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20.2.2005
"One step beyond"
Ausstellung über Minenopfer in Krefeld
Von Arno Orzessek

Minensucher - Foto aus der Ausstellung "One step beyond" (Bild: Lukas Einsele)
Minensucher - Foto aus der Ausstellung "One step beyond" (Bild: Lukas Einsele)
Der Künstler Lukas Einsele will den Opfern von Landminen ein Gesicht geben. Für sein Projekt "One step beyond" besuchte er die Regionen, die am stärksten durch Landminen betroffen sind: Angola, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina und Kambodscha. Er befragte die Opfer nach dem Moment des fatalen Schrittes und fertigte Porträts von ihnen an. Diese sind jetzt in Krefeld zu sehen.

Celestina Hashihali heißt die Angolanerin und Mutter von fünf Kindern, die vor Jahren ihre erkrankte Tochter ins Hospital von Luena bringen wollte. Unterwegs wurde sie plötzlich in die Luft gehoben und herumgewirbelt. Und als sie nach dem Sturz auf ihren rechten Unterschenkel sah, war er nicht mehr da - eine explodierende Landmine hatte ihn abgerissen.

Was Celestina Hashihali widerfuhr, geschieht irgendwo auf der Welt laut Statistik alle zwanzig Sekunden. Und angesichts dieser Tatsache arbeitet der Mannheimer Künstler Lukas Einsele an dem multimedialen Projekt "One Step Beyond", das Minen und Opfer aus der Anonymität des Gewaltgeschehens herauslöst und in ein Netzwerk der Bewusstmachung integriert. 2001 und 2002 bereiste er Kambodscha, Afghanistan, Angola und Bosnien-Herzegowina, vier Länder, deren Böden am stärksten von Minen verseucht sind.

In der Krefelder Ausstellung führt Einsele nun großformatige Fotografien, Porträtfotos, Tondokumente, verschriftete Opfer-Erzählungen und technische Dokumentationen über die Minen zu einem Ensemble zusammen, das von der "Ästhetik des Unsichtbaren" geprägt wird. So drückt es jedenfalls Martin Hentschel aus, der Direktor von Haus Esters. Und Einsele inszeniert tatsächlich weder Blut noch abgerissene Gliedmaßen noch verunstaltete Stümpfe - und er schätzt Betroffenheitsrhetorik genauso wenig wie moralische Dauerappellationen.

Lukas Einsele: "Ich versuche tatsächlich auch, konzeptionell das zu vermeiden. Weil ich glaube, dass an dem Punkt jeder selber, mit seiner Moral - das muss ich keinem vorschreiben. Das ist das Schöne an dem Thema, jetzt zynisch gesprochen: Gegen Minen muss man eigentlich sein. Man kann gar keine Position dafür einnehmen."

Die unbetitelten Fotos, die den künstlerischen Mittelpunkt des Projekts bilden, scheinen auf den ersten Blick prächtige Landschaftsporträts mit Menschen zu sein - etwa jenes Foto von den Shomali Plains nördlich von Kabul. Man sieht einen Radfahrer auf einen malerischen Feldweg zusteuern. Dass im Boden der Tod lauert, zeigen allein kleine Steine am Wegesrand, die innen weiß und außen rot angestrichen sind. Hinter der roten Markierung liegt vermintes Land. Doch die Aussage der versteckten Bildzeichen reicht noch weiter.

Lukas Einsele: "Man sieht aber auch auf dem Foto, dass die Äcker zu einer Seite des Weges durchaus schon bestellt worden sind. Da sind zwar rote Steinen, die warnen, das ist noch nicht geräumt. Trotzdem gehen die Leute wieder hin, weil die natürlich argumentieren: Wenn ich jetzt darauf warte, bis das alles geräumt ist, bin ich verhungert. Also baue ich doch lieber jetzt an und gehe ein Risiko von eins zu hundert, eins zu tausend, keine Ahnung ein, verwundet zu werden. Es geht in der Regel gut, aber es geht auch häufig schief."

Lukas Einsele bat bei seinem Aufenthalt in den Minengebieten die Verstümmelten, ihm die genauen Umstände ihres Unglücks zu erzählen. Manche fertigten auch Zeichnungen an, um den Hergang zu verdeutlichen. Einsele wiederum portraitierte die Erzähler und schenkte ihnen noch an Ort und Stelle einen Abzug der Fotografie.

