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21.2.2005
Die digitale Revolution im Kino
Konferenz "Insight out" in Potsdam
Von Jörg Taszman

Erfolgreiches Digitalkino: Szene aus dem Animationsfilm "Findet Nemo" (Bild: AP)
Erfolgreiches Digitalkino: Szene aus dem Animationsfilm "Findet Nemo" (Bild: AP)
Wie verändert die Digitaltechnik die Bedingungen für Filmschaffende und -konsumenten? Wird es bald nicht mehr schwere Filmrollen geben, sondern nur noch satellitengestützte Abspielstätten? Diese und ähnliche Fragen rund um das Thema digitales Kino werden zurzeit auf der Konferenz "Insight Out" in Potsdam erörtert.

In Potsdam Babelsberg wurden nicht nur die ersten deutschen Spielfilme gedreht wie unter anderem "Metropolis" und "Der Blaue Engel", dort befindet sich mit der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf auch die größte und älteste deutsche Filmhochschule. 30 Studenten aus 11 Ländern haben nun dort die Chance erhalten, an Workshops und Lesungen teilzunehmen, bei denen sich alles um die digitale Revolution in Film und Fernsehen dreht. Der Vizepräsident der HFF und Leiter der Animationsabteilung, Professor Ulrich Weinberg, hatte diese Veranstaltung seit acht Monaten vorbereitet.

Ulrich Weinberg: Wir werden natürlich versuchen, verschiedene Aspekte zu beleuchten. Zum einen: Was hat sich tatsächlich entwickelt und was wird sich in den nächsten Jahren tatsächlich tun? Es gibt da ja gewaltige Fortschritte sowohl im Audio-, als auch im Videobereich, die sich natürlich massiv auswirken werden für die Produzenten, aber natürlich auch für die Konsumenten. Wir werden auch kritisch hinterleuchten, was tut sich da? Welche Arbeitsplätze werden geschaffen, welche fallen weg? Welche Arbeitsprozesse werden optimiert, welche kann man überhaupt ad acta legen? Und wie muss das eine Hochschule reflektieren, was muss eine Hochschule machen im Ausbildungsbereich, um die Stundenten, die in fünf Jahren hier heraus gehen, soweit fit zu haben, dass die vorbereitet sind.

Am heutigen ersten Tag gab es einen sehr ausführlichen Überblick über das Digitale Kino, seine Verbreitungsformen und unterschiedlichen Formate. Referent war Mike Christmann, ein gelernter Ingenieur und jetzt Medienberater für verschiedene europäische Initiativen zur Standardisierung des Digitalen Kinos. Mike Christmann unterscheidet zwischen verschiedenen Formen und Angeboten.

Mike Christmann: Digitales Kino ist im Grunde die Ablösung der analogen Filmrolle durch Digitaltechnik im Kino. Dazu zählt auch die Distribution. Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen dem Hollywoodfilm, dem High End-Film und E-Cinema, das ist also mehr Dokumentarfilm, Werbung und solche Dinge… Diese Revolution steht bevor. Das heißt, es geht langsam los, dieses E-Cinema, was wir heute schon kennen über Vorführungen von Fußballspielen, von Musikevents im Kino, das gibt es schon, in Europa. Die Europäer sind da ganz gut und es gibt Werbung. Was es noch nicht gibt, ist der Hollywood-Kinofilm. D-Cinema, also im digitalen Kino.

Ob man es nun mag oder nicht, das Kino wird sich in Zukunft als Abspielstätte von Filmen verändern. Vorbei sind die Zeiten der großen, schweren 35mm-Filmrollen und der vielen Kopien. Allein in Deutschland startet heute ein großer Film wie beispielsweise "Der Untergang" mit ca. 500 Kopien. Jede einzelne Filmkopie verursacht hohe Kosten, zwischen 2000 und 4000 Euro plus der teure Transport.

In Zukunft sollen Filme digital von einem Satelliten abgestrahlt werden, nach Möglichkeit weltweit. Dazu müssen die Kinos umgerüstet werden, aber schon Ende 2006 sollen die ersten Filme so projiziert werden, meint Mike Christmann. Bedeutet dies aber wirklich, dass der gute alte Film tot ist?

Mike Christmann: Man muss aber dazu sagen, dass natürlich die Analogtechnik auf der Aufnahmeseite sehr große Vorteile hat… Es gibt auch heute noch 'ne Menge Leute, die 'ne Schallplatte kaufen, sie sich zu Hause anhören und sagen: Das klingt anders als Digitaltechnik. Eigentlich kann man bei der Produktionstechnik sagen, man hat mehrere Möglichkeiten als Produzent. Als Kameramann habe ich die verschiedensten stilistischen Möglichkeiten. Entweder diesen etwas härteren, klaren Digitaleindruck gewinnen mit der digitalen Produktion oder den sanften, sehr natürlichen Ausdruck mit Film erzeugen. Und das kann ich mir einfach aussuchen und das wird auch immer so bleiben.

Was die Produktion von Filmen angeht, liegen die Vorteile digitaler Kameras auf der Hand. In einem ersten Panel diskutierten heute Filmemacher und Kameramänner über die Vorteile des digitalen Drehs. Kameramann Klaus Scheurich zeigte beeindruckende Bilder von einem neuen Dokumentarfilm Werner Herzogs mit vielen spektakulären Landschaftsaufnahmen. Glasklar und scharf, aber im Vergleich zu herkömmlichen Filmen zu glatt und hell wirkten diese Bilder.

Auch die  "Die fetten Jahre sind vorbei" wurde mit digitaler Kamera gedreht. (Bild: AP Archiv / y3, coop99)
Auch die "Die fetten Jahre sind vorbei" wurde mit digitaler Kamera gedreht. (Bild: AP Archiv / y3, coop99)
Regelrecht enttäuschend war die neue Arbeitsprobe von Matthias Schellenberg, der die Kamera in "Die fetten Jahre sind vorbei" führte. Schellenberg, der aus tiefer Überzeugung nur noch digital dreht, hatte Ausschnitte aus einem neuen Film mitgebracht, in denen die Protagonisten sich in dunklen Innen- oder Außenräumen bewegen. Das wirkte jedoch auf der großen Leinwand fast amateurhaft. Es war ein Beweis dafür, dass sich die neue Technik noch nicht für alle Genres gleichermaßen anbietet.

Wer glaubt, mit der neuen digitalen Technik werde alles billiger, täuscht sich. Zunächst müssen Millioneninvestitionen betrieben werden, um digitale Ton- oder Bildsysteme anzuschaffen. Kann sich eine deutsche Filmhochschule diese Kosten überhaupt leisten? Professor Weinberg gibt eine überraschende Antwort. Die Filmhochschule erhält erhebliche finanzielle Mittel vor allem durch das Land Brandenburg.

Ulrich Weinberg: Wir haben gemeinsam in Anstrengung zwischen Bund und Land Anschaffungen tätigen können in den letzten drei, vier Jahren, die uns in die Lage versetzen, hochwertige Ausbildung auch anzubieten. Wir haben einen Filmscanner, wir haben einen Filmbelichter, sehr teure Gerätschaften.

Wir haben digitale Farbkorrektur und wir haben jetzt vor kurzem ein digitales Tonmischpult angeschafft, was gerade jetzt installiert wird und zum ersten Mal zum Einsatz kommt bei unserem "Insight Out" Workshop. Größenordnung jeweils eine Million Anschaffungskosten. Und von diesem Tonmischpult zum Beispiel, da gibt es nur eins in Europa und zwei in der Welt. Das eine steht in Hollywood, das andere bei uns.


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