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Fazit • Kultur vom Tage
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27.2.2005
Die Welt ändern mit einem Lied?
"Festival Musik und Politik" 2005
Von Jürgen Stratmann

Festival des politischen Liedes 1975. Eine Vorgängerveranstaltung des "Festival Musik und Politik" (Bild: musikundpolitik.de)
Festival des politischen Liedes 1975. Eine Vorgängerveranstaltung des "Festival Musik und Politik" (Bild: musikundpolitik.de)
Dank George W. Bushs beherzter Außenpolitik erlebte ein subkulturelles Phänomen der 70er und 80er Jahre eine Renaissance, das bis dahin von allen Retro-Trends verschmäht worden war: die Protestsong-Bewegung.

Nun, Bush ist wiedergewählt, genutzt hat das alles nichts, und so trafen sich beim diesjährigen "Festival Musik und Politik" internationale Protest-Liedermacher und Journalisten am Samstagmittag in Berlin, um miteinander die Lage zu besprechen.

Thema: Ist der Schnee von gestern die Lawine von Morgen? Politisches Engagement und Enttäuschung.

Kirchenwitz: Ja, na gut, also diese Frage, Musik und Politik, politisches Engagement mit Musik, das liegt in der Luft, und das wird Jahr für Jahr immer wieder diskutiert, ...

Und dieses Jahr eben aus besonderem Anlass, erklärt Lutz Kirchenwitz, Kulturwissenschaftler und Initiator des Festivals. Nur, - schön doch eigentlich - so recht enttäuscht war niemand. Nicht der Amerikaner Stephan Smith, der als "Fiddler of the Revolution" angekündigt wurde.

Stepahn Smith: Bushes Reelection, it doesn´t personly effect me at all, because I´m singing for much larger changes in the world, like the global justice …

… noch Stephan Stoppok, der mit dem Titel "Scheiße am Schuh" den Liederpreis 2004 der Liederbestenliste gewonnen hat, und sich mindestens damit als deutscher Vertreter seiner Zunft empfahl ...

Ich merke schon, dass genügend Leute in den letzten Jahren durchgehalten haben und das immer mehr junge Leute wirklich ´ne andere Haltung haben und immer mehr Leute erreichen - also die Tatsache allein ist schon hochpolitisch und bewirkt ganz viel bei den Leuten ...

... und selbst wenn´s nicht so wäre...

Regina. Scheer: ... Enttäuschung, wir ha´m ja vorhin schon gesagt, ist immer auch eine Befreiung von Täuschung …

.. bemerkt Regina Scheer. Sie hat vor 25 Jahren die Vorgängerveranstaltung, das in der DDR legendäre, wenn auch nicht unumstrittene Festival des politischen Liedes mit ins Leben gerufen. Sie wählte mit ihrer Bemerkung einen eher linguistischen Zugang zum Thema. Eine Methode, die prompt vom Publikum aufgegriffen wurde.

Zuschauer: .. als alter Fan vom Festival von Musik und Politik hab´ ich mir gedacht, was wollen die mit diesem verfluchten Titel, den kann´s doch in die Tonne treten, aber jetzt merk ich: wer weiß, ob die Lawine, die kommt vielleicht noch, dazu muss es erst wieder Neuschnee geben, und dann fällt mir ein, letztes Jahr euer Versuch, als die Alten, Wenzel und Wecker, Neue vorgestellt ha´m, da war´n paar nette Schneeflöckchen dabei, und wer weiß, ob der Schnee von gestern, - da denk ich an Gletscher, an Eis, der hält was fest, und der lässt es vielleicht gar nicht mehr ´raus, oder viele Jahrzehnte später.

Ah ja!

Kirchenwitz: ... ja, ach na ja, ich meine, das war ´n ganz lustiges Bild ...

... von wegen: windiges Neuschnee-Gewese braucht alten, nassen Pappschnee für Bodenhaftung?

