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24.2.2005
Der Herr der Dinge
Zum 70. Geburtstag von Konrad Klapheck
Von Christian Gampert

Da sind sie wieder: das großformatige Motorrad aus dem Jahr 1984 - das Bild hat den Titel "Die Jagd nach dem Glück". Die Schreibmaschine, 1958 gemalt, die uns wie eine schwarze Sphinx anschaut und den Titel "Medusa" trägt. Die kleine Nähmaschine von 1958, Konrad Klaphecks erstes Maschinenbild überhaupt, die scheinbar ironisch "die gekränkte Braut" heißt.

Jemand, der sein Leben lang tote, anorganische Dinge wie Zündkerzen und Fahrradklingeln malt, wird von Menschen außerhalb des Kunstbetriebs vorzugsweise für ziemlich spinnert gehalten werden. Konrad Klapheck, der Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, ist aber ein sehr ernsthafter Mann, und seine Faszination für kalte, matte oder glänzende metallische Oberflächen, für die Haut der Dinge - die ja erst einmal gemalt sein wollen, bei ihm mit fast altmeisterlicher Präzision - rührt eher von Holbein her und auch von Ingres, von der Perfektion des Klassizismus, nicht von der Industrialisierung.

Andererseits scheinen die Maschinen bei Klapheck durchaus belebte, menschenähnliche Wesen zu sein: Die Dinge schauen uns an, schauen auf uns zurück - und was machen wir mit ihnen? Seit ich heute Morgen aufgestanden und nach Straßburg, ins Musée d'Art Moderne, gefahren bin, habe ich mit ca. 200 Dingen Kontakt gehabt - wenn man Zahnbürste, Kaffeefilter, Pullover, Autoschlüssel und Gaspedal jeweils einzeln rechnet. Wir sind umgeben und präformiert von einer Dingwelt, die man technisch sortieren kann wie früher der Konstruktivist Anton Stankowski, die man aber auch - hyperrealistisch - als geheimnisvolle Oberfläche zeigen kann: die Magie der Dinge.

Als Konrad Klapheck 1955 Kunst zu studieren begann, robbte sich Deutschland erst langsam wieder an die Moderne heran, und alles starrte auf den Abstrakten Expressionismus.

Klapheck: Ich hatte sowohl die konstruktive Seite der Abstraktion kennen gelernt, Mondrian, wie auch den Tachismus und Action Painting, den großen Jackson Pollock, schon gesehen. Aber von Kindheit an liebte ich die Welt Dürers und Holbeins, die Präzision, die Flamen, Bosch, Breughel, das stand eigentlich meinem Temperament näher; und nun wusste ich nicht, welche Thematik dem entsprechen könnte. Da fiel mein Blick auf eine alte Schreibmaschine... und als es in der Malklasse der Akademie hieß, wir sollten ein Stilleben malen, lieh ich mir diese Schreibmaschine aus und malte die mit allen Tasten ab. Und fühlte mich dabei sehr zu Hause. Und mein Lehrer Bruno Goller war kein bisschen beleidigt, dass ich nun nicht ein Stilleben malte mit Äpfeln und Birnen, sondern diese Schreibmaschine. Und der sagte mir, Herr Klapheck, da haben Sie was Persönliches gefunden. Vielleicht öffnet sich da ein Weg, auf dem Sie weiterkommen können. Und als ich dann unter dem Einfluss des Informel dann auch anfing mit Klecksen und Dripping und diesen Sachen zu experimentieren, da sagte er mir, Sie machen das sehr geschickt - aber vergessen Sie nicht, es gibt wahrscheinlich 17.000 Maler auf der Welt, die das heutzutage auch machen. Wollen Sie die Nummer 17.001 sein?

Klapheck wollte nicht, er wollte Maschinen malen. Und er wollte seine Biographie, seinen persönlichen Werdegang über diese Maschinen darstellen. Und so kommt es, dass er an einem einzelnen Riesenformat, der "Supermutter", 23 Jahre gearbeitet, es immer wieder übermalt und diese Stadien auch dokumentiert hat. (Die Supermutter ist übrigens eine Werkbank). So kommt es, dass auf dem Ölbild "Der Krieg", der bedrohlich angeordnete Bohrmaschinen zeigt, der rote Himmel die Hauptrolle spielt - das ist Klaphecks Erinnerung an eine Leipziger Bombennacht.

Es gibt dann auch die perspektivisch verkürzten, großformatigen Fahrrad-Speichen, die unseren Blick verwirren (das muss man erst mal malen) und den wie ein Glied schlaff hängenden, aufgewickelten Feuerwehrschlauch - Titel: "Repression". Es gibt die wie unter Hitze zerlaufenden Gegenstände, ein geschmolzenes Telefon, das an Yves Tanguy erinnert - natürlich hatte Klapheck schon früh eine Nähe zum Absurden und Surrealen. Max Ernst, Dalì, Margritte, das waren die Hausgötter, André Breton hat ihn gekannt und ermuntert.
Die Titel, die Konrad Klapheck seinen Bildern gibt, stellen sich immer erst nach Vollendung des Werkes ein. Es sei wie auf der Couch des Analytikers, sagt Klapheck: Man erzählt seinen Traum, das ist das Bild; und dann müsse man sagen, was einem dazu einfalle - das sei der Titel.

In seiner Jugend hat Konrad Klapheck auch mal geboxt, einfach so, aus Erfahrungshunger. Und als alter Mann, 1997, begann er noch mal etwas Neues: Er malte Akte und erotische Szenen, die allerdings in ihrer kühlen Starre seiner Dingwelt nicht ganz unähnlich sind.
Im Grunde hat Klapheck sein Leben lang die Dinge zu einer Familie, seiner Familie geordnet, zu seiner Welt.

Klapheck: Die Schreibmaschine wurde, entgegen meiner Absicht, dann ein Selbstbildnis. Und die Nähmaschine wurde ein Portrait meiner Freundin, von der ich mich unter großen Schmerzen getrennt hatte. So eine tragische Liebesgeschichte junger Leute. Und als die Nähmaschine gemalt war, dachte ich: irgendwie erinnert sie mich an meine Freundin. Und der Titel stellte sich dann fast automatisch ein: die gekränkte Braut. Ein Jahr später war sie dann meine Ehefrau.

Bei Platon gibt es das Ding an sich, bei Konrad Klapheck nur noch Oberflächen. Der Mensch selber tendiert ja dazu, zum Ding zu werden. Und so kann eine Schreibmaschine auch männlich sein und "der Wille zur Macht" heißen. Die Gewalt der Dinge, ihre Macht, ihre Fremdheit, auch ihre Traurigkeit - das alles zeigt uns Konrad Klapheck, der jetzt 70 Jahre alt wird.


Ausstellung: Straßburg, Art moderne, Musée d'Art Moderne et Contemporain 25.02.2005 bis 15.05.2005
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