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17.2.2005
Jeans, Autos und Hot Dogs auf Gemälden
James-Rosenquist-Retrospektive in Wolfsburg
Von Volkhard App

Er verwendete Jeans, Autos, Hot Dogs und Spaghettis als Motive. Bekannt wurde James Rosenquist unter anderem mit einem vielfach reproduzierten John-F
Kennedy-Porträt. Neben Warhol und Lichtenstein zählt er zu den führenden Künstlern der amerikanischen Pop Art. Im Kunstmuseum Wolfsburg wird sein Werk facettenreich präsentiert.


Die Karosseriefront eines Ford, eine Portion Spaghetti in Tomatensauce und ein Pärchen beim trauten Stelldichein - was nur haben diese Motive miteinander zu tun? James Rosenquist hat sie 1961 auf einem Bild kombiniert und damit eines seiner typischen Pop-Art-Gemälde geschaffen.

Seine Kollegen Warhol und Lichtenstein erzielten ihre Wirkung, indem sie ein einzelnes Motiv aus der Kosum- und Medienwelt groß herausstellten, Rosenquist montierte gern verschiedene Gegenstände und Figuren auf rätselhafte Weise und hielt sie zudem in ungewöhnlicher Perspektive fest, rückte sie teils in Nahsicht und fragmentierte sie. So bereicherte er das Spektrum der Pop-Artisten um eine fast schon surreale Qualität.

Sich nach ersten ungegenständlichen Versuchen Alltagsmotiven zuzuwenden, lag bei ihm nahe. Mitte der fünfziger Jahre war er nach New York gekommen, um sein Kunststudium fortzusetzen - und verdiente sein Geld mit der Gestaltung riesiger Werbetafeln: am Times Square und andernorts.

Rosenquist: Ich habe jahrelang Reklame für Zigaretten, Whisky und Filmstars an die Fassaden gebracht. Dann bekam ich ein eigenes Atelier und wollte Bilder malen wie kein anderer zuvor. Befreundete Kunststudenten spritzten Farbe über die Leinwand, man nannte das damals Tachismus. Ich dagegen wollte Gegenstände malen, die jedermann wieder erkennen konnte und die doch rätselhaft wirkten. Ich verwendete Hot Dogs, Jeans und Schreibmaschinen als Motive. Das tägliche Leben schlug auf meinen Bildern ein wie der Blitz.
Hier um mich herum sehen Sie einige meiner frühesten Arbeiten, zum Beispiel das Gemälde mit dem Ford, den beiden Menschen und den Spaghetti.


Mit dem Etikett Pop-Art-Künstler aber kann er nicht soviel anfangen: Nein, Kritiker haben diese Etiketten verteilt - und behauptet, die Pop-Künstler würden ihre Motive, die Dinge des Konsums und der Werbung, wirklich lieben. Das Gegenteil ist bei mir der Fall. Ich habe sie als Bildmaterial benutzt, als Vehikel.

1962 hatte Rosenquist in New York seine erste Einzelausstellung, verkaufte seine Werke im Nu, machte Furore.

Einige seiner berühmten Gemälde sind in Wolfsburg versammelt, dazu gehört das einer Illustrierten entnommene Konterfei der Schauspielerin Joan Crawford - ein paar andere Schlüsselwerke, zum Beispiel das vielfach reproduzierte Bild mit dem John-F
Kennedy-Porträt, dem zerbröselnden Kuchen und der Autoansicht vermisst man in dieser Schau.

Und das nahezu 30 m lange Panoramabild "F - 111" muss man sich ohnehin hinzudenken, jenes Schlüsselbild von 1965 mit dem Kampfflugzeug und Alltagsgegenständen wie einer Trockenhaube und einem Regenschirm, die vor dem Hintergrund des Kriegsgerätes ebenfalls bedrohlich erscheinen. Aufgrund dieses Gemäldes wurde Rosenquist als politischer Künstler eingestuft. Sieht er sich selber auch so?

Gute Frage. Ich möchte meine Kunst mit dem Leben verbinden. Mein Gemälde "F - 111" wurde als Anti-Vietnam-Bild interpretiert. Ich habe auch einmal wegen einer Antikriegs-Demonstration in Washington im Gefängnis gesessen. Ich habe meine politische Meinung deutlich zum Ausdruck gebracht, dann aber eines Tages damit aufgehört. Bis zum vorigen Jahr, als ich für einen Regierungswechsel in meiner Heimat eintrat. Ich habe jedenfalls den Kandidaten Kerry unterstützt, der die Wahl aus mehreren Gründen verloren hat.

Rosenquist wird in Wolfsburg facettenreich präsentiert:
Illustriertenausrisse und Klebecollagen, die einzelnen Gemälden als Vorlagen dienten, sind miteinbezogen - und Skulpturen: Auffällig ist eine überdimensionierte, horizontal angebrachte Büroklammer. Was Rosenquist nach seiner Pop-Art-Phase schuf, hat allerdings nicht dieselbe Popularität erreicht wie das Oeuvre jener unwiederholbaren Aufbruchzeit.

In der Retrospektive fallen einige Gemälde aus den achtziger und neunziger Jahren auf. Inspiriert von Florida, von der üppigen Vegetation in der Umgebung seines Ateliers, malte Rosenquist Blumen und Blätter. Hinter streifenförmig ausgesparten Bildteilen sind zudem Frauengesichter erkennbar. Der Künstler sieht diese Gemälde als Impuls, über die Stellung des Menschen in der Natur nachzudenken. Eine Serie mit Puppen, die in Zellophan eingewickelt sind, will er sogar als Hinweis auf die Liebe in den Zeiten von Aids verstanden wissen.

Und auch die großformatigen Visionen vom Weltall haben einen kritischen Hintergrund. Fraglich ist nur, ob sich all diese Momente der Nachdenklichkeit wirklich auf den Betrachter übertragen, wirken diese Werke doch wie am Computer hergestellte bunte Vexierbilder - auch wenn Rosenquist dieses technische Hilfsmittel nach wie vor verschmäht.

Sarah Bancroft von der New Yorker Guggenheim Foundation hat diese Schau mit konzipiert und bewertet die Entwicklung des Künstlers so:

Er war auch weiterhin daran interessiert, die eigenen Grenzen auszudehnen. In seinem Pop-Art-Stil wollte er nicht weitermalen. Aber er hat immer wieder unterschiedliche Motive und Bildwelten miteinander kombiniert. Doch diese Montagen sind ganz anders als die frühen Arbeiten. Und seine jüngsten sind sogar stark abstrahiert, das heißt, er hat über seine realistische Figurenwelt einen eigenen Weg in die Ungegenständlichkeit gefunden.

Waren die für die Berliner Guggenheim-Dependance Ende der neunziger Jahre entstandenen Werke mit ihren Anspielungen auf die deutsche Geschichte schon von einem Bilderstrudel bestimmt, so haben sich Rosenquists Motive inzwischen tatsächlich verflüchtigt. Ein solch riesiges Gemälde der Serie "Lichtgeschwindigkeit" bildet den Schlusspunkt der Ausstellung. Ein Künstlerleben wird so besichtigt - der Ruhm hängt an ein paar Jahren in den Sechzigern, ein vitaler Maler aber ist Rosenquist bis zum heutigen Tag geblieben.

Service:

Die Ausstellung "James Rosenquist: Retrospektive" ist vom 19. Februar bis 5. Juni 2005 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

Link:

Kunstmuseum Wolfsburg: "James Rosenquist: Retrospektive"
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