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22.2.2005
Aufruhr im Land der Zitronenblüten
Italiens Künstler protestieren gegen Kürzungen der Regierung Berlusconi
Von Thomas Fromm

Die Mailänder Scala (Bild: AP)
Die Mailänder Scala (Bild: AP)
Italiens Kulturschaffende sind in Aufruhr, denn die Regierung in Rom plant, Millionenbeträge in der Kultur einzusparen. Um bis zu 40 Prozent sollen die Zuwendungen im Kulturbereich gekürzt werden. Dagegen regt sich Widerstand. Bei der Mailänder Scala streikten die Bühnenarbeiter, am Montag demonstrierten Italiens Kulturschaffende in Rom gegen die Sparpläne. Weitere Protestaktionen sind in den kommenden Wochen geplant.

Eine Theateraufführung im Mailänder "Teatro Arsenale". Es ist ein typischer Abend in dem kleinen Studiotheater: Nur die Hälfte der etwa 100 Plätze ist besetzt - und wie immer gibt es am Ende des Stücks frenetischen Applaus. Nicht nur für die Leistungen der Schauspieler, sondern vor allem für den Mut der Regisseurin und Theaterleiterin Annig Raimondi. Denn sie lebt in erster Linie vom zahlenden Publikum und bescheidenen privaten Sponsorengeldern - öffentliche Gelder gibt es für ihr kleines Theater keine.

Annig Raimondi: Wir kleinen Theater haben es sehr, sehr schwer. Viele kleine unabhängige Theater, vor allem in Mailand und Rom, sind bereits in den vergangenen Jahren verschwunden. Aber nun trifft die Krise auch größere Bühnen, die man bisher als relativ sicher ansah. Gründe dafür gibt es viele, es ist ein Teufelskreislauf: Zum einen fehlen die öffentlichen Gelder, was unter anderem dazu führt, dass wir kaum Werbung für uns und unsere Produktionen machen können.

Private Sponsoren kommen erst gar nicht auf die Idee, uns zu fördern. Sie konzentrieren sich auf die große Eventkultur. Die Folge ist, dass wir am Rande des Existenzminimums stehen. Denn nur mit dem Geld aus den abendlichen Einnahmen können wir nicht leben.


Zumindest einen Trost hat Annig Raimondi: Wie sie müssen nach den jüngsten Sparplänen der italienischen Regierung auch ihre großen Bühnenkonkurrenten um ihr monatliches Auskommen fürchten. Die großen Theaterstiftungen des Landes steckten schon gleich zu Jahresanfang in den roten Zahlen fest. Allein im Jahr 2003 schrieben nur die Oper von Rom, das Teatro Carlo Felice in Genua, die römische "Academia di Santa Cecilia" und das Turiner Teatro Regio schwarze Zahlen - alle anderen Theater standen im Minus.

Und im laufenden Jahr sollen die Bilanzen noch verheerender ausfallen. Italiens Vorzeige-Objekt, die Mailänder Scala, dürfte im laufenden Jahr 10 Millionen Euro Verluste machen, und auch beim alten San Carlo-Theater in Neapel stöhnt man über Millionenlöcher, obwohl erst kürzlich die Ausgaben um eine Million Euro gekürzt wurden.

Sogar die Arena von Verona, die im Sommer als Touristenmagnet an fast jedem Abend volles Haus hat, hatte 2004 im Minus abgeschlossen - vor allem, weil die privaten Zuwendungen gesunken seien, meinte Arena-Intendant Claudio Orazi.

Da sich sogar Publikumslieblinge wie die Arena von Verona und die Mailänder Scala mit Finanzproblemen herumschlagen müssen, haben Italiens Theatermacher nun den wirtschaftlichen Notstand ausgerufen: Denn die ersten großen Bühnen, berichtet die Mailänder Wirtschaftszeitung "Il sole 24 ore", könnten schon in diesem oder nächsten Jahr Insolvenz anmelden.

Die Lage ist dramatisch, und Italiens Kulturschaffende rücken enger zusammen. Selbst Stars aus seichten italienischen Kino-Komödien wie der Schauspieler Carlo Verdone stehen nun Seite an Seite mit Italiens Hochkultur.

Carlo Verdone: Kino und Theater sind nicht nur reine Unterhaltung, sondern auch und vor allem Kultur. Und Kultur hat in unserem Land seit jeher eine wichtige Bedeutung. Daher darf man hier nicht weiter kürzen - denn damit entziehen wir Italien eine seiner wichtigsten Grundlagen.

Doch die italienische Regierung blieb bisher hart. Sie muss sparen, und tut dies vor allem im Kulturbereich. Nach Berechnungen der "Associazione generale dello Spettacolo", des nationalen Verbandes für Kino und Theaterbeschäftigte, hat Rom seine Ausgaben für die Kultur in diesem Jahr um rund 35 Millionen Euro zurückgefahren - allein für die Opern des Landes sollen die Finanzierungen um 20 Prozent gekürzt werden.

Damit setzt die amtierende Regierung eine lange Tradition fort: Allein in den vergangenen 20 Jahren hat Rom seine Kulturausgaben um rund ein Drittel eingestampft.

Der Bühnen-Schauspieler und Kabarett-Künstler Gigi Proietti meint:

Wir stehen schon seit langem am Abgrund, aber bisher ging es immer irgendwie weiter. Jetzt aber hat das Ganze eine neue dramatische Qualität bekommen: Denn die aktuellen Kürzungen betreffen vor allem junge und wirtschaftlich schwache Künstler. Und die werden so absolut entmutigt, überhaupt anzufangen. Wer heute zum Beispiel vor der Entscheidung steht, einen Kulturbetrieb zu eröffnen, lässt es gleich bleiben.

Die Mailänder Ballett-Legende Carlo Fracci, der Regisseur Ettore Scola, der Filmkomponist Ennio Morricone - sie alle setzen sich nun für eine Umkehr der römischen Kulturpolitik ein.

An der Mailänder Scala greift man derweil auf ein altbewährtes Druckmittel zurück: Die heutige Premiere von Tschaikowskys "Pique Dame" musste ausfallen, weil die Gewerkschaften zu einem Streik der Beschäftigten gegen die Finanzmisere des Hauses aufgerufen hatten. Dabei haben sie einen auf ihrer Seite, der bisher politisch kaum in Erscheinung getreten war: Scala-Stardirigent Riccardo Muti. Die Einsparungen würden "Italiens Theater lahm legen", kritisierte Muti, "die Kulturpolitik Roms sei ein Verbrechen".
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