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Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
2.3.2005
Stuttgart eröffnet neues Kunstmuseum
Werksammlungen von Hölzel, Baumeister und Dix
Von Christian Gampert

Besucher im neuen Kunstmuseum Stuttgart (Bild: Kunstmuseum Stuttgart / Gonzalez)
Besucher im neuen Kunstmuseum Stuttgart (Bild: Kunstmuseum Stuttgart / Gonzalez)
Mit dem neuen Kunstmuseum, das am Samstag seine Pforten öffnet, wird Stuttgart um ein Museum reicher. Am Schlossplatz erhebt sich der Glaskubus in kühlen geometrischen Formen. In der ersten Ausstellung "Angekommen - Die Sammlung im eigenen Haus" wird vor allem baden-württembergische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts gezeigt. Wichtige Werkblöcke sind Adolf Hölzel, Willi Baumeister und Otto Dix gewidmet.

Wie bekommt man es hin, mitten in der wirtschaftlichen Krise ein neues Museum zu bauen? Ganz einfach: Man muss ein bisschen was riskieren - und begriffen haben, dass die Investition in Kunst sich lohnt. 67 Millionen Euro hat das Kunstmuseum Stuttgart gekostet, und die Stadt hat das ganz allein aufgebracht durch den Verkauf diverser Energie-Aktien. Da das Museum aber mitten in der Fußgängerzone liegt, am Schlossplatz, hat das Projekt bereits jetzt 250 Millionen Folgeinvestitionen aus der freien Wirtschaft in die Stadt gezogen - wer Kunst anguckt, kauft nebenbei auch noch was ein, so die simple Logik.

Die Fassade  (Bild: Kunstmuseum Stuttgart / Gonzalez)
Die Fassade (Bild: Kunstmuseum Stuttgart / Gonzalez)
Am Stuttgarter Schlossplatz erhebt sich nun also ein 26 Meter hoher Glaskubus, der mit seiner kühlen geometrischen Form den Grundriss des Platzes aufgreift und den Klassizismus des danebenstehenden Königsbaus in die klassische Moderne übersetzt. Hinter der Glasfassade wird der Bau statisch gehalten von einem zweiten Ring aus betoniertem, warmgelbem Muschelkalk, der nachts effektvoll angestrahlt wird.

Die Berliner Architekten Hascher und Jehle haben bei dem begrenzten Raum ein logistisches Meisterstück vollbracht, indem sie - durch die Nutzung zweier stillgelegter Straßen-Tunnelröhren - einen großen Teil der Ausstellungsräume unter die Erdoberfläche verlegten. Man steigt da in eine Art Kunst-Stollen ein. Und oben, im Erdgeschoss, wird der Besucher von einem langen, sanft ansteigenden Flur ins Gebäude hineingesogen, an Deck gebracht. Seitlich die Bibliothek und eine Bar, zentral ein großer Veranstaltungsraum, neben dran einige kleinere Ausstellungskabinette, die von der Museumsdirektorin Marion Ackermann nun bespielt werden:

Das Wechselspiel von Tag- und Nachtbeleuchtung, der Kontrast zwischen der Öffnung nach außen und der Konzentration und Geschlossenheit nach innen: Das sind sehr markante Charakteristika des neuen Baus, die mir sehr gefallen. Und was die Ausstellungsmöglichkeiten betrifft: Ein großer Vorteil ist die Flexibilität, auch in der Beleuchtung. Wir haben Lichtdecken, die man flexibelst einstellen kann, auch auf 50 Lux für Graphik. Und wir haben eine Vielfalt an Räumlichkeiten, also klassische Museumsfluchten, kleine Kabinette, riesige Räume, die über zwei Stockwerke reichen, und einen Kubus, der noch einmal einen anderen Boden hat, der hat Industrieboden, die anderen Bereiche haben Parkett. Man kann also auch mit der sehr vielfältigen und heterogenen Sammlung immer die entsprechenden Räumlichkeiten finden - das gefällt mir.

