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5.3.2009
Schlüsselübergabe im Neuen Museum Berlin
Architekt Chipperfield: Identität des Gebäudes bewahrt
David Chipperfield im Gespräch mit Frank Meyer

Architekt David Chipperfield (Bild: AP)
Architekt David Chipperfield (Bild: AP)
In den vergangenen zwölf Jahren wurde das Neue Museum restauriert und ergänzt. Mit der Schlüsselübergabe ist die Berliner Museumsinsel nun wieder komplett. Architekt David Chipperfield betonte, "das Wichtigste für uns war, die außergewöhnlichen archäologischen Fragmente zu bewahren".

Frank Meyer : Die Berliner Museumsinsel ist nun wieder komplett, fast 64 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Heute wurden die Schlüssel für das Neue Museum übergeben, nach einer über 20-jährigen Rekonstruktionsgeschichte. Das Neue Museum war das Glanzstück des Architekten Friedrich August Stüler, 1855 war es fertig gestellt und 90 Jahre später war das Haus eine Ruine, im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus stark beschädigt, dann verfiel es immer weiter. 1997 hat der Londoner Architekt David Chipperfield den Auftrag bekommen, das Haus zu restaurieren - und diese Arbeit ist nun mit dem heutigen Tag abgeschlossen. Ich habe vor der Sendung mit David Chipperfield gesprochen und ihn gefragt: Was bedeutet Ihnen dieser Tag heute, an dem Sie dieses Haus aus der Hand geben?

David Chipperfield: Wir sind fast ein bisschen traurig, dass wir jetzt nach so langer Zeit das Gebäude übergeben müssen, in dem wir so lange gearbeitet haben, das wir kennengelernt und das wir lieben gelernt haben. Ich sage dies nicht nur als Fachmann, der so lange darin gearbeitet hat, sondern auch ganz menschlich. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass man ein so komplexes, so facettenreiches Gebäude jetzt plötzlich aus der Hand geben muss. Also Wehmut, Befremden.

Meyer: Ein Kritiker der "Neuen Züricher Zeitung" hat geschrieben zur Fertigstellung der Restaurierung des Neuen Museums: So viel Geschichte hat selten ein Gebäude nach seiner Instandsetzung aufbewahrt. War das Ihr oberstes Ziel bei dieser Aufgabe, die Geschichte dieses Gebäudes aufzubewahren?

Chipperfield: Unser Hauptanliegen war es wirklich, das noch übrig gebliebene originale Material, die Architektur zu bewahren. Das war wirklich unser wesentliches Anliegen. Berlin hat ja eine sehr reiche, sehr komplizierte Geschichte. Dieses Museum ist hineinverwoben in diese Geschichte. Aber unser wichtigstes Bedenken war wirklich quasi archäologisch, diese Fragmente aufzubewahren, und zwar seit 1997, als wir diesen Auftrag erhielten.

Meyer: Das Aufbewahren ging natürlich nur dort, wo noch etwas vorhanden war. Viele Teile des Gebäudes waren völlig zerstört oder völlig verschwunden. Dort mussten Sie neu bauen. Dort, wo Sie neu gebaut haben, in welchem Geist haben Sie da gebaut? Haben Sie versucht, vielleicht so in die Rolle in des Ursprungsarchitekten Stüler zu schlüpfen, oder sind diese Neubauten jetzt David Chipperfield pur?

Chipperfield: Nun, es waren ja nicht nur Bruchstücke oder Fragmente, die übrig geblieben sind. Etwa 60 Prozent des Baukörpers als solchen ist noch vorhanden. Die Aufgabe der neuen Bauarbeiten war es, unterstützend und ergänzend hinzuzutreten, die Identität des Gebäudes muss irgendwie gewahrt sein. Das Gebäude als solches steckt voller Reparaturen, voller Ausbesserungen, und die Aufgabe dieser Ausbesserungen ist es eben, Lücken zu schließen. Die neue Architektur, die wir hinzugefügt haben, die muss wirklich im Dienste dessen stehen, was vorhanden ist.

Meyer: Es gab ja erheblichen Widerspruch von denen, die sich gewünscht haben, dass dieses Neue Museum rekonstruiert wird in der Gestalt, die es einmal hatte im 19. Jahrhundert. Dieser Widerspruch wurde sehr vehement vorgetragen. Wie hat dieser Widerspruch Sie beeinflusst bei der Arbeit hier?

