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23.2.2005
Besser abschaffen?
Zur Auswahl des Berliner Theatertreffens 2005
Ein Kommentar von Ulrich Fischer

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Deutschen Theater in Berlin (Bild: AP)
"Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Deutschen Theater in Berlin (Bild: AP)
Die Auswahl der Jury für das Theatertreffen 2005 ist eine maßlose Enttäuschung. Sie spiegelt nicht die Qualität deutschsprachiger Theaterproduktionen, sondern die Vorurteile der Preisrichter. Wenn schon in den Vorjahren die Entscheidungen immer konventioneller wurden, so ist jetzt ein Tiefpunkt erreicht. Das Kanzlerwort: "Es gibt keine Alternative!" hat die Jury des Theatertreffens ins Ästhethische übersetzt. Dabei weiß jeder spätestens seit Franz Werfels "Jacobowsky und der Oberst": "Es gibt immer zwei Möglichkeiten." - Mindestens!

Es sind wieder die üblichen Verdächtigen, die eingeladen werden: aus Berlin die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und das Deutsche Theater. Aus Hamburg das Thalia, wie immer, ein Darling der neuen affirmativen Kritik, das Deutsche Schauspielhaus ist auch berücksichtigt, aber mit einer fragwürdigen Produktion. Aus München die Kammerspiele, aus Österreich Wien, natürlich das Burgtheater, und aus der Schweiz das Schauspielhaus Zürich. Einzige Ausnahme aus dem Kanon Hannover, allerdings da die Verhackstückung eines interessanten Stücks bei der Uraufführung.

Wieso wird keine Bühne aus dem Osten Deutschlands ausgewählt? Die Volksbühne muss immer als Feigenblatt herhalten. Ist es kein Wagnis gewesen, in Dresden Hauptmanns "Weber" zu aktualisieren? Es hat erheblichen Krach gegeben, lebhafte Debatten, was Regietheater heute soll, muss - ein Sujet, das mit den wichtigsten innenpolitischen Themen unserer Tage korreliert, mit der Arbeitslosigkeit, mit der Radikalisierung - und nicht nur innerhalb des immer kleiner werdenden Kreises von Theaterleuten erörtert wurde, sondern eine große Öffentlichkeit fand. "Die Weber" aus Dresden hätten Beachtung verdient - aber die Jury, auf Anpassung bedacht, bleibt beim Ästhetischen im allerengsten Sinn.

Nicht nur der Osten, auch der Westen bleibt unbeachtet. Düsseldorf hat eine aktuelle Reihe begonnen, die den Beitritt osteuropäischer Staaten zur Europäischen Union begleitet und kommentiert, "Nacht" war interessant, eine herausragende Uraufführung. Die Jury lässt das kalt - wie es sie schon seit Jahren kalt lässt, dass in Bochum eine der besten Bühnen der Republik arbeitet, wenn nicht die beste überhaupt. Matthias Hartmann hat in dieser Spielzeit einige brillante Inszenierungen abgeliefert: Jon Fosses "Todesvariationen" und Tschechows "Ivanov" sind besser, als Inszenierungen, die in Berlin gezeigt werden sollen. Es reflektiert ein nicht hinnehmbares Maß an Voreingenommenheit der Jury, dass sie zwei Inszenierungen von Stefan Pucher einlädt, Matthias Hartmann indes unberücksichtigt lässt. Es hat immer den Verdacht gegeben, die Jury kungele - dieser Verdacht wird durch solches Verhalten erhärtet.

Aus Hannover kommt ein bemerkenswertes Stück: "Hotel Paraiso" von Lutz Hübner. Hübner ersinnt als Protagonistin seines Stücks ein Mädchen, das die derzeitige Elterngeneration attackiert - die Regisseurin Barbara Bürk ließ dieses junge, scharfsinnige Mädchen als Hysterikerin spielen - das Stück wird auf den Kopf gestellt. Bei einer Uraufführung unverzeihlich.

Für die Jury wohl toll: sie ist offenbar gegen Gesellschaftskritik. Wer sich skeptisch äußert zum Bestehenden, gerät unter Verdacht, hysterisch zu sein, nicht ernst zu nehmen. In der Entscheidung für Hannover, für Barbara Bürks schwer nachvollziehbare Interpretation von Lutz Hübners "Hotel Paraiso" spiegelt sich besonders deutlich die einseitig konservative Grundeinstellung der Jury. Das war früher anders: im Preisgericht gab es eine große Bandbreite von Meinungen, sie musste unter einen Hut gebracht werden, das garantierte Vielfalt. Dagegen jetzt: Einfalt.

Am ärgerlichsten aber ist die Einladung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Nicht die Auswahl des Stücks ist gemeint, sondern die der Inszenierung: Jürgen Gosch führte Regie im Deutschen Theater Berlin. Kurz vorher kam in Hamburg das gleiche Stück heraus, die Hauptrolle spielte Hannelore Hoger. Die Hamburger Inszenierung von Wilfried Minks war noch einen Tick besser als die aus Berlin, sie arbeitete genauer den Restoptimismus von Edward Albee heraus, ein für den amerikanischen Dramatiker typischer Zug. Das entscheidende aber: dies war die Produktion einer kleinen Bühne, des St. Pauli Theaters. Es ist bemerkenswert, dass es einem kleinen, nicht subventionierten Theater gelingt, eine große, wohl dotierte Bühne wie das Deutsche Theater in Berlin zu überrunden. Das hätte den Preis in Berlin verdient - aber die Jury verengt den Blick auf Theater in der Bel-Etage, auf Staatsbühnen.

Damit sägt die Jury am Ast, auf dem sie sitzt. Sie verdoppelt die allgemeinen Urteile, die die Debatte über das Theater zurzeit bestimmen - keine Ausnahme nirgends. Warum noch einmal bestätigen, was in der Presse sowieso gepuscht wird? In diesem Moment sollte noch einmal in Erinnerung gerufen werden, wann, wo und warum das Theatertreffen gegründet wurde: im Kalten Krieg in West-Berlin als kulturpolitische Waffe im antikommunistischen Kampf, als Ersatz dafür, dass Berlin 1944 im Bombenhagel seine Funktion als deutsche Theaterhauptstadt verloren hatte.

Die Mauer ist gefallen, wenn auch nicht in den Köpfen; Berlin hatte Zeit genug, wenn die Metropole sie auch nicht nutzte, wieder die alte Funktion als Theaterhauptstadt zurück zu gewinnen - das Theatertreffen ist obsolet. Das hat die Auswahl der Jury in diesem Jahr einmal mehr eindrucksvoll bestätigt.

Schafft endlich das Berliner Theatertreffen ab.
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