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22.2.2005
Auf der Flucht zur Meisterschaft
National Gallery London zeigt Spätwerk Caravaggios
Von Matthias Thibaut

Caravaggio: "Abendmahl in Emmaus", 1606 (Bild: Photo SCALA, Florenz)
Caravaggio: "Abendmahl in Emmaus", 1606 (Bild: Photo SCALA, Florenz)
Der Maler Caravaggio war auf der Höhe seines Ruhms, als er im Mai 1606 in einem Duell einen Menschen tötete. Wegen Mordes gesucht, verbrachte er fortan die letzten Jahre seines Lebens in permanenter Flucht. Dabei sind einige seiner tiefgründigsten Werke entstanden, meinen Kritiker. Dieses eher unbekannte Spätwerk ist jetzt in der National Gallery London zu sehen.

Am 28. Mai 1606, offenbar auf einem Tennisplatz beim Palazzo Firenze in Rom, wurde der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio in einen Streit verwickelt, vielleicht war es auch ein förmliches Duell. Der 33-jährige war bereits polizeibekannt, unter anderem wegen unerlaubten Waffenbesitzes, notorisch für seinen wilden Lebensstil in den Schenken und Tavernen Roms, sein schmutziges Auftreten.

"Er konnte sich wohl vornehme Kleider überziehen", schrieb ein Zeitgenosse, "aber dann zog er sie nicht mehr aus, bis sie ihm als Fetzen vom Leibe fielen."

Der Streit, vielleicht um eine Wette, vielleicht um eine Frau, obwohl Caravaggio oft als Pionier der Homosexuellenbewegung gewertet wird, endete tödlich - für den Gegner des Malers, Ranuccio Tomassoni. Caravaggio selbst war am Hals verwundet und überlebte.

Und so begann das Spätwerk, das nun in der Londoner Nationalgalerie ausgestellt wird. Es ist der unbekannte, übersehene Teil von Caravaggios Werk. Schon deshalb, weil für den Maler ein unstetes Exilantenleben begann. Als Justizflüchtiger zog er die vier Jahre bis zu seinem Tod durch Süditalien.
Dawson Carr, Kustos der Londoner Nationalgalerie und Organisator der Ausstellung:

Er reiste von Rom in die Albaner Berge, nach Neapel, nach Sizilien, nach Malta, zurück nach Neapel. Man muss ins Flugzeug steigen, um diese Werke zu sehen. Es reicht nicht, wie beim Frühwerk, in Rom herumzuspazieren und sie alle an einem Tag zu sehen.

In London wird dieses unzugängliche, in dunklen Kirchen, Klöstern und Krankenhäusern versteckte, vernachlässigte Werk nun zum ersten Mal übersichtlich ausgestellt. Werke wie die Erweckung des Lazarus, für die Kirche San Pietro in Messina gemalt, 1783 beim Erdbeben beschädigt, mehrfach restauriert und nicht immer kompetent übermalt. Und doch ein erstaunliches Bild:

Eine dicht gedrängte Gruppe, in der sich die ganze dramatische Bewegung des Geschehens in einer horizontalen Linie im fast vier Meter hohen, undurchdringlich dunklen Bildraum zusammendrängt - der ausgestreckte Arm von Jesus, fast herrisch, die Köpfe der Jünger und Schaulistigen, die sich mal zu Jesus drehen, mal zu dem toten Lazarus und seiner Schwester Martha. Lazarus selbst, noch im rigor mortis, aber schon kommt Bewegung in die Totenstarre. Ein Bild, das in seiner Unmittelbarkeit, seiner Dramatik, seiner emotionalen Präsenz auf uns wie dramatisches Action-Kino wirkt.

Nahe dabei eine Hirtenanbetung - wieder ein Bild, bei dem ein Schlaglicht die Aktion aus dunklen Schatten herausholt. Aber alle traditionellen Zutaten einer Hirtenanbetung fehlen: Engel, Schalmeien, Geschenke. Stattdessen ein paar Zimmermannswerkzeuge, eine Mutter auf Stroh, die ein Neugeborenes an sich drückt - vier Hirten, zerknittert, ungekämmt, mit schwieligen Händen, schmutzigen Fingernägeln, so wie wir sie von Caravaggio kennen. Und doch, diese späten Bilder sind anders:

Dawson Carr: Dunkler, emotional ausdrucksstärker. In seiner römischen Zeit, in seiner frühen Karriere, interessiert sich Caravaggio für die Details des physischen Realismus. Im Spätwerk geht es um emotionalen Realismus, die Wahrheit der Emotionen.

Das zeigt gleich zu Beginn der Ausstellung ein Vergleich zweier Emmaus-Abendmähler: Das frühe der Nationalgalerie, Jesus und die Jünger mit ausladenden Gesten, der Früchtekorb auf dem weißen Tischtuch - ein wahres Stillleben. Fünf Jahre später, das gleiche Thema aus der Pinakothek von Brera: Die Gesten sind kleiner, die Farben bräunlich monochrom, die Schatten schwerer, das Tischtuch schmutziger. Und statt eines Hühnchens gibt es nur noch Brot und Wein aus einem irdenen Krug.

Und so ist das die Frage dieser Ausstellung: Wäre Caravaggio ein so großer Maler, wenn er nicht zum Mörder geworden wäre und hätte fliehen müssen?

Dawson Carr: Wir würden ihn aus seiner römischen Zeit als großen Maler erinnern. Aber ich glaube, dass der Mord einen Reifeprozess bei ihm auslöste und ihn zu einem Maler der Transzendenz machte.

Caravaggio war keine 39 Jahre, als er starb, aber er hatte einen Spätstil wie der sechzigjährige Rembrandt oder der siebzigjährige Tizian. Und die Distanz zu Rom befreite ihn vom Druck der Tradition, den Vorbildern der Antike, Raffael. Verbannt aus Rom konnte Caravaggio seine Kunst nach seinem eigenen Maßstab entfalten.

16 Bilder sind in London zu sehen - von den 23 gesicherten Werken, die Caravaggio in diesen letzten vier Jahren seines Lebens malte. Gewalt bleibt das große Thema: Die Geißelung Christi an der Martersäule, die Kreuzigung des Heiligen Andreas und immer wieder Salome, die den Kopf des Johannes abschlagen lässt. Schwer zu sagen, was Caravaggio gerade an diesem Thema faszinierte. Klar ist, dass die Gewalt für ihn die Tür zum Verständnis des Menschlichen ist, das zeigen seine Bilder:

Der Henkersknecht, der gerade das Haupt des Johannes abgeschlagen hat und nun Salome in den mit einem goldenen Tuch kaum bedeckten Ausschnitt sieht. Der Folterknecht, der sich an der Wade des Christus abstützt, damit er die Fesseln besser festziehen kann. Und die Gesichter dieser Menschen, die so schwer zu deuten sind, in ihrer Bereitschaft zur Gewalt, und ihrem Leiden an ihr.

Service:

Die Ausstellung Caravaggio - The final years in der National Gallery London über das Spätwerk Caravaggios ist bis zum 22. Mai 2005 zu sehen.
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