Chipperfield: Man hört auf solche Einwände, die da vorgebracht werden, wir haben das getan, wir haben auch diskutiert, auch übrigens mit unseren Kritikern, über diese zwölf Jahre. Man muss solchen Kritikpunkten wirklich entgegentreten und sie erwägen. Es ist auch wirklich nachzuvollziehen. Ich verstehe diese Leute, die das alles zurückhaben wollen. Ich wünschte, es wäre möglich. Aber man kann nicht einfach die Vergangenheit zurückbringen.

Also ist die eigentliche Frage, was macht man? Eine Art synthetisch-künstliche Kopie des Gebäudes, wie es einmal war, um den Preis dessen, dass man die originalen Materialien verliert, oder versucht man, die originalen Materialien zu bewahren und zu ergänzen durch etwas Neues. Bei der ersten Wahl hätte man dann ein eindeutiges, glänzendes Bild oder eben, so wie wir das gemacht haben, ein zusammengefügtes, facettenreicheres Bild.

Meyer: Die, die sich dieses einheitliche Bild gewünscht haben, haben immer mit der Schönheit argumentiert, was ja tatsächlich etwas war, was in der Entstehungszeit dieses Gebäude ganz hochgehalten wurde, der Begriff der klassizistischen Schönheit. Welche Bedeutung hatte Schönheit für Sie bei der Arbeit hier am Neuen Museum?

Chipperfield: Wir sind bei unserer Arbeit an diesem Gebäude so vorgegangen, wie man bei der Restaurierung eines Gemäldes oder einer archäologischen Hinterlassenschaft vorgeht. Stellen Sie sich eine Statue, eine Vase vor, die wird ja auch nicht weggeworfen. Nein, man bewahrt das auf, was noch da ist, und man restauriert den Rest, weil man glaubt, dass sie schön ist, diese Vase oder diese Statue. Man würde doch eine griechische Vase oder Skulptur nicht wegwerfen, sondern man bewahrt sie und man ergänzt sie, weil man sie für schön hält.

Und so treibt uns eigentlich in unserer Arbeit auch das Bewusstsein, dass dieses Fragment, diese Hinterlassenschaft schön ist. Schönheit kann auch Geschichte einschließen. Nicht im Sinne einer großen Idee, sondern im Sinne des Aufbewahrens von Zeit. Wenn man jetzt durch die perfekte Kopie Zeit wegnehmen will von einem Objekt, dann ist das doch etwas sehr Merkwürdiges.

Meyer: Diese Debatte, wie sie hier geführt wurde um dieses Rekonstruktionskonzept, kennen Sie solche Debatten auch aus Ihrer Heimat, aus Großbritannien, oder wird das dort ganz anders diskutiert?

Chipperfield: Diese Debatte über die beste Art, alte Gebäude zu restaurieren, die finden Sie überall, in der ganzen Welt wird darüber diskutiert. In Indien, in England, überall, wo es alte Gebäude gibt. Und in den Fachkreisen ist diese Debatte sehr intensiv geführt worden seit dem 19. Jahrhundert, auch in England, vor allem in der Gestalt des John Ruskin.

Heute sehen wir eine Debatte um das Neue Museum, die vielleicht schon etwas Besonderes ist. Die findet man in dieser Art anderswo nicht, denn wir haben es hier wirklich beim Neuen Museum mit einer besonderen Situation zu tun, aufgrund der besonderen umgekehrten zeitlichen Abfolge. Denn wir haben es hier immer noch mit einer Kriegsruine zu tun.

Während zum Beispiel in Italien unsere Technik des behutsamen Rekonstruierens niemals kritisiert werden würde, sondern im Gegenteil sogar sehr häufig angewandt wird - man würde dort doch nie daran denken, ein Gebäude ganz neu wieder aufzubauen, wie es früher mal gewesen ist -, haben wir hier in Berlin beim Neuen Museum doch eine besondere Situation. Dieses Gebäude war 60 Jahre lang vergessen, jetzt tritt es plötzlich wieder ans Tageslicht, und dadurch entsteht diese ganz besondere Situation.


Das Gespräch mit David Chipperfield können Sie bis zum 5. August 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. [url=http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/03/05/drk_20090305_1610_76357e16.mp3 title="MP3-Audio" ]MP3-Audio[/url]
Treppenhaus des Neuen Museums (Bild: AP)
Treppenhaus des Neuen Museums (Bild: AP)
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