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16.2.2005
Gedenkstättenkonzept zur deutschen Diktaturgeschichte
Beratung des Kulturausschusses des Bundestages
Von Dorothea Jung

Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (Bild: AP)
Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (Bild: AP)
Das Gedenkstättenkonzept sei geeignet, die Erinnerung an die NS-Terrorherrschaft genauso zu pflegen wie das Gedenken an die SED-Diktatur, meinten die am Mittwoch vor den Kulturausschuss des Deutschen Bundestages geladenen Experten. Einer der Fachleute allerdings warnte vor einer Inflation von Gedenkstätten.

Keiner der vor den Kulturausschuss des Deutschen Bundestages eingeladenen Experten zog eine rundum negative Bilanz des Gedenkstättenkonzeptes der Bundesregierung. In den meisten Punkten sei das Konzept geeignet, die Erinnerung an die NS-Terrorherrschaft genauso zu pflegen wie das Gedenken an die SED-Diktatur, da waren sich die geladenen Fachleute einig. Dass das Konzept ein besonderes Gewicht auf die Verbrechen des Nationalsozialismus legt, nannte der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach nachvollziehbar.

Bernd Faulenbach: So wird man nicht annehmen können, dass wir in zehn Jahren etwa die gleiche Zahl von Gedenkstätten für die NS-Vergangenheit haben wie für die Zeit nach 1945. Das unterschiedliche Gewicht dieser Vergangenheiten wird dazu führen, dass es da auch weiterhin Unterschiede geben wird. Aber das heißt eben nicht, dass es auch ein gewisses Nachholen im Hinblick auf die Gedenkstätten nach 1945 geben kann und wohl auch geben muss.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums der Stiftung "Haus der Geschichte" in Leipzig, Rainer Eckert:

Wir haben, denke ich, einen Schwerpunkt liegen auf den Gedenkstätten, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen - das hat historische Gründe, ist berechtigt, sollte auch nicht geändert werden. Gleichzeitig ist es aber wichtig, die DDR-Gedenkstätten als gesamtnationale Aufgabe zu verankern, nicht nur als Regionalaufgabe in den östlichen Bundesländern.

Eckert regte an, die westlichen Bundesländer zur Co-Finanzierung von Erinnerungsorten im Osten heranzuziehen. Er warnte allerdings vor einer Inflation von Gedenkstätten. So fänden sich beispielsweise an der einstigen innerdeutschen Grenze mehr als 40 Grenzlandmuseen!
Die Wissenschaftler schlugen vor, die geförderten Gedenkstätten kontinuierlich zu evaluieren und jährlich einen Gedenkstättenbericht vorzulegen.

Zur Finanzierung der Erinnerungsorte sieht das Konzept eine "Fifty-Fifty-Regelung" vor: Die eine Hälfte der Gelder kommt vom Bund, die andere von den Ländern und Kommunen. Grundsätzlich sei dies ein wichtiges "Erziehungsinstrument", um die Länder in die Finanzierung einzubinden, meinte Hubertus Knabe, der die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen leitet.

Hubertus Knabe: Bloß, wenn das dazu führt, dass die ohnehin Starken noch stärker werden, weil die noch zusätzlich Geld draufgelegt bekommen, während die armen Schlucker leer ausgehen, weil sie die Eigenleistungen nicht einbringen können, weil es im Grunde die Ungleichgewichte verstärkt. In diesem Zusammenhang glaube ich, muss man doch sich auch noch einmal fragen: Wo wollen wir die Schwergewichte legen? Denn sonst würde es ein ganz zufälliges Ergebnis werden, das man dann vielleicht eine bunte Wiese von Gedenkstätten im prosperierenden Baden-Württemberg hat und eine Wüste in Ostdeutschland - und das kann sicherlich nicht der Sinn der Sache sein.

Hubertus Knabe forderte eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes für Erinnerungsstätten, die sich arme Bundesländer gewissermaßen nicht "leisten" könnten. Gerade in Ostdeutschland sei das historische Bewusstsein für die SED-Diktatur nicht genug entwickelt.

Hubertus Knabe: Wir erleben das häufig, dass die Eltern nicht darüber reden, die Lehrer wollen nicht darüber reden; dann gibt es alte Schulbücher, wo also noch die DDR unter dem Thema "Kalter Krieg und Ost-West-Konflikt" abgehandelt wird und gar nicht als Diktaturformation für sich genommen wird. Und wenn ich mich frage, wie man das lösen kann, dann weiß jeder, der selber Kinder hat, dass die Schule hier nur teilweise hilfreich sein kann, weil das, was man dort beigebracht bekommt, hier doch vielfach so müde abgesessen wird, während die authentischen Orte die Schüler, und das sehen wir jeden Tag, wirklich elektrisieren.

Hubertus Knabe riet den Abgeordneten, sich nicht in eine Diskussion zu begeben, die die Opfer der beiden Diktaturen in Deutschland gegeneinander aufrechnet. Zwei mal Unrecht sei doppeltes Leiden, da sei nichts aufzurechnen.

Dennoch könne es nützlich sein, die beiden Unrechtssysteme miteinander zu vergleichen, gab Joachim Gauck zu bedenken:

Es geht darum, dass die Demokratiefeindschaft dieser 40-jährigen Diktatur und die Feindschaft gegenüber der Herrschaft des Rechtes, die Feindschaft gegenüber der "Rolle des Individuums in einem demokratischen Gemeinwesen" so eklatant ist und so ähnlich gegenüber der braunen Diktatur, dass wir im Grunde genommen den Angriff auf alles, was unsere Demokratie gründet, (der von der kommunistischen Seite ausgegangen ist), aus anderen als nur den Gründen geschehener Verbrechen wichtig nehmen müssen - und ins kollektive Gedächtnis der gesamten Nation (und nicht nur eben derer, die in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gewohnt haben), rufen müssen.

Auch der Westen habe einen Nachholbedarf beim Erinnern an die kommunistische Diktatur. Gerade weil immer wieder neue Lücken im historischen Bewusstsein offenbar werden, sollte man, so die Experten, die Liste der Erinnerungsorte grundsätzlich offen halten. So fehlten beispielsweise bis heute zentrale Gedenkstätten für Menschen, die Widerstand geleistet haben und sich den Diktaturen entgegenstellten.

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