Es hat während der Planungsphase allerdings auch Krach gegeben. Der damalige Museumsdirektor Johann-Karl Schmidt, ein exzellenter Kunsthistoriker und renommierter Ausstellungsmacher, wollte sich gerade mit der Kleinteiligkeit vieler Ausstellungsräume und der Dominanz des Kunstlichts nicht abfinden und polemisierte wütend gegen den Neubau - mit dem Erfolg, dass die Stadt ihn als Galerie-Direktor rausschmiss und ins Kulturamt versetzte. Wenn man die neuen Räume abschreitet, muss man leider sagen, dass Schmidts Kritik berechtigt war: Zu schmal sind manche der Kabinette, das ständige Kunstlicht ist gut für die Graphik, aber oft auch düster, nur manchmal bekommt es eine schöne Tageshelle; und manche Räume sind für ausladende Installationen schlicht zu klein - Bruce Naumans brachialer "Musical Chair" wirkt im oberen Stock doch etwas eingequetscht.

Andererseits musste man eben, mitten im Stadtzentrum, von vornherein mit limitiertem Raum planen, und Marion Ackermann verliert auch im Eröffnungstrubel kein böses Wort über ihren Vorgänger:

Mein Vorgänger hat ein phantastisches Erbe hinterlassen, er hat hervorragend gekauft - die Dieter-Roth-Sammlung zum Beispiel hat er aufgebaut, und davon profitieren wir jetzt alle, damit arbeiten wir auch.

Die Sammlung der Stadt Stuttgart wurde 1924 durch die großzügige Schenkung eines Grafen Silvio della Valle di Casanova begründet und konsequent aufgebaut. In Abgrenzung zur global ausgerichteten Staatsgalerie sammelte man nach '45 vor allem baden-württembergische Kunst des 19. und 20.Jahrhunderts, und die ist nun auch zu sehen: wunderbare Bahnhofsbilder des schwäbischen Impressionisten Hermann Pleuer, expressionistische Druckgraphik und Öl von Heckel, Schmidt-Rottluff und Kollegen - und es soll eben immer auch etwas mit Stuttgart zu tun haben.

Ackermann: Expressionismus ist vorhanden besonders in Ausprägungen, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzen mit Adolf Hölzel, Schlemmer, Willi Baumeister, mit den regionalspezifischen Ausprägungen also, die natürlich dann starken Einfluss aufs Bauhaus hatten. Dann haben wir einen Schwerpunkt in der konkreten Kunst, Dieter Roth, Wolfgang Laib, auch siebziger und achtziger Jahre.

Natürlich kann man immer nur einen kleinen Teil der Sammlung zeigen. Aber die Eröffnungsausstellung weist schon die Richtung: Man will eine Reibung herstellen zwischen klassischer Moderne und Gegenwartskunst - und hat auch unter den Zeitgenossen einiges zu bieten: eine höhlenartige Installation aus Bienenwachs-Quadern des Wolfgang Laib etwa oder Rebecca Horns Folterstühle, deren Bewegungen ironisch von einer automatisierten Geige begleitet werden.

Ackermann: Zum Auftakt, zur Präsentation der eigenen Sammlung, die "Angekommen im eigenen Haus" heißt, soll erst mal die Sammlung vorgeführt werden; wie man in der freien Wirtschaft sagt: eine Stärken- und Schwächen-Analyse. Es soll wirklich gezeigt werden: Was sind die Stärken, aber auch: Was fehlt, was muss vielleicht durch Leihgaben künftig ergänzt werden.

Die wichtigsten Werkblöcke sind momentan Adolf Hölzel, Willi Baumeister und Otto Dix gewidmet. Natürlich dominiert Dix die oberen Stockwerke des Glaskubus - auf einem Stock sieht man seine Papierzyklen über den Krieg, darüber dann die mit dekadenter Wollust gemalten Straßenszenen und Portraits aus den zwanziger Jahren, die Tänzerin Anita Berber, abgewrackte Huren und Kriegskrüppel, das Großstadt-Triptychon.

Aber dann kann man heraustreten an die Glasfassade des Kubus und in den Stuttgarter Kessel schauen. Es ist nicht Paris, es ist nur Stuttgart bei Nacht, die erleuchteten Straßen und Hänge, ein Panoramabild - und es ist schön.

Service:

Die Ausstellung "Angekommen - Die Sammlung im eigenen Haus" ist vom 5. März bis 31. Juli 2005 im neu eröffneten Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

Link:

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