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1.3.2005
"Hieroglyphen um Nofretete"
Ausstellung im Kulturforum Berlin
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Eine Büste der Nofretete in einem Berliner Museum (Bild: AP Archiv)
Eine Büste der Nofretete in einem Berliner Museum (Bild: AP Archiv)
Die Büste der ägyptischen Königin ist nach ihrem Umzug im Kulturforum Berlin angekommen. Die zeitlos Schöne präsentiert sich nun für ein halbes Jahr in der Ausstellung "Hieroglyphen um Nofretete". Sie wird dort von Zeugnissen europäischer Kunstgeschichte umrahmt, die auf ihre Weise das Faszinosum der altägyptischen Bilderschrift illustrieren.

Nofretete erscheint, als wäre sie mittlerweile zu einer Art Schutzgöttin der Staatlichen Museen zu Berlin geworden: In der Mitte eines gedämpft beleuchteten Saales, wo sie, wie in einer Gralskapelle, etwas erhöht steht und ihr erhaben-enigmatisches Lächeln dem sich bedächtig nähernden Betrachter zuwirft. Um den Sockel lagern Scharen von Fotografen und Kameraleuten, als wäre die Schöne aus Charlottenburg nicht bis gestern noch im Ägyptischen Museum zu sehen gewesen. Aber es ist eben nicht mehr dieselbe Nofretete, wie Museumschef Dietrich Wildung bekennt. Denn sie ist aus ihrer Überzeitlichkeit in den rauen Fluss des Berliner Abendverkehrs gestiegen und hat ihre längste Reise seit anno 1913 angetreten, als sie in Berlin ankam. Immerhin waren es gestern Nacht rund fünf Kilometer unter dem Siegel strengster Diskretion, um sie übergangsweise am Kulturforum am Potsdamer Platz zu beheimaten.

Dietrich Wildung: Als Nofretete - es wird wohl 21.58 Uhr gewesen sein - letzte Nacht hier ankam und eine halbe Stunde später an der Stelle stand, die Sie gleich sehen werden, war zunächst bei allen Beteiligten andächtige Stille. Und dann: spontaner Applaus. Denn wir wohnten der Geburt eines neuen Kunstwerks bei.

Ja, es ist förmlich eine Weihestunde, die der Direktor des Ägyptischen Museums mit einigen Kollegen aus anderen Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hier einberufen hat. Über dem Eingang des Saales hängt in roten Neonbuchstaben ein Satz von Maurizio Nanucci, dem italienischen Minimal-Art-Veteranen, der die Kunst der Tautologie seinerzeit zur Perfektion getrieben hat. Sein Satz lautet: "Art has ever been contemporary" - Kunst ist immer zeitgenössisch gewesen. Das soll in diesem Rahmen bedeuten, dass auch Nofretete immer noch als heutiges Kunstwerk begriffen wird, und so fassen wir sie letztlich ja auch auf, schließlich findet sie auch heute noch jeder schön, oder? Das sind die Thesen, unter denen die Staatlichen Museen im Jahr eins nach der MoMA-Ausstellung dem Publikum gern einmal wieder ins Gedächtnis rufen wollen, was sie so zu zeigen haben.

Dietrich Wildung lässt durchblicken, dass es das Anliegen war: Nofretete nicht einfach isoliert zum Schaustück, zur Sensation degradiert irgendwo hinzustellen, wo gerade Platz ist, sondern diesen Ort, das Kulturforum zu thematisieren. Das ist, so glaube ich, ja nicht selbstverständlich, dass selbstständige Museen freiwillig und engagiert gemeinsam ein Konzept aushecken.

Das Kulturforum selbst, dieser schmerzlich unvollendete Kunsteisberg am Potsdamer Platz, lässt sich als große Sphinx begreifen, die der Berliner Stadtplanung wohl ein ewiges Rätsel aufgegeben hat. Einstweilen aber begnügt man sich hier mit der Feststellung, dass die Faszination der Hieroglyphen schon eine lange Tradition hat.

Um Nofretete hat man grandiose Zeugnisse europäischer Kunstgeschichte angehäuft, die alle auf ihre Weise das Faszinosum der altägyptischen Bilderschrift illustrieren, die ja erst im 19. Jahrhundert überhaupt verbindlich entschlüsselt wurde. Bis dahin galt sozusagen freies Assoziieren, was aber insbesondere die Ägyptenrezeption der Renaissancehumanisten beflügelt hat, wie Hein Schulze Altcappenberg zu berichten weiß, der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, der einige sprechende Zeugnisse dafür beigesteuert hat.

Hein Schulze Altcappenberg: Dieses Missverständnis der Hieroglyphen ist sozusagen ein Wesensmerkmal der neueren europäischen Kunst seit der Renaissance gewesen, nämlich die ganze Frage der Bedeutung von Bildern, Bilder als Schrift, als Text lesen zu können. Und was wir nicht wollten, das ist schon häufiger gemacht worden und wäre auch für diesen Maßstab viel zu pompös geworden: Wir wollten keine "Ägyptomanie"-Ausstellung zeigen, auch nicht die Nofretete mit Ikonen, modernen Ikonen umgeben, also mit der Marylin, sondern wir wollten den schmalen Pfad treffen und diese Hieroglyphen, moderne Hieroglyphen um Nofretete versammeln, die ja selbst zu einer Hieroglyphe, zu einem Inbegriff für altägyptische Kunst geworden ist.

Für die besagten anderen grandiosen Werke, die hier zusammenkommen, finden die meisten der Fotografen und Kameraleute freilich nur flüchtige Seitenblicke. Dürers emblematisches Schlüsselwerk, die "Ehrenpforte" für den Habsburger Kaiser Maximilian I., der seinen Stammbaum bis auf die ägyptische Göttin Osiris zurückverfolgen zu können glaubte, ist hier in aller Pracht ebenso zu bewundern wie der berühmte Kupferstich der "Melencholia I", in der Dürer sein Bildmaterial zu einer neuen, spekulativen Geheimsprache erweitert, deren Vorbild wiederum in den altägyptischen Schriftzeichen zu sehen ist. Von hier aus führen mannigfache Zitate über die Gemälde Pieter Brueghels des Älteren, Hieronymus Boschs, Rembrandts und die architektonischen Entwürfe Piranesis bis zur Romantik.

Der Versuch allerdings, den Bogen noch weiter zu spannen bis hin zur tatsächlich zeitgenössischen Kunst, bis zu Paul Klee, Warhol, Beuys und Penck, kann man indes nur als ziemlich gewagt betrachten. Das Interesse an Hieroglyphen ließe sich, wenn man nur will, mit so ziemlich jedem halbwegs abstrakten Kunstwerk seit der Moderne belegen, ohne dass damit irgendetwas gewonnen wäre. Aber eigentlich ist das Ganze ja auch symbolisch gemeint, eben weil Nofretete in Berlin anschauen zu dürfen - und nicht etwa in Kairo - immer noch so zeitlos schön ist.

Service:

Die Ausstellung "Hieroglyphen um Nofretete" ist vom 1. März bis 2. August 2005 im Kulturforum in Berlin zu sehen.

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