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24.2.2005
Showdown an der Mailänder Scala
Intendant Fontana entlassen
Von Thomas Fromm

Die Mailänder "Scala" (Bild: AP)
Die Mailänder "Scala" (Bild: AP)
Eine laute "Sinfonie des Protestes” hatten Mailänder Lokalsender am Morgen angekündigt. Und so wurde es dann auch eine Scala-Aufführung der ganz besonderen Art: Vom Bühnenarbeiter bis zum Orchestermusiker waren alle gekommen, um auf der Piazzale Marino zwischen dem Mailänder Rathaus und dem Scala-Gebäude gegen die Politik ihres Hauses zu demonstrieren. Schon seit Wochen machte das renommierte Opernhaus vor allem mit politischen Misstönen und Intrigen Schlagzeilen - bis es zum heutigen Finale Furioso kam: Der langjährige Intendant Carlo Fontana muss gehen, so entschied der Verwaltungsrat des Hauses - der neue erste Mann der Scala ist der bisherige künstlerische Direktor des Hauses, Mauro Meli. An der Finanzmisere und der Scala ändert die Personalie jedoch kaum etwas, befürchtet der Scala-Orchestermusiker Marco Zoni.

Marco Zoni: Wir demonstrieren, weil das, was gerade an der Spitze der Scala geschieht, völlig nebulös ist. Niemand versteht mehr, was hier gespielt wird. Das Mandat des Intendanten wäre ohnehin im November ausgelaufen - hätte man nicht bis dahin warten können? Jetzt wird Fontana gegen seine Absetzung klagen und viel Geld verlangen.

Entschädigungszahlungen, die sich die Scala kaum leisten kann. Die mächtige Theater-Stiftung, die bei der Scala den Ton angibt, will drastische Kostensenkungen bei der hoch verschuldeten Bühne durchsetzen und macht Fontana für die Millionenlöcher des Hauses verantwortlich. Der neue Intendant Mauro Meli gilt italienischen Presseberichten zufolge jedoch selbst nicht gerade als eifriger Sparer: Der Kulturmanager arbeitete vor seinem Mailänder Engagement am Theater in Cagliari auf Sardinien - und soll hier nach seinem Weggang vor allem Schuldenberge zurückgelassen haben. Der Verdacht liegt nahe: Bei dem Mailänder Intrigenspiel der vergangenen Wochen geht es um Wichtigeres als Geld - und zwar um Macht und Politik. Denn die Scala ist bei genauem Hinsehen eine Art Spiegelbild der politischen Gemengelage des Landes. Die Hauptdarsteller des Scala-Dramas sind: Mailands Bürgermeister Gabriele Albertini, Mitglied der Forza-Italia-Partei von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, eine Reihe von regierungsnahen Statisten im Scala-Aufsichtsrat, und natürlich Ex-Intendant Carlo Fontana, seines Zeichens ein stadtbekannter Freund der linken Oppositionsparteien und daher nach Meinung von Scala-Kennern ohnehin auf der Abschussliste. Außerdem im Spiel:
Scala-Chefdirigent Riccardo Muti - er soll seit langem mit Fontana im Clinch gelegen und nun sein Ziel erreicht haben. Dabei haben die Musiker ganz andere Sorgen:

Orchester-Angestellter: Die Scala hat Schulden in Millionenhöhe, das ist das, was uns wirklich besorgt, meint dieser Orchestermusiker. Statt dieser ständigen Streitereien sollte man sich lieber um die Zukunft der Scala kümmern. Außerdem reden die privaten Sponsoren zu viel mit: Sie entscheiden über alles, was hier gemacht wird, sponsern die Scala aber nur zu 15 Prozent.

Auch nach dem Chefwechsel ist die Zeit der Dissonanzen an der Mailänder Scala noch nicht beendet. Die Angestellten wollen auch in den kommenden Wochen streiken, Aufführungen blockieren und Premieren platzen lassen. Und die Mailänder fürchten um ihr bestes Stück:

Bürger: Die Lage an ist schon seit langem dramatisch und wird immer schlimmer. Ich bin immer gerne in die Scala gegangen, aber jetzt wird mir das alles zu viel. Ich glaube, bei der Scala lebt man mittlerweile in den Tag hinein.

Heute Abend folgte dann übrigens noch der vorläufige Schlussakt, als sich ein Mailänder Forza-Italia-Politiker zu Wort meldete: Die Krise sei von der linken Opposition herbeigeredet worden, um die Scala und Mailand "mit Schlamm” zu bewerfen. Und überhaupt habe der Verwaltungsrat der Scala das Recht, Intendanten auszutauschen, wenn er dies für sinnvoll halte.
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