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Fazit • Kultur vom Tage
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3.3.2005
"Visionäres Belgien"
Ausstellung im "Palast der schönen Künste Brüssel"
Von Sven-Claude Bettinger

Ein Karussell in der Ausstellung "Visionäres Belgien" (Bild: Palast der schönen Künste in Brüssel)
Ein Karussell in der Ausstellung "Visionäres Belgien" (Bild: Palast der schönen Künste in Brüssel)
Der Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Harald Szeemann verstarb kurz vor Fertigstellung der Ausstellung "Visionäres Belgien". Nach den Schauen "Visionäre Schweiz" und "Visionäres Österreich" wollte er sich dem Vielvölkerstaat widmen. Die von seinem Sohn fortgeführte surrealistische Schau ist Bestandteil des Festprogramms zum 175-jährigen Bestehen des Königreiches.

Unvermittelt wurde die Ausstellung "Das visionäre Belgien - Das ist ganz in unserer Nähe passiert" zu Harald Szeemanns Vermächtnis. Passenderweise sogar zu einem surrealistischen Vermächtnis, denn seit langem hatte er den Wunsch gehegt, sich mit Belgien - mit seinem Belgien - zu befassen. Sohn und Mitarbeiter Jérôme Szeemann:

Diese Ausstellung hatte er seit fünfzig Jahren im Kopf. So lange kam er nach Belgien. Er kannte alle Sammler, die Geschichte der Belgier usw. Und am Anfang waren wir ein bisschen verloren …

Kurz vor Weihnachten war Harald Szeemann zum letzten Mal in Brüssel, um Konzept und Details zu besprechen. Zum Glück machten er und seine Mitarbeiter Saalskizzen und Gesprächsnotizen, wurde über zugesagte und ausstehende Leihgaben von Museen oder Künstlern gesprochen. Dieses Gerüst kleidete Jérôme Szeemann in den darauffolgenden Wochen dann ein:

Seit dreißig Jahren arbeiten wir an seinen großen Projekten zusammen. Das heißt, die Idee und wie er was hängen wollte, kann ich wieder finden, durch das Erlebnis der anderen Ausstellungen. Aber die ganzen Zusammenhänge für die ganze Ausstellung muss ich am Ort finden, müssen wir am Ort finden, da müssen wir seine Vision übersetzen.

Das Ergebnis dürfte den Vorstellungen entsprechen. "Visionäres Belgien" ist, wie Anfang der neunziger Jahre die vergleichbaren Ausstellungen zur Schweiz und zu Österreich, eine Wunderkammer. Saal um Saal werden starke Kontraste geschaffen und Parallelen gezogen, steht ältere Kunst neben erst kürzlich entstandenen Werken, mischen sich Hochkultur und Triviales aus dem Alltag. Bald kristallisieren sich deutliche Linien heraus. Harald Szeemanns Belgien ist barock, skurril, surrealistisch, morbide, mit einer sehr starken physischen Komponente und betonter Spottlust ...

Da hängt ganz zu Beginn "Die schöne Rosine" des Romantikers Antoine Wiertz, eine entblößte, lüsterne Schwangere, über die schon Mitte des 19. Jahrhunderts gelästert und gespottet wurde. Später folgen pornographische Zeichnungen des Symbolisten Félicien Rops, ein grellfarbiger, vulgärer Akt aus René Magrittes "période vache". Die Zeitgenossen Wim Delvoy, Jacques Lennep, Johan Muyle befassen sich mit Schweinen, sogar ausgestopften, tätowierten, mit Glühbirnen und Minikarussell auf der Nase verfremdeten. Jan Fabre zeichnet ganz subtil das eingebildete Sperma von Papageien.

Teil der Ausstellung: Modell des Brüsseler Atomiums  (Bild: AP)
Teil der Ausstellung: Modell des Brüsseler Atomiums (Bild: AP)
Das paart sich dann mit einer nicht weniger befremdlichen Mystik, den vom Schlafgott Hypnos entrückten, manchmal gefiederten Frauengestalten eines Fernand Khnopff oder dem blasphemischen Einzug Christi ins sozialistische Brüssel von James Ensor, den schwarzen Angstvisionen eines Léon Spilliaert. Geradezu emblematisch fertigte ein Frans Spies phallische Kerzen mit wahnsinnig aussehenden Heiligen. Diese aus dem Unterbewussten genährte Phantasie kann auch ganz zivil daherkommen, und auf völlig überraschende Weise surrealistisch werden. Etwa das Modell des Atomiums.

Jérôme Szeemann: Das Atomium haben wir letzten Donnerstag vom Flughafen abgeschleppt. Über dieses Modell gibt es eine belgische Geschichte. Als Ann beim Flughafen angerufen hat, sagten die: Wir sind nicht der Besitzer. Sie haben vier Namen von vier potentiellen Besitzern gegeben. Und jedes Mal hat einer dieser potentiellen Besitzer gesagt: Nein, nein, ich bin gar nicht mehr der Besitzer. Am Ende haben wir entdeckt, dass dieses Atomium keinen Besitzer hat!

Die zweite große Linie der Ausstellung behandelt intellektuelle Visionen. Manche Ideen und erst recht die Belgier, die auf sie kamen, sind längst in Vergessenheit geraten. Oft zu Unrecht. So erfand der Statistiker Paul Otlet das Karteikartensystem, auf dem er die ganze Welt erfassen wollte. Der Jurist Henri La Fontaine bekam für seine Idee einer Weltregierung den Friedensnobelpreis.

Und die treibende Kraft hinter dem Monte verità bei Ascona, wo sich reiche Nudisten und Vegetarier, Theoretiker der freien Liebe und Schriftsteller wie Hermann Hesse, Musiker und Tänzer von Weltruf trafen, war ein Belgier namens Henri Oedenkoven. Gerade dieser Teil der Ausstellung bereitete dem Team Schwierigkeiten, hebt Jérôme Szeemann hervor:

Er hatte immer tausend Dokumente und Papiere, aber immer nur in der letzten Phase. Seine Bibliothek ist so immens und enorm, und seine Ordnung ist seine … Das ist einfach für uninitiierte Leute, wir kennen seine Ordnung nicht, aber was er wo möchte, mit 10.000 oder Millionen Bücher. Zum Beispiel Pataphysik. Ich war bei ihm im Spital und habe ihm gesagt: "Was willst du von Pataphysik." - "Ja", hat er gesagt, "ich habe fünf Meter, du kannst ein bisschen nehmen, von dem und dem. Okay, aber das macht schon zehn Vitrinen."

Es fällt leicht aufzuzählen, was aus der Kulturgeschichte des Landes seit seiner Unabhängigkeit 1830 fehlt, was der Ausstellungsmacher verzeichnete, wofür er eindeutig kein Gespür hatte. Aber das ist nicht statthaft - denn von Anfang an sollte dies Harald Szeemanns Sicht des "Visionären Belgien" sein. Und die bekommt man.

Service:

Die Ausstellung "Visionäres Belgien" ist vom 4. März bis 15. Mai 2005 im "Bozar - Haus der schönen Kunst Brüssel" zu sehen.

Link:

Bozar - Haus der schönen Kunst Brüssel: "Visionäres Belgien"
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