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22.2.2005
Der traurige Tiger aus Havanna
Nachruf auf den Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante
Von Peter B. Schumann

Der kubanische Autor und Castro-Gegner Guillermo Cabrera Infante (Bild: AP)
Der kubanische Autor und Castro-Gegner Guillermo Cabrera Infante (Bild: AP)
Der kubanische Autor Guillermo Cabrera Infante ist in der Nacht zum Dienstag in seinem Londoner Exil gestorben. Cabrera Infante gilt als einer der bedeutendsten spanischsprachigen Literaten der Gegenwart und entschiedener Castro-Gegner. Sein bekanntester Roman "Drei traurige Tiger" beschreibt das Nachtleben des vorrevolutionären Havanna.

Er sah aus wie einer der "drei traurigen Tiger" aus seinem gleichnamigen Meisterwerk, der Mann mit dem grauen Kinnbart, der immer so bärbeißig daherkam und seine Umwelt so gern mit spöttischen Bemerkungen heimsuchte. Dabei war der Humor eines der Grundelemente seiner Literatur, genauer gesagt der Sprachwitz, die urkomischen Neuschöpfungen, die seine Übersetzer verzweifeln ließen.

Denn er war ein begnadeter Sprachspieler, der die literarischen Traditionen aufmischte, sich ihrer auch bewusst und oft ironisch bediente. Ein Schriftsteller, der sich querstellte zu jeder Mode und jedwedem Boom - und einfach behaupten konnte:

Die spanischsprachige Literatur meidet seit den Klassikern, mit Ausnahme von Cervantes und einigen Büchern von Quevedo, das Spielerische wie die Pest. In der angelsächsischen Literatur finden wir es dagegen, auch in gewissen Bereichen der französischen Literatur oder bei einigen deutschen Autoren wie z.B. Lichtenberg. Sie machen das Schreiben zum Spiel.

Guillermo Cabrera Infante hat als Zwanzigjähriger begonnen und es Mitte Dreißig zur Meisterschaft gebracht, als er seinen ersten und nach wie vor bedeutendsten Roman Drei traurige Tiger, eine Huldigung an das nächtliche Havanna, in Madrid beendete. Da befand er sich bereits im Exil und auf dem besten Weg, sich zum intellektuellen Erzfeind Fidel Castros zu entwickeln.

Er stammte eigentlich aus einer kommunistischen Familie, hat gegen die Batista-Diktatur gekämpft, in den frühen Jahren der Revolution sogar Spitzenfunktionen im Kulturapparat ausgeübt und mit der Literaturbeilage Lunes de Revolución das wichtigste Organ kultureller Debatte jener Zeit herausgegeben.

Er hat sich jedoch nicht vereinnahmen lassen, ist nicht in die Partei eingetreten, sondern hat sich als "frei schwebender" Intellektueller empfunden, als ein engagierter Schöngeist, der auf seinem eigenen Weg in der revolutionären Euphorie beharrte. Das hat ihn bei den kommunistisch orientierten Hauptakteuren sehr bald verdächtig gemacht, aber ihn nicht weiter gestört, zumal er zu einer Gruppe gehörte, die jede form von Diktatur ablehnte.

Cabrera Infante: Ich habe die Vorstellung von einem kulturellen Stalinismus gehasst. Es ereignete sich damals eine allgemeine Explosion gegen Batista in gewissen Zirkeln, die sich einfach politisch verstanden, die aber weder revolutionär eingestellt waren - noch Kuba in eine kommunistisches Land verwandeln wollten. Dann traten Ereignisse ein, die mich veranlassten zu emigrieren.

Ausschlaggebend hierfür war das Verbot des kurzen Dokumentarfilms P.M. über Havannas Nachtleben und die Ausgrenzung einer ganzen Reihe von Intellektuellen durch das Castro-Regime. Auch Cabrera Infante wurde abgeschoben und begann Mitte der 60er Jahre seinen Kreuzzug gegen den Castrismus. Er hat ihn derart blind gemacht, dass er die kubanische Kultur auf der Insel ignorierte und sogar behauptete, alle wichtigen kubanischen Schriftsteller seien längst tot.

Sein Verhältnis zu der Insel, die er nie mehr aufsuchen sollte, war von einer grenzenlosen Hassliebe bestimmt. Der Kubaner fühlte sich auch nicht als Emigrant, sondern bestand darauf, "ein Engländer" zu sein, seit die Briten ihm die Staatsbürgerschaft verliehen hatten und er fortan in London lebte.

Doch selbst dort vermochte er sich nicht von Havanna abzunabeln, und so heißt der Titel seines zweiten Romans von 1979 ironisch Havanna für einen verstorbenen Königssohn. Es ist - ganz ähnlich wie sein Erstling - ein biografisch gesättigter Streifzug durch die karibische Metropole, mit urkomischen Anekdoten und Initiationsriten, und nicht zuletzt ein Spiel mit den literarischen Genres der trivialen Natur.

Doch schärfer als in den Drei traurigen Tigern ist hier sein skeptisch-anarchischer Blick auf den Grad der Zerstörung dieser Stadtlandschaft gerichtet: ein in Nostalgie getränkter Rück-Blick - ein Abgesang.

Eine höchst originelle Kulturgeschichte des Rauchens hat der Kettenraucher auf englisch geschrieben: Holy Smoke/Rauchzeichen. Nur zu den berühmten kubanischen Zigarren wollte er nicht mehr greifen - solange Fidel Castro an der Macht ist. Nun hat der dienstälteste Diktator auch ihn überlebt, einen der eigenwilligsten literarischen Querdenker Lateinamerikas.
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