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26.2.2005
Schuld und Verantwortung 60 Jahre danach
Tagung "Politik der Schuld" in Berlin
Von Andreas Baum

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin  (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (Bild: AP)
Vom 24. bis 26.2.2005 fand in Berlin die Tagung "Politik der Schuld" statt. Veranstaltet wurde sie vom Deutschen Historischen Museum in Kooperation mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Die Deutschen als Täter und Opfer, die Frage nach Schuld und Verantwortung 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg standen im Mittelpunkt der Diskussionen.

Da ist zunächst einmal die Art der Schuld selbst, von der heute gesprochen werden muss, da der Kreis derer, die im Dritten Reich schuldig geworden sind, als Täter oder Mitläufer, persönlich, moralisch oder gerichtsverwertbarpolitisch, von Jahr zu Jahr schrumpft. Dass dennoch bis heute von Schuld und der daraus erwachsenden Verantwortung gesprochen wird, heute vielleicht viel präziser als früher, zeigt nach Ansicht des Konstanzer Makrosoziologen Bernhard Giesen, dass die Schuld an den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges von den Alten an die Jungen weitergegeben worden ist. Dieses Motiv ist schon in der Bibel zu finden, im Alten wie im Neuen Testament.

Giesen: Die Vorstellung der Erbsünde, die sozusagen die beabsichtigte Tat eines Einzelnen ist, aber generationsübergreifend eine Gemeinschaft kennzeichnet, bis es eine erlösende Tat wiederum eines Einzelnen gibt. Dieser Eine, oder diese wenigen, die die Erlösung von der augustinischen Erbschuld vollziehen können, müssen selber unschuldig sein, weil, wenn sie selber Täter wären und Blut an den Händen hätten, würde sie von der Ritualgemeinschaft ausgeschlossen, in der das erlösende Schuldbekenntnis vollzogen werden kann.

Dass diese archaische Idee der Schuld, die wie ein Fehler im genetischen Code weitervererbt wird, die nachkriegsdeutschen Vorstellungen prägte, sei offensichtlich: Denn der dazu gehörige Befreiungszauber, nämlich die erlösende Tat des Unschuldigen, ist nachweisbar: Zum ersten Mal in Warschau, als Bundeskanzler Willy Brandt 1970 vor dem Denkmal für die Gefallenen des Ghettoaufstandes auf die Knie fiel.

Willy Brandt war unbezweifelbar unschuldig. Und er war trotzdem Repräsentant der Nation der Täter. Und als solcher war er in der Lage, genau jene rituellen Bedingungen der Erlösung zu vollziehen, ohne dass Brandt in irgendeiner christlichen Tradition erzogen worden wäre, vollzog er doch eine Geste, die im kulturellen Code des Christentums verankert war.

Im Ausland wurde diese Geste verstanden, viel früher als in Deutschland selbst. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" griff den Kniefall von Warschau seinerzeit erst zwei Wochen später auf, nachdem die internationale Presse das Foto schon fast zur Ikone stilisiert hatte: Man anerkannte den Willen eines Deutschen, um Verzeihung zu bitten, nur in Deutschland selbst blieb dies fast unbemerkt.

Schuldig fühlte sich - Giesen zufolge - die Kriegsgeneration ohnehin nur, weil sie sich von den Nazis quasi überrumpelt fühlte: Der Durchschnittsdeutsche fühlte sich qua Gesetz und Befehl zum Verbrechen ermächtigt, erst die siegreichen Alliierten hätten ihm die Legitimation wieder entzogen - was zum Tätertrauma geführt habe, mit allen bekannten psychischen und psychosozialen Folgen: Täter wider willen, ebenso traumatisiert wie ihre Opfer. Eine Einschätzung, die Jan Philipp Reemtsma, der Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, nicht teilen will.

Trifft diese Selbstidealisierung nicht nur auf eine sehr kleine Tätergruppe zu, und war nicht weit mehr verbreitet das Bewusstsein, sehr wohl die Normen dessen, was im 20. Jahrhundert für zivilisiert galt, über den Haufen zu werfen? Durch Mord, Totschlag, Korruption, Räuberei, aber sich gedeckt zu fühlen durch Macht. Also sich als Mitglied einer Bande zu begreifen, die weiß, dass sie gegen die Gesetze verstößt, aber erfolgreich ist.

