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28.2.2005
Zum Tod des italienischen Dichters Mario Luzi
Von Maike Albath

Mario Luzi starb 90-jährig in Florenz (Bild: AP-Archiv)
Mario Luzi starb 90-jährig in Florenz (Bild: AP-Archiv)
"Spät ist es - das Ende des Tages naht", schrieb Mario Luzi 1999 in einem Gedicht und deutete damit seine schwindenden Kräfte an. 1914 in der Nähe von Florenz geboren, starb er am 28. Februar 90-jährig. Er hat nicht nur eine Strömung der italienischen Lyrik geprägt, sondern als Übersetzer, Essayist und großer Literatur-Vermittler gewirkt.

Tief gebeugt, das Buch dicht vor seinen Augen, mit leiser Stimme und singendem Tonfall - so trug Mario Luzi seine Gedichte bis in die späten 90er Jahre öffentlich vor. Eine große Würde ging von dem alten Dichter aus, dessen Werk eine ganze Epoche geprägt hatte, worüber er bis zum Schluss zu staunen schien. Tiefes Sprachvertrauen und Beständigkeit zeichnen seine weit über tausend Seiten umfassende Arbeit aus. Für Moden oder politische Vereinnahmungen war Luzi nie empfänglich.

Als in den 60er Jahren junge italienische Lyriker traditionellen Schreibweisen den Kampf ansagten, setzte er unbeirrbar seinen Weg fort. Seine künstlerische Unabhängigkeit erklärt sich aus seinen Anfängen. In der Hochzeit des italienischen Faschismus kam Luzi Anfang der 30er Jahre als Student der Romanistik nach Florenz in das Zentrum des literarischen Lebens. An den Tischen des Caféhauses Le giubbe rosse entstanden die führenden Literatur-Zeitschriften Italiens, Zusammenkünfte mit Schriftstellern und Dichtern waren an der Tagesordnung, man diskutierte über neue Ausdrucksformen und setzte den heroischen Phrasen des Regimes Dunkelheit und eine große Dichte von Bildern entgegen. Hermetismus hieß diese neue Richtung. Als Luzi 1935 mit der Sammlung "Das Boot" debütierte, wurde er sofort zum Repräsentanten der florentinischen Hermetiker ausgerufen.

Das Motiv des Bootes deutet es schon an: In Luzis frühen Gedichten geht es um den Aufbruch zu neuen Bezirken jenseits der Alltagswirklichkeit. Mit seinem erlesenen Vokabular, den Latinismen, der Verankerung in der europäischen Tradition und einer tiefen Spiritualität unterlief der Dichter das Auftrumpfende der faschistischen Parolen. Für Luzi war die Sprache der Gegenwart vergiftet, die Welt wird als grau und öde beschrieben, nur ein jenseitiger Bereich versprach Trost. Dieses schwer zu fassende Ungefähre bildet den Fluchtpunkt des Frühwerkes von Mario Luzi und steht für eine innere Emigration. Der Wahnsinn des Krieges äußert sich höchstens in Chiffren - die Münder der Menschen seien mit Tränen vernäht, heißt es einmal.

Erst nach dem Krieg löst sich Luzi von seinem strikten Purismus. Seinen Broterwerb hatte er zuerst als Lehrer bestritten. 1955 wird er Professor für Französische Literatur, verfasst Essays, übersetzt Coleridge, Racine und Shakespeare. Mit der elitären Isolation ist es nun vorbei, und auch in seine Gedichte dringt Wirklichkeit ein. Karge toskanische Landschaften tauchen auf, es gibt Anzeichen von neuem Leben, mit Demut wird die Welt in den Blick genommen, immer wieder ist von dem sich ewig wiederholenden Lauf der Natur die Rede.

Doch bald holen ihn Skepsis und Zweifel ein: in den Lyriksammlungen der 80er Jahre verbreiten die Auswüchse neuer Technologien Angst und Chaos, das Gefühl des Unbehausten nimmt zu. Eine ursprüngliche Religiosität durchdringt Luzis Gedichte, und trotz seines pessimistischen Grundtons droht er nie zu verstummen. Auch in ihren dunklen Erscheinungsformen ist die Welt immer noch Gegenstand seiner Texte; sie zu entziffern, bleibt Sache des Lesers. Ein Schutzraum blieb bis in die letzten Jahre die Natur: der Kreislauf von Werden und Vergehen, den Luzi sein Leben lang besang, hat sich jetzt geschlossen.
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