Lukas Einsele: "Es ist ganz wichtig, für mich, für die Situation dort, dass das Gespräch, die Begegnung einen Abschluss findet, der sich außerhalb der Geschichte befindet, nämlich bei dem Menschen. Und dieses Porträt... in der Regel zeigt das ja keine Verwundung, keine physische Verwundung. Und fast alle Leute, die ich porträtiert habe, fanden sich ausgesprochen gut aussehend auf den Bildern. Und das ist auch wiederum wichtig, ich versuche, ein schönes Foto von dem Menschen zu machen, und damit auch ihm ein wertvolles Objekt, was ihm selber wichtig ist, zu geben."

Minenräumung mit der Hand in Sri Lanka (Bild: AP Archiv)
Minenräumung mit der Hand in Sri Lanka (Bild: AP Archiv)
Die gleichen Fotos in einer hochwertigen Reproduktion sieht man nun auch im Haus Esters. Keinem einzigen Gesicht ist Leiden und Schmerz deutlich eingezeichnet. Und doch spürt der Besucher Abgründe - eine reflektierte Beklommenheit, die vom Kopf in den Bauch sinkt. Dazu tragen vor allem die technischen Dokumentationen über die Minen bei, die aller Wahrscheinlichkeit nach die vorgestellten Menschen versehrt haben. Einsele hat die diversen Typen mit Hilfe einschlägiger Handbücher recherchiert - und er hat es getan, um die Ereignisse in den Kriegsregionen mit dem Friedensanschein in unseren Breiten zu verknüpfen.

Lukas Einsele: "Für diese Person, die auf der Mine verunglückt ist, ist nur die Mine da gewesen. Das ist der Repräsentant des Landes, des Produzenten, der Krieg führenden Partei, des Krieges, der schon längst vorbei ist möglicherweise. Das heißt, für diese Leute spielt das eigentlich keine Rolle, wer hat diese Mine gemacht. Das ist für uns sozusagen der Link zu unserer Welt, wenn wir von einer Mine erfahren, die ist in Italien gemacht worden, dann denken wir an Urlaub und Eiscreme.... und damit fängt bei uns vielleicht wieder was an zu arbeiten."

"One Step Beyond" überschreitet die konventionellen Grenzen zwischen Kunst, Bild-Journalismus und öffentlicher Agitation. Einsele passt die Module seines Projekts stets neu der Situation an - und wird es auch wieder tun, falls im Herbst die avisierte Ausstellung im UN-Hauptquartier in New York realisiert würde, dort, wo mit der Finanzierung von Minen-Räumungsprogrammen praktisch das Schicksal ganzer Länder entschieden wird.

Lukas Einseles Arbeit führt vor, dass der Welt-Raum ein einziger, unteilbarer Verantwortungsraum ist - und verzichtet trotz des grausamen Themas auf oberflächlichen Schrecken und Schock. Die Wirkung seiner Kunst-Ensembles gleicht vielmehr einer Einladung.

Lukas Einsele: "Ziel ist es, dass der Besucher, der Betrachter der Bilder Sympathie spürt für das, was ihm begegnet auf den Bildern, das er, sei es bei den Porträts, mit dem schönen Gesicht der Person sympathisiert. Sei es bei den farbigen Bildern mit der Landschaft, mit den Menschen, die darauf zu sehen sind, erst einmal ein Bündnis der Sympathie, nicht der Abgrenzung erlebt."

Ein fröhliches Projekt kann "One Step Beyond" beim besten Willen nicht sein. Andererseits hat Lukas Einsele erlebt, was auf den ersten Blick obszön erscheint: Auch die Minen, die den Tod verbreiten, werden eingespannt für das Leben - und zwar von den Minenopfern selbst.

Lukas Einsele: "Es ist eine erschreckende, teilweise auch deprimierende Situation, aber gerade in den Rehabilitationsprojekten, gerade auch in der Minenräumung zeigt sich so ein Sisyphos-artiger Optimismus. Das dauert jetzt zwar hundert Jahre, aber ich mach es. Ich kann davon leben, ich kann meine Familie davon ernähren, dass ich Minen räume. Mir fehlt zwar ein Bein, aber ich kann Fahrrad fahren, ich bin viel schneller als die, die zu Fuß unterwegs sind. ... Also diese Normalität zu erreichen, ist schon ein Triumph."

Service:

Lukas Einsele: One Step Beyond
Wiederbegegnung mit der Mine
20. Februar - 8. Mai 2005
Museum Haus Esters/Krefeld

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