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Fazit • Kultur vom Tage
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6.3.2005
Wegbereiter und Außenseiter der Moderne
James-Ensor-Ausstellung in Hamburg
Von Carsten Probst

James Ensor: Schädel und Masken, 1888 (Bild: Christoph Irrgang / Sammlung Klaus Hegewisch, Hamburg)
James Ensor: Schädel und Masken, 1888 (Bild: Christoph Irrgang / Sammlung Klaus Hegewisch, Hamburg)
Auf Grund künstlerischen Misserfolgs wandte sich der belgische Künstler James Ensor von den Gemälden ab und Radierungen zu. Die Hamburger Kunsthalle zeigt viele seiner berühmtesten Drucke, die vorwiegend in den 1880er Jahren entstanden. Dabei überwiegen groteske Szenen mit bissigen Karikaturen auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb.

Ab 1886, im Alter von 26 Jahren, wandte sich James Ensor ziemlich abrupt der Druckgrafik zu. Der anhaltende Misserfolg seiner Gemälde hatte ihn derart frustriert, dass er sich auf verlorenem Posten wähnte. Die wenigen Reproduktionen, die damals von seiner Malerei existierten, waren seiner Ansicht nach so schlecht und lieblos angefertigt, dass sie nicht zur Verbreitung seiner Kunst taugten. "Es macht mir Angst, die Empfindlichkeit eines Gemäldes den verhängnisvollen Eingriffen des Restaurators und den Verfälschungen der Reproduktionen ausgesetzt zu sehen", erklärte er in einem Gespräch mit seinem späteren Biografen Albert Croquez. Mit den Radierungen wollte er die Vervielfältigung seines Werkes selber in die Hand nehmen und dadurch auch die Qualität der Reproduktion unter Kontrolle halten.

Andreas Stolzenburg: Aus dem Grund hat er dann in der Frühzeit der Radierungen ab 1886 zunächst auch mal eine ganze Reihe seiner Gemälde in Radierungen umgesetzt, wobei es keine einfachen Reproduktionen sind, sondern durchaus manchmal auch Weiterentwicklungen, im Detail verändert, also eher freie Varianten im Prinzip. Aber damit konnte er dann zum Beispiel das berühmte Bild "Christi Einzug in Brüssel" drei Jahre nach seiner Entstehung 1886 dann als Radierung weiter verbreiten. Das Werk selbst, das heute so berühmt ist, "Der Einzug Christi in Brüssel", ist 1929 das erste Mal in der Öffentlichkeit ausgestellt worden. Die Radierung kursierte aber natürlich schon viel früher.

... erklärt Andreas Stolzenburg, der die Ausstellung für die Hamburger Kunsthalle eingerichtet hat, in der viele der berühmtesten Drucke Ensors versammelt sind. Sie zeigen nicht unbedingt einen "ganz anderen" Ensor als in den Gemälden, also auch in den Radierungen überwiegen die grotesken Szenen mit bissigen Karikaturen auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb, mit einem wollüstigen Spott auf die beginnende Massengesellschaft, die auf Ensors Bildern immer wieder von den Gespenstern mittelalterlicher flämischer Mythologie durch die Gegenwart gehetzt wird. Eine der bekanntesten Radierungen, die "Kathedrale", die wahrscheinlich das mittelalterliche Stadtzentrum von Gent zitiert, zeigt den riesigen gotischen Kirchenbau wie ein prähistorisches Skelett, vor dem ohne erkennbaren Grund eine anonyme, larvenhafte Menschenmasse wabert - ein Motiv von epochaler Faszination, das Ensor in vielen Varianten wiederholt, wenn er Skelette aus der Luft, zu Wasser und zu Lande über angstverzerrte Menschenmengen herfallen lässt. Auch wenn man simplen biographischen Deutungsmustern distanziert gegenübersteht, ist doch ein gewisser Zusammenhang von Ensors Weltsicht mit seinem künstlerischen Misserfolg schwerlich von der Hand zu weisen. Er selbst hat immer wieder auch Kritiker, die sein Werk ablehnten, mit buchstäblich ätzenden Karikaturen verhöhnt. Seine Empfindungen so radikal in seiner Kunst auszuleben, ohne sie mit hehren neuen Visionen zu sublimieren - das isolierte ihn über lange Zeit völlig von seinem künstlerischen Umfeld.

