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6.9.2007
Ein Meister des hohen C
Publizist Jürgen Kesting über Luciano Pavarotti
Moderation: Holger Hettinger

Kesting: Kein Helden-, sondern ein lyrischer Tenor (Bild: AP)
Kesting: Kein Helden-, sondern ein lyrischer Tenor (Bild: AP)
In den 60er Jahren begann der Aufstieg des italienischen Tenors Luciano Pavarotti mit Auftritten in der Mailänder Scala und der Metropolitan Opera. Aber erst als er eine berühmte Arie mit vielen hohen Cs gesungen habe, sei dies der Beginn einer großen internationalen Karriere gewesen, meint Jürgen Kesting, Autor des Buches "Die großen Sänger des 20. Jahrhunderts".

Holger Hettinger: Es war ein Abschied mit Ansage. Schon seit gut einem Jahr häufen sich die Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand von Luciano Pavarotti, heute Morgen dann die Meldung, Luciano Pavarotti ist tot. Gestorben im Alter von 71 Jahren. Was Luciano Pavarotti so einzigartig gemacht hat in der Sängerlandschaft, das ist nun unser Thema. Wir sprechen mit Jürgen Kesting. Er ist Musikkritiker, Publizist und er hat ein Buch geschrieben: "Die großen Sänger" heißt es. Er ist einer der profiliertesten Kenner der Gesangskunst und nun im Studio von Deutschlandradio Kultur. Schönen guten Tag, Herr Kesting!

Jürgen Kesting: Guten Tag!

Hettinger: Herr Kesting, eine Frage an den Autor des Buchs "Die großen Sänger". Was hat Pavarotti so groß gemacht?

Kesting: Ich will es nicht auf einen Ton reduzieren, aber … (Anmerk. d. Red.: Name im Hörprotokoll unverständlich), der große Librettist, hat einmal gesagt: Jedes genau getroffene oder gut getroffene hohe C ist ein Beweis dafür, dass wir nicht die ohnmächtigen Opfer des Schicksals sind. Und der junge Pavarotti ist - und das ist für Tenöre ja halt wichtig - als "the king of the high C" berühmt geworden. Man kann ihn um Gottes Willen nicht darauf reduzieren, auf den einen Ton. Aber der Mythos des Tenors hängt nun mal an diesem Ton. Und der junge Pavarotti, als er an die Metropolitan Opera kam, Ende der 60er Jahre, hat er Rudolfo gesungen, er wurde als sehr guter Sänger anerkannt, bekam gute Kritiken. Die zweite Aufführung musste er absagen, weil er krank war. Dann hat er ein Jahr später noch mal ein paar Aufführungen gesungen. Aber erst, als er die "Regimentstochter" mit dieser berühmten Arie mit einem halben Dutzend hohen Cs gesungen hat - er hat die Partie in New York gesungen und dann in sieben anderen amerikanischen Städten bei einer Tournee der Met -, und das waren wirklich die Salutschüsse einer ganz, ganz großen Karriere. Von '65, '66, als er so langsam bekannt wurde, bis Anfang der 70er war er ein hoch geschätzter brillanter lyrischer Tenor, die Erneuerung des romantischen Tenors, also ein Typus, der auf der Bühne ganz, ganz rar geworden war, also ein hellstimmiger, rein tenoral klingender Sänger. Nicht wie Domingo, der eine Bariton-Tinte hat, mit brillanter Höhe. Und dann hat er eine Ausstrahlung gehabt - selbst, als er ganz dick geworden war. Er konnte mit den Augen mit 15 Millionen Menschen am Fernsehschirm flirten. Das war eine Fähigkeit von ihm.

Hettinger: War das so dieser klassische Heldentenor, wie man ihn …

Kesting: Nein, nein, nein, er war kein Heldentenor. Er war ein lyrischer Tenor, gerade zu Anfang, für das romantische Repertoire. Der Heldentenor wird ja erst mit Wagner eigentlich richtig erfunden. Und Wagner wäre für ihn gar nicht denkbar gewesen.

Hettinger: Pavarotti hat einmal gesagt: Meine Stimme liebt Donizetti, ich will aber Verdi singen. Was hat er damit gemeint, und wie hat sich dieser Spagat geäußert?

