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15.2.2005
Die Kuh als Fußballtor
Kurzfilm-Wettbewerb zur WM 2006
Von Arno Orzessek

Jutta Limbach, Otto Schily, Franz Beckenbauer, André Heller, Dieter Kosslick (2. Reihe v.l.n.r.), mit den Gewinnern des Kurzfilmwettbewerbs der Berlinale zur Fußball-WM 2006 (Bild: AP)
Jutta Limbach, Otto Schily, Franz Beckenbauer, André Heller, Dieter Kosslick (2. Reihe v.l.n.r.), mit den Gewinnern des Kurzfilmwettbewerbs der Berlinale zur Fußball-WM 2006 (Bild: AP)
611 Filmemachern aus 75 Ländern hatten Beiträge zum Kurzfilmwettbewerb "Shoot goals! Shoot movies!" eingesandt, der zum kulturellen Rahmenprogramm der WM 2006 gehört. 45 Kurzfilme aus 29 Ländern wurden ausgewählt und im Rahmen der Berlinale vorgestellt. Die Filme sollen in den zwölf Stadien während der WM gezeigt werden.

André Heller steht nicht im Verdacht, allzu ernste, schwierige oder gar verstörende Kunstwerke zu bevorzugen - und deshalb hat er als Chef des WM-Kulturprogramms die richtige Funktion gefunden. Zum globalen Ballspielwettbewerb passt leicht konsumierbare Kost fraglos am besten.

Gleichwohl hatte Heller im vergangenen Herbst versprochen, für stets gute Qualität, an der richtigen Stelle für große Namen und vor allem für Internationalismus fernab deutscher Folklore, Rumtata und Alpenjodlern zu sorgen. Er nimmt es mit dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" recht genau.

Der Kurzfilm-Wettbewerb nun, dessen Sieger heute im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Berlinale vorgestellt wurden, hat die Erwartungen, die man realistischer Weise haben konnte, erfüllt - wenn nicht sogar übertroffen.

Es gab 611 Einsendungen - darunter allein 76 aus dem Fußballnirwana Indien -, und aus den fünfundvierzig besten hat Thomas Struck die Kompilation "Shoot goals! Shoot movies!" zusammengeschnitten.

Es sind kleine Komödien darunter, wie das Treffen von zwei Kindern im Film von Magnus Holmgren. Sie haben sich auf einer Wiese zum Fußballspielen verabredet und tun dann ausschließlich das, was sie von den Profis im Fernsehen gelernt haben: Foul spielen, Nachtreten, Trikotzupfen, Elfmeterschinden, ins Gesicht spucken. Dann gehen sie beschwingt nach Hause.

Es überwiegen jedoch die anrührenden, manchmal melancholischen Filme. José Aguillón hat die Blinden-Fußballmannschaften in Mexiko City beobachtet. Sie spielen mit leicht abgewandelten Regeln und vor allem mit einem Spielball, der Geräusche macht, weil er mit Kügelchen gefüllt ist. Wenn die Blinden gefragt werden, dann sagen sie, was alle Fußballer immer sagen: Ein Tor zu schießen, das sei einer der besten Momente im Leben.

Es gibt viele kleine Parabeln, die von den menschlichen und Menschen verbindenden Qualitäten des Fußballs erzählen, etwa die Geschichte jenes kleinen Jungen, der mit Tränen in den Augen, aber ohne Geld in der Tasche um das brodelnde Stadion herumschleicht, sich immer wieder vergeblich einzuschmuggeln versucht und schließlich mit dem Kassenwärter sein eigenes Match austrägt.

Nein, es ist nicht die blendende Fassade der Mediensportart Fußball, für die sich die Filmemacher interessiert haben. Natürlich ist ihre Grundhaltung eher affirmativ, als fußballkritisch - alles andere wäre wohl auch sinnwidrig in diesem Zusammenhang. Gezeigt wird praktisch das Wurzelgeflecht des Fußballs, das elementare Spiel an der Basis der Gesellschaft und vor allem und immer wieder in den Tiefen der Kindheit: Fußball als Sehnsuchtsbeschleuniger, Fußball als Traum des Lebens.

Das kaum eine Minute lange Werk des Inders Sainath Choudhury, das letzte im Reigen, bringt dann Kino und Kicken am nächsten zusammen.

Da steht ein ärmlich bekleideter Junge barfuß im Schlamm, legt sich den Ball wie zum Elfmeter zurecht, hält inne, scheint zu beten, legt den Ball noch einmal in eine andere Pfütze...

... und dann, dann schießt er natürlich.

Es ist ein eindringliches Vorspiel, ein bei aller Inszenierung ungekünstelter Moment, in dem die Kamera Erwartung und Spannung, Konzentration und Ungewissheit gleichermaßen einfängt. Die Überraschung kommt mit dem Umschnitt: Es ist eine Kuh, eine heilige indische Kuh, auf die der Junge gezielt hat. Nun trägt sie den Abdruck des Balls wie ein Brandzeichen in der Seite und senkt erbost ihre Hörner gegen den flüchtenden Schützen.

Fußball ist einer der größten, vielleicht sogar schönsten Bedeutungsgeneratoren der Welt: Das mag die Botschaft von "Shoot goals! Shoot movies!" sein. Sollte es jemanden geben, der das immer noch nicht glaubt - er hätte heute Morgen im Haus der Kulturen der Welt sein sollen.

Da traten neben André Heller Bundesinnenminister Otto Schily, Berlinale-Chef Dieter Kosslick und die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, auf. Aber einer, man sah es in den Augen der Preisträger, stellte sie in den Schatten, so sehr er sich auch um Bescheidenheit bemühte. Es war Franz Beckenbauer, der Kaiser.
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