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17.2.2005
"Sometimes in April"
Film über den Völkermord in Ruanda auf der Berlinale
Von Jörg Taszman

Die ruandische Schauspielerin Carole Karemera, hier auf der Berlinale, spielt in "Sometimes in April"  (Bild: AP)
Die ruandische Schauspielerin Carole Karemera, hier auf der Berlinale, spielt in "Sometimes in April" (Bild: AP)
Der Wettbewerbsbeitrag "Sometimes in April" auf der Berlinale thematisiert den Völkermord in Ruanda und die Teilnahmslosigkeit in aller Welt. Der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck war Kulturminister der Aristide-Regierung und lernte sein Handwerk unter anderem an der Filmhochschule in Berlin. Bei der Aufführung in Ruanda wollten 30.000 Menschen seinen Film sehen.

Nur selten geschieht es, dass auch Journalisten nach einem Film wirklich betroffen sind, so wie heute bei Raoul Pecks "Sometimes in April", der an den Völkermord in Rwanda erinnerte. Raoul Peck's ursprünglich für den amerikanischen Pay TV Sender HBO gedrehte Film ist ein emotionaler, manchmal auch didaktischer Aufschrei, der die Opfer ins Blickfeld rückt, aber auch die Täter und Mitwisser zeigt, sowie all jene, die wegschauten. "Sometimes in April" tut weh und das ist richtig so. Man kommt bestürzt, wütend aber auch hilflos aus diesem Film. Und auf der Pressekonferenz zum Film lautete die fast verzweifelte erste Frage eines kanadischen Journalisten: Was können wir tun?

Raoul Peck, der Regisseur: Was die Rolle der Presse angeht, so sind Sie als Einzelperson nicht direkt verantwortlich. Sie haben ja Chefredakteure und Herausgeber über sich und es stimmt, dass es sehr schwer ist, gewisse Informationen durchzubekommen, auch wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Wenn dann der Rest der Welt auch noch beschlossen hat, wegzuschauen, wird es noch schwieriger. Ich habe da auch keine Antwort drauf, aber wir werden weiter solche Filme drehen, in der Hoffnung, dass vielleicht so etwas wie ein Gewissen entsteht. Solange man Menschen als "den Rest der Welt" betrachtet und sich für ihr Schicksal nicht interessiert, wird es Völkermorde geben. Leider!

Raoul Peck ist einer der interessantesten Filmemacher derzeit mit einer außergewöhnlichen Biografie. Geboren in Haiti wuchs er in Zaire und in Frankreich auf, studierte auch lange in Berlin, wo er die Deutsche Film-und Fernsehakademie dffb abschloss. Danach war Raoul Peck für kurze Zeit Kulturminister der Aristide Regierung in Haiti und drehte vor vier Jahren den beeindruckenden Spielfilm "Lumumba", der leider in Deutschland fast unbeachtet blieb, dafür jedoch in den USA relativ erfolgreich in den Kinos lief. Raoul Peck wirkt in schwarzen Lederhosen und Baseballcap viel jünger als seine 51 Jahre und ist ein hochsympathischer und offener Gesprächspartner, der im Interview auf Deutsch erklärt, warum und unter welchen Voraussetzungen er bereit war, diesen Film zu drehen:

Ich habe Bedingungen gestellt. Wenn ich schon so einen Film mache, dann nur in Ruanda und mit Ruandern. Die Hauptfiguren mussten Ruander sein, es musste von ihrem Blickpunkt aus sein. Anders konnte ich mir diesen Film nicht vorstellen. Das war die Grundbedingung für mich. Ich musste das alles auch selber spüren und bin nach Ruanda gegangen, um das selbst zu erleben, wie das ist, was passierte, um es von den Leuten selbst zu hören.

Durch seinen Film "Lumumba", der in Afrika und Ruanda sehr bekannt und populär ist, brachte man Raoul Peck großes Vertrauen entgegen. Sehr sorgfältig wählte er die Darsteller aus, vor allem die vielen Statisten, die Opfer wie Täter verkörperten. Dabei akzeptierte es der Regisseur, wenn einige sich weigerten, als Täter mitzuwirken.

"Sometimes in April" erzählt die Geschichte zweier Brüder, von denen der eine als Radiomoderator zum Hass und zum Morden aufrief, während der andere, ein Offizier der ruandischen Armee, seine Frau und drei Kinder verliert und selbst zum Gejagten wird. Zehn Jahre nach dem Völkermord und wieder im April treffen sich beide Brüder am Rande eines UN-Tribunals wieder. Dabei brechen alte Wunden auf und in Rückblenden erfährt man unter anderem von einigen grausigen Massakern in Kirchen und an katholischen Mädchenschulen, bei denen es kaum Überlebende gab.

Auch wenn der Film gelegentlich dramaturgisch etwas unbeholfen wirkt, die darstellerischen Leistungen gerade zu Beginn nicht immer überzeugen und der Ton des Films gelegentlich belehrend wirkt, so kann man sich der Kraft dieser Geschichte nicht entziehen. Es gibt Filme da sind formale und geschmäcklerische Einwände eher nebensächlich. Viel wichtiger ist es, dass "Sometimes in April" in Ruanda gezeigt wurde und auf enormes Interesse stieß.

Raoul Peck : Für mich war das ein Teil des Projektes, dass wir dort hingehen und das zusammen machen und dass sie die Ersten sind, die das sehen, damit ich mich dann frei fühlen kann mit der Welt und sagen, sie fühlen sich vertreten durch diesen Film. Es ist ihr Film. Das musste ich haben, bevor ich zur Berlinale kommen konnte. Wir haben zwei Vorführungen gemacht in einem Stadion, eine Riesenleinwand mitgebracht und Techniker. Zur ersten Vorführung gab es 7000 eingeladene Gäste: die Regierung, der Präsident waren da und die Schulen waren da und das diplomatische Corps.

Bei der zweiten Aufführung entschloss sich Raoul Peck, den Film live von zwei Schauspielern auf kinu-ruandesisch einsprechen zu lassen, weil gerade viele in Ruanda weder Englisch können, noch in der Lage sind, Untertitel zu lesen. Der Andrang war so enorm, dass die Polizei völlig überfordert war und statt der geplanten 7000 Zuschauer 30.000 Menschen den Film sahen. Das war einmalig in meinem Leben, sagt Raoul Peck, der hofft, auch im Westen und in den USA mit seinem Film etwas bewegen zu können.

Raoul Peck : Ich denke, es ist schwer für irgend jemanden aus diesem Film herauszukommen, ohne beeindruckt zu sein und sich Fragen über sich selbst und die eigene Rolle zu stellen. Wir hoffen, dass es helfen wird. Ich denke nicht, dass es viel bewegen wird, wenn es um Machtinteressen geht, aber Schritt für Schritt werden die Leute anfangen darüber nachzudenken. Und wir haben keine andere Wahl, als solche Filme zu machen.

Service:

Im Wettbewerb der Berlinale konkurrieren 21 internationale Produktionen. Der Goldene und die Silbernen Bären werden am 19. Februar verliehen.

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