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23.2.2005
"Magritte und die Fotografie"
Ausstellung im Haus der Kunst Brüssel
Von Sven-Claude Bettinger

Die Brüsseler Ausstellung mit Fotos von beziehungsweise mit René Magritte ist ein Ereignis. So gut wie keiner der Abzüge war je zu sehen. Niemand dachte bisher daran, die oft sehr kleinen, vergilbten, beschädigten Aufnahmen zu zeigen. Und das kompromisslos: In der Ausstellung hängt kein einziges Gemälde. Die Fotos sprechen für sich. Ausstellungsmacher Patrick Roegiers:

Mit diesem Medium, mit dieser Technik spielte Magritte. Er amüsierte sich, erfand Dinge. Der große Künstler verlieh dem banale Medium Bedeutung. Magrittes Fotos sind wunderbar, weil er aus nichts sublime Dinge macht. Sie sehen verwackelt aus, sind jedoch gelungen. Sie sind alltäglich, und doch äußerst spitzfindig. Sie wirken vordergründig, aber sie haben subtile Hintergründe und man kann sie vielfach interpretieren. Sie scheinen spontan gemacht zu sein - und überdauern die Zeit.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. Den Beginn bilden Fotos aus dem Familienalbum, René Magritte mit seiner Mutter, mit seinen Brüdern, im Haus, im Garten. Immer ausgemacht ernst. Dann folgen die Aufnahmen, die er nach der Hochzeit von seiner Frau Georgette machte. Schön ist sie, als echter Star posiert sie. Ganz anders tritt Georgette im Freundeskreis auf, zu dem alle belgischen Surrealisten gehören:

Sie sind ausgelassen, schneiden Grimassen, kostümieren sich. Hier herrscht eine Freiheit vor, die man in den Gemälden viel seltener findet. Da hält Magritte sich viel stärker zurück, sind die anderen surrealistischen Maler - zum Beispiel Max Ernst oder Dalì - noch viel esoterischer. Magrittes Fotos sind fließend, völlig frei. Man spürt das Revolutionäre, Subversive, Gewalttätige des Surrealismus. Aber hier ist das eine sanfte, spöttische, amüsante, gar unterhaltsame Gewalttätigkeit. Ich finde, dass Magrittes Fotos den Gemälden aus seiner 'Renoir-Periode' und der 'période vache' nahe kommen.

Das lustige Treiben der Freunde in Magrittes Wohnung oder im Urlaub am Meer kommt in den Schmalfilmen besonders gut zum Ausdruck. Einige sind mit Tonbandaufnahmen unterlegt. Da singt Georgette Magritte zum Beispiel ein Loblied auf Brüssel.

Allmählich tauchen immer mehr Fotos auf, die das Dokumentarische weit übersteigen. Nicht umsonst hat Magritte ihnen Titel gegeben. "Der Riese": Da hält der Dichter Paul Nougé ein Schachbrett vors Gesicht. Im "Rendez-vous" posiert Georgette mit überkreuzten Armen. Zwei Tauben sitzen auf ihren Händen, ihr Blick ignoriert sie. "Die Heilige Familie" zeigt Georgette und René inmitten streng angeordneter Gemälde und Zeichnungen. So sieht das Foto wie die Seite aus einem Comic aus - oder wie eines der Gemälde, in denen mehrere Kästen eine Geschichte erzählen. Immer wieder taucht auch das geliebte Thema der Verdoppelung oder Vervielfältigung auf, wenn Magritte sich an der Staffelei fotografieren lässt, während er dabei ist, "Die Hellsicht" mit dem malenden Magritte zu malen. In solchen Aufnahmen ist die Fotografie zum autonomen Kunstwerk geworden. Patrick Roegiers:

Das hängt mit der Philosophie Magrittes zusammen, die er im Laufe der Zeit entwickelt hat. Er hat nämlich gründlich über die Malerei nachgedacht, über das Sichtbare und Unsichtbare, das Dargestellte und das Verborgene, Schein und Sein, das Gesagte ist nicht das Gesehene und das Gesehene nicht das Gesagte, man sieht nur Schein, der Schein verdeckt die wahren Gedanken. Dieses komplexe dialektische Spiel hat er ganz einfach - und dadurch höchst intelligent - mit der Fotografie getrieben.

Die Ausstellung endet mit Porträtfotos, darunter einer Serie des Amerikaners Duane Michals. Würdig posiert Magritte im dreiteiligen, dunklen Anzug, mit weißem Hemd und dezenter Krawatte, oft auch mit Melone. Eine Kultfigur, mit der - so legt der ernste Gesichtsausdruck nahe - nicht zu spaßen ist. Denn sie schreitet regelrecht aus einem Gemälde. Dabei, so meint der Macher dieser aufschlussreichen Ausstellung, treibt Magritte seinen Spaß mit dem Betrachter:

Je mehr er sich zeigt, desto besser verschwindet er. Das ist ein typisches Paradox. Je mehr man von ihm sieht, desto weniger weiß man über ihn. Je stärker er zur Persönlichkeit wird, desto weniger erfährt man über den Menschen. Das ist eine zutiefst surrealistische Attitüde. Man hat Magritte oft seinen Erfolg vorgeworfen. Aber ehrlich gesagt, er blieb bis zuletzt ein echter Surrealist. Das lässt sich am besten an der Fotografie ablesen.


Service: Die Ausstellung im Brüsseler "Haus der Kunst" ist noch bis zum 15. Mai zu sehen.

Danach geht die Ausstellung nach Paris, New York, Tokyo, Madrid, London und Wien.

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