern. Eine Liebe bahnt sich zwischen den beiden an, und gemeinsam bereiten sie sich auf ein Casting vor, indem sie zunächst ein paar Anziehsachen klauen. Auf der Flucht aus dem Kaufhaus wird Nina von der Französin Francoise entdeckt, gespielt von Marianne Basler. Francoises Tochter wurde als dreijähriges Kind in Berlin entführt. Seither kommt sie immer wieder zurück und sucht verzweifelt die Straßen nach einer inzwischen jungen Frau ab, die ihre Tochter sein könnte. Und jetzt, so scheint es, steht sie wirklich ihrer Marie gegenüber.

Aus "Gespenster": Du hast die Narbe. / Nina! Kommst du? / Kann ich einen Moment allein mit Marie haben? / Ich dachte, du heißt Nina? / So heiße ich auch. / Fünf Minuten. / Sie ist meine Freundin. / Bitte. / Sie sehen doch, dass sie nicht will. / Ich werde euch alles erklären, aber ich muss erst den Knöchel sehen. / Hast du so eine Narbe? / Emh. Da. / Du hast einen Leberfleck zwischen deinen Schulterblättern. Einen kleinen in der Form eines Herzens. / Weiß ich nicht. / Wollen wir nachschauen.

Ein dramatischer Stoff. Und für Julia Hummer nach "Die innere Sicherheit" bereits die zweite Rolle, in der sie ein Mädchen voller Ängste spielt. In "Gespenster" verleiht sie der Trebegängerin Nina mit ihrer introvertierten Darstellung eine große Anziehungskraft.

Julia Hummer: Natürlich ist es schwierig, traurige Charaktere zu spielen. Natürlich ist es auch schwierig, Leute zu spielen, die, pardon, die ständig nur was auf die Fresse kriegen. So ist es halt. Andererseits denke ich auch, dass das gerade diesen Film interessant macht. Und ich hatte mich bei der Darstellung der Nina jetzt ein bisschen mehr gewappnet, weil ich schon wusste, was auf mich zukommt, so dass ich nicht untergehen werde.

Regisseur Christian Petzold hatte schon vor Jahren die Idee, ein deutsches Märchen in die Gegenwart zu holen. Seiner eigenen Tochter las er oft die Geschichten der Brüder Grimm vor. Nur die Seiten zu dem Märchen "Das Totenhemdchen" überschlug er immer. Es war ihm zu grausam. Bis seine Tochter genau diese Geschichte kennen lernen wollte. Sie handelt von einer Mutter, die eine solche Kraft entwickelt, dass sie sogar den Tod ihres Kindes aufhalten kann.

Dabei konzentriert sich Petzold in seinem Film nicht allein auf die Mutter-Tochter-Beziehung, sondern entwickelt vielmehr eine Dreiecksgeschichte zwischen Nina, Toni und Francoise: Auf der einen Seite Nina und Toni, ein mögliches Paar, dessen Liebe sich nur zögernd entwickelt, weil sich Toni auch für einen TV-Regisseur interessiert. Auf der anderen Seite Nina und Francoise, die beide ihre Liebe in der Vergangenheit verloren haben.

Regisseur Christian Petzold war gerade diese Gegenüberstellung besonders wichtig: Francoise, die ausschließlich in der Vergangenheit lebt, Toni, die bedingungslos im Hier und Jetzt agiert, und Nina, die sich irgendwo dazwischen bewegt.

Christian Petzold: Was mich interessiert hatte in der ganzen Beziehung unter anderem, dass die Figur der Nina auf jemanden trifft, der absolut sich überhaupt nicht interessiert, wo man herkommt. Weil das alles für sie nur Ballast ist. Die nimmt sich das, was gerade da ist. (…) Von dieser Gegenwart ist ja die Figur der Nina fasziniert, weil jeder, der im Heim ist, nur mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Der wird ja nur von Therapeuten bearbeitet. Und jetzt trifft sie eine Person, die das absolute Gegenteil von Therapie ist, nämlich Angriff auf die Gegenwart.

Christian Petzold ist in gewisser Weise ein Phänomen unter den deutschen Regisseuren. Mit seinem inzwischen siebenten Film unterstreicht er einmal mehr, dass es keinen anderen deutschen Filmemacher gibt, der eine derart kontinuierliche Entwicklung zeigt. Er perfektioniert von mal zu mal seinen Inszenierungsstil, erzählt mit klaren eindrucksvollen Bildern und kommt mit einem Minimum an Dialog aus.

Allerdings hat man manchmal bei "Gespenster" den Eindruck, dass sich die Handlung ein wenig schneller vollziehen könnte. Und der Hintergrund von Nina und Toni - wie sie wurden, was sie sind - bleibt völlig ausgeblendet. Das ist natürlich gewollt, ein Kunstgriff, mit dem Petzold jede Szene der Gegenwart besonders betont. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es aber dennoch.

Dafür überzeugen alle drei Darstellerinnen: Sabine Timeteo als explosive Toni, Marianne Basler als fast schon im Jenseits schwebende Francoise und schließlich Julia Hummer. Es gibt wohl keine Schauspielerin im deutschen Kino, die so viel sagend und eindrucksvoll schweigen kann.

Das Ganze hat Christian Petzold mit einem Soundtrack untermalt, der Sehnsucht und Verlust, Verzweiflung und Einsamkeit beschreibt und irgendwo auch ein klein wenig Hoffnung andeutet. "Gespenster" ist ein guter Film. Aber er ist nicht gut genug, um wirklich für die Preisverleihung gehandelt zu werden.

Service:

Im Wettbewerb der Berlinale konkurrieren 21 internationale Produktionen. Der Goldene und die Silbernen Bären werden am 19. Februar verliehen.

Link:

Berlinale
-> Fazit
-> weitere Beiträge
-> "Der späte Mitterand" (Fazit)
->
-> Berlinale - Internationale Filmfestspiele Berlin