Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
6.3.2005
Was von der Lesung übrig blieb
Kommentar zum Schiller-Lesemarathon
Von Astrid Kuhlmey

Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Mit dem Lesemarathon "Schiller24", in dem von Samstag- bis Sonntagmittag im neuen Gebäude der Akademie der Künste am Pariser Platz die Werke des Klassikers gelesen wurden, ist das Schillerjahr offiziell eröffnet. 80 Prominente aus Kultur und Politik präsentierten ihren Schiller. Unter ihnen Innenminister Otto Schily und Kulturstaatsministerin Christina Weiss.

Gefühlter Schiller nach diesen 24 Stunden? Es gab eindeutig eine Hitliste: die großen dramatischen Balladen wie "Die Bürgschaft", "Die Kraniche des Ibykus" oder "Die Glocke" schlugen in der Gunst der Vortragenden und der Zuhörer alles. Da ließ sich das zunächst etwas gediegenere Publikum zu Beginn der 24 Schillerstunden beispielsweise nach Therese Affolters großartiger Interpretation der "Bürgschaft" zu explosivem Beifall und lauten Begeisterungsrufen hinreißen.

Nummer zwei in den Schiller-Charts der 24-Stunden-Lesung in der Akademie der Künste waren die Dramen: "Maria Stuart" ganz vorne, "Kabale und Liebe" dem großen Frauendrama ganz nah in der Gunst, natürlich Wallenstein und mit ziemlichen Abstand die Jungfrau von Orleans.
Wirklich großartig gestern in der Nacht Corinna Harfouch und Nina Hoss als Maria und Elisabeth oder Judy Winter als ganz und gar gebrochene, ehrliche Lady Milfort. Man möchte sofort eine Inszenierung sehen. Für mich einer der Höhepunkte des gestrigen späten Abends.

An dritter Stelle der favorisierten Texte: die theoretischen Schriften - insbesondere die Briefe zur ästhetischen Erziehung, mit denen schon Akademiepräsident Adolf Muschg eröffnet hatte. In diesen theoretischen Fundus wurde mehrfach gegriffen - aber auch Auszüge aus den Texten über das Erhabene, das Pathetische oder die Anmut wurden gelesen - so von Innenminister Otto Schily, der es wenig wie eine Haushaltsdebatte vortrug, von Esther Schweins im koketten Ton der schönen Frau oder von Volksbühnen-Ikone Sophie Rois mit rau getöntem und scharf artikulierten Sufragettenappell.

Warum diese Texte, die ja eigentlich zumeist philosophische Vorlesungen Schillers sind, so hoch favorisiert wurden, konnte ich nicht nachvollziehen.

Hier hatte ich öfter den Eindruck, dass sich die Vorlesenden mit einer intellektuellen Aura umhüllen wollten - seht her! Ich lese keine effektvollen Balladen, damit kann ja jeder Publikumsgunst gewinnen - ich mache es eine Nummer größer - das versteht nicht gleich jeder. Aber vielleicht ist das ja eine böse Unterstellung.

Unterstellung ist es aber ganz sicher nicht, dass die Auswahl hätte pfiffiger sein können: Es kam in der Regel das Erwartete und zwar in Wiederholungen. Aber wer weiß schon, dass der junge Karlsschüler Schiller von Herzog Carl Eugen aufgefordert worden war - wir würden heute sagen - IM-Berichte über seine Mitschüler zu schreiben? Und der Antwortbrief an den Herzog ist eine rhetorische Meisterleistung, dieser moralischen Zumutung die eigene aufrechte Haltung entgegenzusetzen - um diese Berichte letztlich doch zu schreiben, ohne die Mitschüler zu denunzieren. Warum nur zwei Beispiele der medizinisch-psychologischen Texte, nur wenige Belege des witzigen Schiller und gar keine des Historikers, der nämlich schon begann, global zu denken.

Und noch ein Wort zum Wie - zur Darstellung. Obwohl es beim Publikum in der Regel ziemlich gut ankam, fand ich zahlreiche Formen der Interpretation fragwürdig - und es waren ja in der Mehrzahl Schauspieler, die in der Akademie lasen. Kein Regisseur inszeniert heute Stücke von Shakespeare oder Goethe wie zu Zeiten ihrer Entstehung. Doch nicht wenige der Schauspieler und Schauspielerinnen lasen die Texte ohne zeitliche Distanz, bar jeden reflektierenden Gestus - manche, wie der ja ansonsten großartige Jürgen Holtz, mit einem pathetischen Furor, als käme er geradewegs aus Schillers Schreibkabinett und wollte die Revolution ausrufen - so bekamen - halten zu Gnaden, um bei Schiller zu bleiben - die Sätze aus dem deutschen Sprüchebeutel eine regelrecht ätzende Wirkung.

Zur leider vollendeten Blamage wurde der mehrfache Auftritt von Bela B., dem Drummer der Popgruppe "Die Ärzte". Vom zum Abend hin immer jünger werdenden Publikum jubelnd begrüßt, bediente er leider Klischees, die auf die Oberflächlichkeit und Hohlköpfigkeit von Popkultur zielen. Man glaubte ihm wirklich, dass er seine Texte - nach eigener Bekundung - auf dem Klo geübt hatte - oder vielleicht gar nicht so recht wusste, was er da las. Das war peinlich und brachte die eigene Branche unverdient in Verruf. Es hätte so viele aus dem jungen Popbereich gegeben, die man gerne gehört hätte.

Nach Mitternacht drückte man sich dann nicht mehr auf den bunten Stühlen im Plenarsaal herum, sondern zog ins Foyer. Mit dem Ambiente wechselte auch das Publikum sichtbar - den Leuten im eher soliden Outfit folgten die Jungs mit den tiefhängenden Hosen , Kapuzenshirts und tief in die Augen gezogenen Wollmützen. Die Elektroniker und Videoschnippsler übernahmen das Terrain - es wurde lauter oder ganz leise - Assoziationsbrücken zwischen 2005 und 1800 wurden imaginiert.
Und ganz am Ende vereinte sich alles dann doch in der Ode an die Freude und Schiller war wieder ganz so wie wir ihn immer Kopf hatten.

Einen neuen Friedrich Schiller habe ich nun nicht vor mir - aber eine Menge gelernt - vielleicht wird ja daraus im Abstand ein nuancierteres Bild.




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