Reemtsma entdeckt im Zeitgeist eine stetig wachsende Bereitschaft, Schuld am Geschehenen anzunehmen, ausgerechnet von denen, die aus biographischen Gründen nicht schuldig sein können: Das Kokettieren mit der Schuld lenke ab von den objektiven Pflichten der Nachgeborenen. Statt der Schuld-Abwehr der Väter diagnostiziert er in der bundesrepublikanischen Gegenwartsgesellschaft eine ausgeklügelte Strategie zur Verantwortungs-Abwehr.

Dieses Oszillieren zwischen der Sorge, zur Verantwortung gezogen zu werden und dem permanenten Geschehen, dass dieses nicht passiert, allenfalls in der Imagination, indem etwa die deutsche Teilung als Strafe für Auschwitz verstanden wird, Grass etwa, oder so, was ja alles historischer Unfug ist. Dieses merkwürdige Hin und Her zwischen Schuldritual und Übermut. Auch Goldhagens Erfolg, der darauf beruhte, dass er sagte, es ist vorbei, ihr seid andere, es ist nix passiert, die Decke ist nicht eingestürzt, gleichzeitig diese besondere Gutgelauntheit, dieses: Wir sind noch einmal davongekommen, wie etwa bei der Flick-Sammlung und ähnlichem.

Verantwortung zu übernehmen, das würde heißen, Entschädigung zu leisten, Aufklärung zu betreiben, Schuldige zu benennen, und Position zu beziehen für die Opfer der Verbrechen und deren Nachfahren. Stattdessen versteckten sich die Deutschen bis heute hinter der Schuld, manche haben es sich in dieser Rolle geradezu bequem gemacht, auch, weil, wie der Hamburger Soziologe Ulrich Bielefeld argumentiert, die Schuld eine Medaille mit zwei Seiten ist.

Zum einen erkennt sie unabhängig von Handlungen, von Taten und damit von Tätern an, dass etwas Unverzeihliches getan wurde, das selbst durch tätige Reue nicht aus der Welt geschafft werden kann. Zum anderen kennt sie nur die Perspektive des Schuldigen, der, gerade weil er sich nicht entschulden und nicht entschuldigen kann, in eine herausragende und überragende existenzielle Position gebracht wird. In der Position der Schuld muss eine geradezu heroische Leistung vollbracht werden.

Eine Schuld dieses Ausmaßes zu tragen, so könnte man spöttisch hinzufügen, soll uns Deutschen erst mal einer nachmachen. Sie wird ertragen, ohne Klagen.

Heroisches Schweigen ist die unbedingte Reaktion des neuen Helden, der durch das schweigende ertragen sich von Leid und Schicksal abhebt. Allerdings nicht ohne auf diese neue heroische Existenzform der Schuld zu verweisen und sich gerade dadurch von denen zu unterscheiden, die Leid und Schicksal nur über sich ergehen lassen können.

Da wird so viel Selbstgerechtigkeit diagnostiziert in der westdeutschen Lust am Schuldigsein, dass es nicht verwundert, dass der deutsche Diskurs bis heute blind und taub bleibt für die Aufarbeitungsleistung unserer Nachbarn, der Opfer des Zweiten Weltkrieges. Nicht nur die Vertriebenenverbände verlangen gebetsmühlenartig, dass beispielsweise Polen Verantwortung übernimmt für die Flucht aus den ehemaligen Ostgebieten. Dabei hat die katholische Kirche Polens, wie der Historiker Hans-Jürgen Bömelburg beiträgt, bereits 1965 eine Mitschuld eingeräumt. Auch in den 90er Jahren übersah man hierzulande geflissentlich die intensive polnische Debatte um die Legitimität der Vertreibung.

Es gab in der deutschen Öffentlichkeit außerhalb eines kleines Kreises von Polen-Interessierten keinerlei Wahrnehmung bei den östlichen Nachbarn intensiv und über Jahre diskutiert wurde.

Ähnliches gilt für die das deutsch-tschechische Verhältnis: In der Anerkennung der gegenseitigen Bereitschaft, Schuld und Verantwortung anzunehmen, stehe man ganz am Anfang, wie der tschechische Geschichtswissenschaftler Jan Pauer am Beispiel einer gemeinsamen deutsch-tschechischen Erklärung aus dem Jahre 1997 zur Vertreibung der Sudetendeutschen zeigt.

In der Schlussphase der Textabstimmung saß die gesamte tschechische Regierung mit dem Deutsch-tschechischen-Wörterbuch über dem Wortlaut der Erklärung, um eventuelle juristische Fallstricke und Zweideutigkeiten auszuschließen. Soviel Misstrauen hat sich sieben Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Stacheldraht zwischen Ost und West angesammelt.
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