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Fazit • Kultur vom Tage
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1.3.2005
Gesellschaftskritik unerwünscht
55. Schlagerfestival San Remo
Von Thomas Migge

Festivalleiter Paolo Bonolis umringt von Antonella Clerici, links, und Federica Fellini, rechts (Bild: AP Archiv)
Festivalleiter Paolo Bonolis umringt von Antonella Clerici, links, und Federica Fellini, rechts (Bild: AP Archiv)
Eros Ramazzotti und Adriano Celentano sind einst durch das internationale Festival in San Remo berühmt geworden. Doch neuerdings sind gesellschaftskritische Texte auf dem größten Medienereignis Italiens unerwünscht. Literaturnobelpreisträger Dario Fo befürchtet, dass bald nur noch Sänger auftreten dürfen, die auch Mitglied der Regierungsparteien sind.

"Nel blu dipinto di blu". Mit dieser Canzone, wie die Italiener ein Lied nennen, gewann Domenico Modugno 1958 das italienische Schlagerfestival in San Remo an der Riviera. Modugno war der Sieger der achten Ausgabe dieses Festivals, das schon früh weit über die Grenzen Italiens berühmt wurde und den Ruf des italienischen Schlagers begründete.

So wie Bobby Solo mit seiner Canzone "Una lacrima sul viso" wurden auch Eros Ramazzotti, Adriano Celentano und viele andere Sänger erst durch das Festival in San Remo richtig berühmt. Eine Schmiede der leichten Muse. Heute Abend begann, live ausgestrahlt vom Staatsfernsehen RAI, die 55. Ausgabe des Festivals. In diesem Jahr unter der Leitung des Show-Witzboldes Paolo Bonolis. Bis Samstag treten jeden Abend Sänger auf und wechseln sich mit internationalen Musikern ab.

Doch das Festival von San Remo ist ins Gerede gekommen. Ins politische Gerede. Seit der Medienzar Silvio Berlusconi das Land regiert, streckt er seine Hände in alle Richtungen aus. Auch in Sachen Kulturpolitik und leichte Muse, denn überall wittert er die Macht des Bösen, und das sind vor allem die Linken. So war es nur selbstverständlich, weiß Paolo De Bernardin, Musikjournalist der RAI, dass Berlusconi auch San Remo unter seine politischen Fittiche bringen musste:

Das Festival ist ein Wettbewerb, und das gefällt den Italienern. Diese Canzone gefallen allen, und das garantiert traumhafte Einschaltquoten. Die Canzone transportieren Werte, gesellschaftliche und manchmal auch politische Werte. Wenn von Armut und sozialer Ausgrenzung die Rede ist, von gesellschaftlichem Randdasein usw. Das Festival ist das größte Medienereignis Italiens, und da erreicht jede Botschaft Millionen von Haushalte.

Aus diesem Grund wurde das Festival nach der Ausgabe des letzten Jahres - bei der einige der Sänger gesellschaftskritische Themen behandelten - zur Chefsache der Regierung ernannt. Berlusconi gab es in die Verantwortung von Ignazio La Russa, dem zweitwichtigsten Mann innerhalb der ehemaligen neofaschistischen und heute rechten Partei Alleanza Nazionale. La Russa hatte die Aufgabe, spottete das linke Wochenmagazin "L'Espresso", das Festival politisch stubenrein zu machen.

Paolo De Bernardin: In den vergangenen Jahren hielt sich der Einfluss der Politik noch zurück. Die Manager des Festivals und der großen CD-Unternehmen organisierten den Wettbewerb. In diesem Jahr aber mischen die Politiker der Rechten direkt mit. Sie entschiedenm, wer singen darf und wer nicht. In diesem Jahr ist alles anders.

Alle Verantwortlichen der Veranstaltung sind in den letzten Monaten mit regierungsnahen Personen besetzt worden. Wie bereits im Fall des Verwaltungsrats der Mailänder Scala - auch er wurde von allen linken Mitgliedern "befreit", wie es Silvio Berlusconi nannte - sollte garantiert werden, dass das Festival eine ausschließlich von den "richtigen" Leuten organisierte Show wird. Opfer dieser politischen Unterwanderung sind jene Künstler, die für ihre linken Sympathien bekannt sind. Zum Beispiel die neapolitanische Sängerin Maria Nazionale:

Das ist schon traurig. Man hatte mir zugesichert, dass ich in diesem Jahr in San Remo singen kann, aber es wurde alles zurückgenommen. Zeitlich fällt die Absage an mich zusammen mit der Nominierung der eindeutig als politisch rechts ausgewiesenen Manager.

Politisch oder gesellschaftskritisch inspirierte Texte wird es da bis auf weiteres nicht mehr geben. Maria Nazionale singt von der Armut und der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimatstadt Neapel und von der Macht der Clans der Camorra. Ein unbequemes Thema, das, so meinen die neuen Verantwortlichen in San Remo, auf ihrem Festival nichts zu suchen habe.

Das Festival della Canzone di San Remo war nie ein Hort von Gesellschaftskritik, aber in den letzten Jahren schlugen sich in vielen Schlagertexten gesellschaftspolitische Veränderungen nieder: angefangen von der 68er Bewegung über die sexuelle Revolution bis hin zu einer Volksbefragung zum Ehescheidungsrecht, die Ende der 70er die Nation aufwühlte. In diesem Jahr sollte es in San Remo unter anderem ein Lied geben, in dem der Schwangerschaftsabbruch thematisiert wird. Auch dieses Lied wird nicht zu hören sein. Die Regierung Berlusconi unterstützt lieber die katholische Bischofskonferenz in ihrem Kampf gegen eine demnächst angesetzte Volksbefragung, die das neue Gesetz zur Einschränkung der künstlichen Befruchtung zu Fall bringen soll. Ein Schlagerfestival von Berlusconis Gnaden?

Literaturnobelpreisträger Dario Fo befürchtet, dass bald nur noch Sänger auftreten dürfen, die auch Mitglied der Regierungsparteien sind.

Service:

Das 55. Schlagerfestival in San Remo findet vom 1. bis 5. März 2005 statt.

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