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1.3.2005
Alles eins?
Kolloquium zur Gedenkstättenkonzeption der Bundesregierung
Von Andreas Baum

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin  (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (Bild: AP)
Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, dann sollen die vier Berliner Gedenkstätten der NS-Diktatur unter das Dach einer Bundesstiftung. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, die Gedenkstätte deutscher Widerstand, die Ausstellung "Topographie des Terrors" und das Haus der Wannseekonferenz sollen dann gemeinsam verwaltet werden.

Unterstützung bekommt die Bundesregierung vom Freiburger Historiker Ulrich Herbert, als Mitglied im Wissenschaftsrat also einer, dessen Aufgabe es ist, Empfehlungen auszusprechen. Wir brauchen einen Ort, an dem der Gesamtzusammenhang hergestellt wird, sagt er, und zwar in Berlin.

Wir brauchen nicht eine Koordination gewachsenen bürgerschaftlichen Engagements, das scheint mir nachgeordnet zu sein, insofern kommt es mir vor allem auf die Schaffung einer professionellen Struktur an, die diese beiden Häuser in der nächsten Zeit im Wesentlichen trägt.

Die vier betroffenen Gedenkstätten haben eins gemeinsam: Sie sind aufgrund des Engagements von Privatpersonen und Initiativen entstanden, nicht selten gegen den Widerstand der offiziellen Politik. Noch in den siebziger Jahren etwa weigerte sich der Berliner Senat, das Haus der Wannseekonferenz zur Gedenkstätte zu machen, um, wie es hieß, den Ewiggestrigen keinen Wallfahrtsort zu schaffen. Dass die Gedenkstätte trotzdem erkämpft wurde, sei löblich, sagt Ulrich Herbert. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Teile der Präsentation sich den zweifelhaften Charme des Amateurhaften erhalten haben. Damit soll Schluss sein.

Ja, es ist unprofessionell, weil es aus einer bürgerschaftlichen Initiative gewachsen ist, mittlerweile gibt es aber den unmittelbaren Bezug auf die Überlebenden, sei es die Täter wie die Opfer, nicht mehr, und hier brauchen wir modernere, klarere Strukturen, wir brauchen auch eine wissenschaftliche Grundlage, und es kann nicht einfach nur die Fortschreibung des seit dreißig Jahren Gewachsenen sein, das ist problematisch.

Der sympathische basisdemokratische Touch dieser Gedenkstätten gehe durch eine zentrale Verwaltung freilich verloren, aber das sei eben in London, Paris, Budapest und anderswo auch so. Die Vertreter der betroffenen Gedenkstätten sind wenig amüsiert: Jetzt, wo ihre Schuldigkeit getan sei, könnten sie gehen, so klingt in ihren Ohren der Ruf nach Professionalisierung.

Norbert Kampe, der Leiter des Hauses der Wannseekonferenz, wehrt sich gegen den Vorwurf des Dilettantismus und der Provinzialität. Das pädagogische Konzept der Villa, in dem 1942 die Vernichtung der Juden Europas beschlossen wurde, sei so erfolgreich, dass die Wartezeiten etwa für Schülergruppen mehrere Monate betrügen.

Dieser Ort hat eine stärkere emotionale Bedeutung, als es meiner Meinung nach das Denkmal jemals haben wird. Und mit der Einrichtung des jüdischen Denkmals hat der Ansturm auf unser pädagogisches Programm zugenommen. Auch mit der jetzt unmittelbar bevorstehenden Eröffnung des Denkmals und des Ortes der Information wird auch ein weiterer Zustrom von Besuchern von Gruppen nach Berlin stattfinden, die wiederum dann auch nach einem ruhigen Ort fragen, in dem ganztägig eine Beschäftigung mit einem ausgewählten Thema möglich ist und eine Betreuung durch Mitarbeiter, die da eine große Erfahrung haben.

Besucher der Ausstellung "Topographie des Terrors" auf dem ehemaligen Gelände des Gestapo-Hauptquartiers in Berlin (Bild: AP-Archiv)
Besucher der Ausstellung "Topographie des Terrors" auf dem ehemaligen Gelände des Gestapo-Hauptquartiers in Berlin (Bild: AP-Archiv)
Das Konkurrenzverhältnis zwischen den Gedenkstätten, das hier mitschwingt, ist eines der starken Argumente dafür, sie unter das Dach einer Verwaltung zu bringen. Andreas Nachama, Stiftungsdirektor der Topographie des Terrors, die sich um die Reste des Berliner Gestapogefängnisses kümmert, will keinen zentralen Erinnerungsort für alle Verbrechen des Dritten Reiches, an dem pauschal die Pflicht zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit abgegolten werden kann.

Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors" (Bild: AP Archiv)
Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors" (Bild: AP Archiv)
Wenn ich mir hier in Berlin die Frage stelle, wohin soll ich gehen, um der Millionen Opfer der Nationalsozialisten zu gedenken, dann muss ich mir zunächst einmal die Frage stellen, welcher Opfer denn?

Dass also den Opfergruppen nicht zentral und gemeinsam gedacht wird, ist Nachama zufolge die logische Konsequenz aus der Geschichte - er warnt davor, in einer Bundesstiftung ohne Sinn für Unterschiede Gedenkstättenkonzepte zusammenzurühren, die einfach nicht zusammengehören. Das könnte man später bereuen.

Die einzelnen Zutaten waren zwar gut, aber deshalb Vorspeise, Hauptspeise und Nachtisch zusammenzuschütten mit dem richtigen Argument: Sie kommen doch sowieso in den gleichen Magen, verdirbt allen den Appetit und lehrt etwas über die begrenzte Aussage von richtigen Argumenten.

Trotz aller Skepsis lehnt keiner der Gedenkstättenleiter eine Bundesstiftung grundsätzlich ab. Zu verführerisch ist die Vorstellung kontinuierlicher Finanzierung durch den Bund, endlich frei von den Zwängen des maroden Berliner Haushaltes. Aber eben nur unter bestimmten Bedingungen.

Ich plädiere nicht gänzlich gegen die Einrichtung einer Dachorganisation in Form einer Bundesstiftung - wenn es ein nahezu unsichtbares Dach bleibt. Wenn die einzelnen Einrichtungen ihr Profil, ihre Unabhängigkeit behalten.

Sollte die Stiftung eingerichtet werden, stellt sich natürlich die Frage, welche Orte sie noch betreuen könnte: Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen zum Beispiel, vor den Toren Berlins. Und auch die Idee einer weiteren Bundesstiftung wurde laut: Sie soll dann parallel die Gedenkstätten der SED-Diktatur zusammenfassen.



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