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19.2.2005
Der Erfinder der Themenausstellung
Ein Nachruf auf Harald Szeemann
Von Rudolf Schmitz

Harald Szeemann, Schweizer Ausstellungsmacher von internationalem Rang (Bild: AP)
Harald Szeemann, Schweizer Ausstellungsmacher von internationalem Rang (Bild: AP)
Der Kurator und Kunsthistoriker Harald Szeemann ist tot. Er starb in der Nacht zum Freitag in Zürich. Szeemann wurde bekannt als Leiter der "documenta 5" 1972 sowie als Direktor der Sparte "Visuelle Kunst" bei der Biennale in Venedig. Szeemann gilt als der "Erfinder" der Themenaustellung.

Viele seiner Ausstellungen machten Geschichte. Schon mit ihren Titeln verrieten sie den Anspruch, eine neue Sicht der Dinge zu propagieren - sie hießen: "Junggesellenmaschinen", "Der Hang zum Gesamtkunstwerk", "Individuelle Mythologien", "Visionäre Schweiz", "Austria im Rosennetz" oder "Museum der Obsessionen".

Doch es ist eine Ausstellung von 1978, "Monte Verita", der Berg der Wahrheit, die Harald Szeemann vielleicht am treffendsten charakterisiert. Sie nämlich handelte von den frühen Aussteigern, Schwärmern und Utopisten von Ascona und deren Weltinterpretationsversuchen. In ihr ging es um weltanschauliche und utopische Kraftfelder, die sich an bestimmten Orten der Welt entfalten und alle dort Lebenden in ihren Bann ziehen.

Und nichts anderes sollte in den Augen des Schweizer Kurators eine Kunstausstellung sein: ein magnetisches Kraftfeld, das zum Erkenntnisvehikel wird, und zwar mithilfe der subversiven Energien von Künstler und Werk.

Harald Szeemann: "Meine ganze Tätigkeit war ja immer so, dass ich in erster Linie versucht habe zu überraschen, durch eine neue Art des Sehens, über das Medium der Ausstellung. Ich will ja immer mit jeder Ausstellung eine Art Weltbild vermitteln".

Als Harald Szeemann 1969 als Leiter der Kunsthalle Bern die damalige Gegenwartskunst vorstellte - Konzept, Land Art, Performance, Happening - schütteten ihm noch erboste Kritiker eine Fuhre Mist vor die Kunsthalle. Der Kurator beschloss, künftig auf institutionelle Absegnung zu verzichten und gründete die "Agentur für geistige Gastarbeit". In dieser Funktion inszenierte er die documenta von 1972 als Erlebnisparcours, zeigte darin die Generation der zornigen jungen Kunst und erregte Skandal und Begeisterung. Heute gilt die documenta 5 als bisher unübertroffener Geniestreich eines Trendscouts.

Dieser Ruf begleitete Harald Szeemann, im Übrigen ein brillanter Essayist, bei all seinen Unternehmungen. Der Schweizer prägte das Bild des inspirierten Künstlerkurators, der kreative Geister um sich schart, sie zu Offenbarungen bringt und staunenerregende Ausstellungsereignisse in die Welt setzt.

Harald Szeemann: "Ich habe ja immer gesagt, ich zeige nur, was ich liebe. In dem Moment sage ich ja nicht, dass alles Andere schlecht ist, oder?"

Die Themenausstellung, heute so beliebt, aber meist so schlecht verwirklicht, war nicht nur Szeemanns Erfindung, sondern lange Zeit auch sein Monopol. Niemand spielte auf diesem Instrument so bravourös wie er. Nicht wenigen Künstlern ging dies gegen den Strich: Sie fühlten sich vom Starkurator Szeemann instrumentalisiert und verweigerten Gefolgschaft. Die Einzelausstellungen, die der Schweizer im Kunsthaus Zürich mit Künstlern wie Twombly, Delacroix, Polke, Baselitz, Serra, Nauman oder Beuys inszenierte, zeigten stets unverwechselbare Handschrift.

Gegen Ende der 80er Jahre allerdings ließ Harald Szeemanns Strahlkraft nach. Er hatte den Kontakt zur jungen Künstlergeneration und zur intellektuellen Debatte der Zeit weitgehend verloren, seine Ausstellungen wirkten manieristisch, ihr genialischer Gestus wie Selbstzitat. Doch immer noch war der Kurator hoch begehrt.

Zweimal, 1999 und 2001, fungierte er als alleinverantwortlicher Direktor der venezianischen Biennale und erschloss für diese Kunstschau das einmalige Abenteuergelände des Arsenals. Szeemann liebte die große Geste: "Plateau der Menschheit" nannte er die letzte von ihm kuratierte Biennale. Im Sommer 2003 präsentierte er junge Künstler aus Osteuropa unter dem Titel "Blut und Honig", eine bewusst provokante Interpretation des Begriffs Balkan.

Gerade erst hatte Brüssel Szeemann beauftragt, eine große Schau belgischer Malerei der Jahre 1830 bis heute zusammen zu stellen. Titel: Visionäres Belgien. Hoffen wir, dass der Schweizer Geistesagent nun seinen Seelenfrieden auf dem Berg der Wahrheit gefunden hat. Eins jedenfalls ist sicher: mit Harald Szeemanns Tod ist auch die Zeit der großen Künstlerkuratoren vorbei.
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