So ähnlich ging´s während des viertägigen Programms jedenfalls zu. Mal Pappschnee, mal Neuschnee, mal gut abgehangene Agit-Prop-Nostalgie mit Kunstanspruch, wie das Frankfurter Musikkabarett-Urgestein "Fortschrott" oder Pension Volkmann.

Volkmann: ... komma Kanzler, mach ma Action, Schröder gib mir Satisfaction ...

Als Nachwuchskünstlerin: Dota, die Kleingeldprinzessin, und ihr Partner Jan Rohrbach alias Captain Hookline.

Dota: ... Ansage: wenn man ein Problem hat, was man nicht lösen kann, dann schafft man sich ein Problembewusstsein, dann hat man ein Problembewusstsein anstelle eines Problems, und hat das Problem sozusagen ins Bewusstsein verdrängt ... das zeichnet ein intelligentes Publikum aus, manchmal lacht da auch keiner, so: schade, jetzt nicht verstanden.

Das ist die Kritik vorweggenommen, das ist so ein Problembewusstseinslied ...

Volles Haus, beste Stimmung - dabei hatte Dota Kehr zunächst Bedenken, ob sie überhaupt kommmen soll.

Dota Kehr: Ich hatte Bedenken, das transportiert eigentlich der Veranstalter so, die Bedenken, ob wir auch wirklich genug politische Lieder haben, weil, weil was denn genau ist denn politisch? Ich hab immer den Eindruck, es muss irgendeinen organisierten Zustand der Ordnung von politischen Gruppierungen und Interessen gegeben haben, der irgendwann vor meiner Geburt noch existierte und sich seitdem nur noch zersetzt, zerfällt und zergliedert. Heute lässt sich nichts mehr richtig fest zuordnen und alle sind in der neuen Mitte, und keine Ahnung, ist das Politik?

Schön, findet ein Zuhörer ...

Gab 'ma in der DDR so´n Begriff, der hieß DDR-Konkret, man hat die Lieder gemacht, die so mit´n Alltag zu tun hatten. Das Jefühl hab ick, das ´s jetz wiederkehrt, war immer so schön vorhin, wenn die Kleingeldprinzessin gesagt hat, jetzt sing ick ´n politisches Lied, und eben war´s ´n Liebeslied. Manschmal denk ich, man muss es jar nich so trennen, - aber dat die dat so wahrnehmen, ...

Aha, DDR-Konkret also - gab´s schon, geht schon! Richtig schwierig wird´s für den orthodoxen Protestler bei der Ghetto-Disziplin. Das gibt Dieter Wasilke, Vorsitzender des Musikerverbandes "Profolk" gelassen zu:

Es ist einfach so: es kostet sehr viel Standvermögen gegenüber Lautstärke, und man muss lernen, anders Worte zu verstehen, in Hip Hop, Rap oder in solchen Bereichen, letztendlich sind das aber die Proteste, die in unserer Bewegung anders formuliert worden sind.

Der DGB hatte Rapper zu der Veranstaltung "Gib dir eine Stimme" in die Kulturbrauerei eingeladen. Mit dabei die Rapperin Iva und Sinaia von Ischen Impossible aus Düsseldorf.

Iva: Deutschland, isch bin ein Teil von dir, ej Deutschland, isch repräsente disch hier, mit deine Hip Hop - Folklore und de Hip Hop-Kultur, mit all diese Menschen, isch bedanke mich dafür ...

Sinaia: ... unsere Poltik ist eine emotionale Politik, eher die Alltagspolitik, die die Menschen verstehen können, weil es aus den eigenen Reihen kommt.

Und wer hätte das gedacht: auch sie haben ihre Wurzeln beim guten alten Protestsong kommen nicht ganz ohne Pappschnee aus: Ischen Impossible singt Rio Reiser. Warum nicht auch das?

Der Traum ist aus, ist aus, ist aus ...
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