Stolzenburg: Er war befreundet mit einigen Künstlern, die so eine Art Sezession in Brüssel betrieben haben, und die haben seine Bilder abgelehnt. Das ist wirklich noch mal eine verschärftere Situation gewesen. Er hatte große Familie, er war selber nicht verheiratet, lebte nur mit einer Frau zusammen, aber er hatte eben eine Schwester, Mutter und Großmutter lebten mit im Haus, hat sich als Hausvorstand früh darum kümmern müssen, auch um die finanzielle Seite, es war nicht so, dass er jetzt vollkommen isoliert gelebt hätte im täglichen Leben, aber er hat keine Ausstellung gekriegt, konnte machen, was er wollte und keiner zeigte sie.

Selbst Künstler, die ihm thematisch und persönlich durchaus nahestehen, wie die französischen Symbolisten, halten sein Werk für degoutant, denn gerade...

Stolzenburg: ... die Symbolisten in Frankreich haben doch eher eine sehr hehre Vorstellung von Kunst, und diese Art der freien Darstellung Ensors, die oft in die Karikatur geht letztendlich auch, die war für die Symbolisten auch nichts, so dass er eben auch nicht so richtig zu ihnen gehörte. Die Symbolisten wollen ja mystische Szenen schaffen, aber sie wollen nicht Kritik an der Gesellschaft äußern, das ist der entscheidende Unterschied. Ensor nutzt symbolistische Motive, aber er will eben wirklich Kritik äußern und einfach auch seine Wut rauslassen.

Es war die fortschreitende Kunstentwicklung, die Ensor dann entgegenkam. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg, als er sich als Künstler inzwischen vor allem selbst zitierte und sein Werk an ursprünglichem Elan stark eingebüßt hatte, wurde er von Expressionisten und Vertretern der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, George Grosz, Max Beckmann bis hin zu Klee und Kubin als ein Vorläufer der Moderne entdeckt und machte auch alsbald weltweit Karriere, ohne noch als Künstler selbst maßgebend aktiv zu sein. Auch das paßt durchaus zu dem an Skurrilitäten nicht armen Leben Ensors.
Die Hamburger Kunsthalle hat dazu übrigens auch ihr spezielles Ensor-Erlebnis beizutragen. Denn ihr visionärer Direktor Alfred Lichtwark kaufte äußerst früh, nämlich schon 1903, eine Radierung Ensors für die Sammlung.

Stolzenburg: ... allerdings hat er dieses Blatt hier auf einer Ausstellung der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde erworben. Und was hat er erworben? "Boote am Strand", als das sieht ein bisschen eher aus vom Motiv her wie der Hamburger Maler Hermann Kauffmann, mit dem er befreundet war, und das ist nichts Avantgardistisches gewesen. Er hätte den "Einzug Christi in Brüssel" auf dieser Ausstellung kaufen können, es waren über hundert Ensor-Grafiken, fast das komplette Werk stand zur Verfügung, und Lichtwark kaufte zwar Ensor, aber er kaufte das, was er kannte, nämlich "Boote am Hafen", typisch Hamburg in dem Fall. Und erst Gustav Pauli, sein Nachfolger, war es, der 1929, also auch lange nachdem Ensors Werk eigentlich weltweit anerkannt war, kaufte Pauli 1929, '31 und '32 im großen Stil, und 1929 gab es dann auch die erste große Ensor-Ausstellung hier in der Hamburger Kunsthalle.







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