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19.2.2005
100 Jahre "Brücke"
Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum Münster
Von Günter Beyer

Das Westfälische Landesmuseum Münster nimmt den 100. Jahrestag der Gründung der Künstlergruppe "Brücke" zum Anlass, Werke der Gruppe aus der eigenen Sammlung zu präsentieren. Einige der präsentierten Werke zeigen Motive aus Westfalen. So hatte unter anderem Emil Nolde ein Arbeitsstipendium in Soest, was sich in seinen Bildern niederschlägt.

Eine wahres Farbfeuerwerk geht da im Bauerngarten hoch: Sommerblüten in Rot- und Gelbtönen, im leuchtenden Kontrast mit dem satten Grün der Blätter und Stängel. Mit der Hingabe und der lebhaften, strichelnden Pinselführung eines van Gogh brachte Emil Nolde 1907 den Garten seiner Nachbarn auf die Leinwand; eine Farbenexplosion, für die das Motiv nur noch der Malanlass ist.

Schon ein Jahr später, 1908, wurde Noldes Gemälde "Burchards Garten" vom Westfälischen Landesmuseum Münster als erstes modernes Gemälde angekauft. Doch dabei blieb es dann für Jahrzehnte. Moderne Kunst wurde, wenn überhaupt, nur noch erworben, wenn sie von Künstlern der Region, also westfälischen Malern stammte. Diese Sammlungskonzeption änderte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg, erinnert Gudula Mayr, Wissenschaftlerin am Landesmuseum:

1946 ist dann Dr. Walther Greischel Museumsdirektor geworden, und der hat die Entscheidung gefällt, das Landesmuseum müsse eine "überlandschaftliche Gemäldegalerie" besitzen. Das heißt, er hat angefangen, Werke der jüngeren Moderne zu kaufen, die eben über Westfalen hinausgehen.

Mit Vorliebe wurden in den fünfziger und sechziger Jahren Werke der expressionistischen Künstlergruppe "Die Brücke" erworben.

Mayr: Es sind alle Brücke-Künstler gesammelt worden. Greischel hat gerne Erich Heckel gekauft, mit dem war er persönlich befreundet, mit dem hat er auch 'ne große Ausstellung gemacht 1953 zum 70. Geburtstag.

Mit seinem Faible für Heckel, Nolde, Schmidt-Rottluff und Kirchner hatte Greischel den Grundstein für eine beachtliche Sammlung gelegt, die auf 20 Gemälde und mehr als 70 Arbeiten auf Papier anwuchs. Auch politische Motive hatten dabei eine Rolle gespielt:

Mayr: Walter Greischel hatte ganz klar die Vorstellung: "Es ist auch ein Akt der Wiedergutmachung, diese Künstler nun zu sammeln und zu fördern, die ja zum Teil sehr unbarmherzig verfolgt worden sind von den Nationalsozialisten."

Nolde und Schmidt-Rottluff hatten Malverbot, es ist allen diesen Künstlern die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste aberkannt worden 1933. Kirchner, der ja in der Schweiz lebte, hat sich diese ganze Aktion "Entartete Kunst" so sehr zu Herzen genommen, dass es eben mit ein Grund war, aus dem er sich umgebracht hat.


Auf die Begeisterung für die "Brücke" kann das Westfälische Landesmuseum nun zurückgreifen und zum hundertsten Geburtstag der Künstlergruppe eine Sonderschau ausschließlich aus eigenen Beständen ausrichten.

Freilich, es ist eine Sammlung mit besonderem Profil, die auch etwas erzählt von den kulturpolitischen Befindlichkeiten einer mittelgroßen Stadt der Nachkriegszeit in Westdeutschland. Denn aus dem opulenten Schaffen der "Brücke"-Künstler war keinesfalls jedes Motiv willkommen. Heckels "Irre" und Noldes "Kerzentänzerinnen" waren nichts für Münster. Das wird besonders deutlich im Ausstellungssegment "Großstadt und Zivilisation", einem von fünf Themen, in die Gudula Mayr die "Brücke"-Bestände gegliedert hat.

Mayr: Das ist eine Stadt, die eigentlich keine Schattenseiten hat, also von Kirchner ein Paar vor der Droschke zum Beispiel, ein ganz gutbürgerliches, unverfängliches Motiv. So gesehen ist es ein Sammlung, die auch wirklich nach Münster passt und vielleicht nicht unbedingt nach Berlin.

Emil Nolde verbrachte ein Arbeitsstipendium in Soest und ist unter anderem mit drei frühen Radierungen mit Motiven aus der westfälischen Kleinstadt vertreten, dessen Patroklusturm es auch Schmidt-Rottluff angetan hatte. Solche regionalen Querverweise schaden nicht, das besondere Gewicht der "Brücke" im deutschen Expressionismus mit ansonsten hochkarätigen Werken zu belegen.

Das gilt besonders für die Landschaftsmalerei. Da sind die tastenden Anfänge mit Schmidt-Rottluffs duftigem, noch pointillistischen "Frühnebel" von 1905. Dann die flächenhaften, dunkel konturierten, von schreienden Komplementärfarben beunruhigten Kompositionen aus der Hochzeit der Brücke um 1910, wie etwa Heckels Schiffe mit orangefarbenen Segeln vor königsblauem Ostseewasser.

Dass die "Brücke"-Künstler nicht nur Maler waren, sondern zugleich Aktivisten einer "ganzheitlichen", lebensreformerischen Philosophie, die Kunst und Leben als Einheit begriff, wird in dem Ausstellungssegment "Bilder vom Menschen" mit zahlreichen Badeszenen deutlich.

Mayr: Den "Brücke"-Künstlern war es ganz wichtig, die Ideale auch in ihrem persönlichen Leben zu verwirklichen. Das heißt, sie haben auch selbst dieses Ideal ausgelebt, sind mit ihren Modellen in die Sommerfrische gefahren, haben sich da zum Teil auch gegenseitig Aktmodell gestanden, also haben als Männer nicht nur die unbekleideten Frauen studiert, sondern sich auch selbst dazu gestellt.

Nach dem Auseinanderbrechen der Künstlergruppe 1913 folgen die Künstler eigenen Wegen, ohne die gemeinsamen "Brücke"-Erfahrungen zu verleugnen. Max Pechstein etwa stellt seine Talente in den Dienst einer revolutionär gestimmten Gebrauchsgrafik. Als politischer Künstler und Mitgründer der "Novembergruppe" zeichnet er pathetische Titelblätter für eine Zeitschrift mit dem barschen Titel "An die Laterne".

Schmidt-Rottluff wendet sich im ersten Weltkrieg religiösen Motiven zu und überträgt expressionistische Bildideen auf den Holzschnitt, eine Technik, die auch andere Brücke-Künstler anwandten.

Otto Mueller, der erst 1910 zur "Brücke" gestoßen war, hängt mit seiner in Lumpen gehüllten, auf groben Rupfen gemalten "Zigeunerin" noch Mitte der zwanziger Jahre dem alten Programm vom "Einklang von Mensch und Natur" an, ein Werk übrigens, das 1937 den besonderen Hass der nationalsozialistischen Bilderstürmer hervor gerufen hatte.
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