Kesting: Er hat als junger Mann die romantischen Liebhaberrollen, die romantischen Tenorpartien gesungen, also Bellini, Arturo und El Vino, alles lyrische Partien, die sehr hoch lagen. Als er 40 wurde und auch 30 Kilo schwerer war, konnte man einem Mann von Mitte 40 - die Römer würden sagen - nicht mehr der Jüngling, sondern der Vir, der Mann, dem konnte man diese jugendlichen Liebhaberrollen nicht mehr in dem Maße abnehmen. Also musste er an die etwas schweren Partien - man sagt Spinto-Partien, gepuschte Partien, wo ich mit mehr Kraft singen muss, mit mehr Volumen singen muss. Volumen geht meistens auf Kosten der hohen Töne - musste er sich umstellen. Und auch '77, '78, '79 gibt es Aufnahmen, die bezeugen, dass die Stimme etwas strapazierter war, dass sie angespannter war, dass er hohe Töne mit einem Nachatmer, einem Nachstoßen beendet hat. Das ist ihm nicht ganz leicht gefallen. Dass er technisch ungeheuer versiert war und gut geschult war, zeigt sich daran, dass er ‛61 debütiert hat als Rudolfo und noch Ende der 90er Jahre immer noch technisch, stimmlich in erstaunlich guter Verfassung war. Und als Tenor mit einer hellen Stimme, 40 Jahre, das ist eine ganz riesige Leistung.

Hettinger: Wenn jetzt die Rede von Pavarotti ist - die Agenturen suchen nach Synonymen, und dann findet man oft den Begriff "der Bäckerssohn aus Modena". Welchen Hintergrund hatte Luciano Pavarotti, und wie sind seine Ausbildungsstationen verlaufen?

Kesting: Der Vater war Bäcker, hatte eine sehr schöne Tenorstimme, hatte aber Bühnenangst und hat den Schritt auf die Bühne nie gewagt. Dann hat er bei Ettore Campogalliani studiert, das ist einer der ganz, ganz großen Namen unter den italienischen Lehrern, hat einen cleveren, guten Manager gehabt, das war - Alessandro heißt der, glaube ich, mit Vornamen - Ziliani. Der war ein erfolgreicher Tenor an der Mailänder Scala in den 40er Jahren, hat sich sehr früh ausgesungen. Der hat dann Pavarotti geraten, fang mal erst mit vier oder fünf Partien an. Pavarotti hat die ersten zwei, drei Jahre seiner Karriere nur als Herzog von Mantua, Rudolfo, Alfredo in "La Traviata" und vielleicht Nemorino bestritten, hat sehr, sehr langsam gelernt - also anders als Domingo, der eine Partie vom Blatt singen kann -, und Pavarotti hat viel, viel Zeit und Korrepetitoren gebraucht, um eine Partie zu studieren. Und mit den Partien ist er durch Europa gefahren zwei Jahre lang, auch Gastspiele in Warschau. Dann ist er nach England gekommen und hat beim Festival von Glyndebourn den Idamante in "Idomeneo" gesungen. Widerwillig, weil das mühsam war, die Partie zu studieren. Dort ist er aber durch eine Korrepetitorin an Joan Sutherland empfohlen worden. Und die brauchte für eine Australien-Tournee einen lyrischen Tenor und einen Mann, der so ähnlich wie sie groß und kräftig war. Und dann ist er da mit rübergegangen. Und Richard Bonynge, der Mann der Sutherland, Dirigent, hatte genau gemerkt, das ist genau der Mann, den ich brauche, um mit der Sutherland "Traviata", "Rigoletto", "Lucia di Lammermoor", "Il puritani", "La Sonnambula" und diese Opern zu machen. Das sind all die Opern, die er dann zu Beginn der 70er Jahre aufgenommen hat mit Sutherland als Partner. Und da war er natürlich ein unglaublich frisch klingender brillanter lyrischer Tenor mit einer sehr, sehr schönen Stimme. Ich habe ihn erlebt 1973 oder ‛74 in Hamburg - ich habe es nicht mehr genau im Kopf -, da hat er "Lucia" gesungen und da hat das Publikum noch mit Handschuhen geklatscht. Gar keine großen Reaktionen drauf, weil man in Hamburg an den dunkleren Klang von Domingo gewohnt hat, der in Hamburg damals das Idol war. Und dann kam auf einmal dieser riesige Durchbruch und die kultartigen oder meinetwegen auch die hysterischen Zustände, die haben wir ja alle noch in bester Erinnerung.

(Auszug aus dem Interview)
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