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11.4.2009
Online statt auf toten Bäumen
Der langsame Abschied von der gedruckten Tageszeitung in den USA

Drucker David Guieb prüft die letzte gedruckte Ausgabe des "Seattle Post-Intelligencer". (Bild: AP)
Drucker David Guieb prüft die letzte gedruckte Ausgabe des "Seattle Post-Intelligencer". (Bild: AP)
In den USA sind die Folgen des Einbruchs auf dem Anzeigenmarkt nicht mehr zu übersehen. Fast wöchentlich stirbt hier eine Tageszeitung. Sogar die mächtigsten Adressen des Landes wie die "New York Times" drohen langfristig zu verschwinden - zumindest vom Papier. Im Internet suchen die Blätter das Überleben - mit tiefgreifenden Folgen für die gesamte Branche und das journalistische Selbstverständnis.

"You meant the world to us" - "Ihr wart unsere Welt": Mit diesen Worten auf der Titelseite verabschiedete sich im März eine der zwei großen Tageszeitungen in Seattle, der Seattle Post-Intelligencer, kurz P-I genannt, nach 146 Jahren von seinen Lesern. Seitdem gibt es das Blatt nur noch in der Internetausgabe, so wie die "Rocky Mountain News" in Denver. Noch immer ragt das Symbol des "Post-Intelligencer", der riesige Globus mit den P-I-Initialien, über den Elliot Bay im Herzen Seattles. Doch die Zahl der Mitarbeiter ist geschrumpft - von einst 170 auf jetzt knapp 30. Der riesige Newsroom wirkt gespenstisch leer, nur vereinzelt sitzen ein paar junge Leute vor den Bildschirmen.

David Horsey hat 30 Jahre als Karikaturist den Seattle Post-Intelligencer mitgeprägt. Zweimal hat er dem Blatt einen Pulitzerpreis eingebracht. Jetzt scheint er selbst überrascht, dass er noch immer da ist.

##"Ich war bereit für Veränderungen und Herausforderungen. Aber ich hätte lieber die Zeitung verlassen, als dass die Zeitung mich verlässt, was jetzt passiert ist."##

Nur die jungen Leute sind geblieben, jene, die jetzt für weniger Geld viermal mehr als vorher arbeiten.

##"Jeder hat neue Pflichten übernommen. Wir haben zwar noch ein paar Redakteure, aber jeder ist sein eigener Redakteur geworden, und jeder Reporter muss die Fotos mit machen, wenn gebraucht, oder ein Interview aufnehmen - jeder lernt neue Techniken. Der Einzige, der hier noch eine eigene Meinung vertritt, das bin ich."##

"Der Einzige, der hier noch eine eigene Meinung vertritt, das bin ich." - Pulitzer-Preisträger und "P-I"-Cartoonist David Horsey. (Bild: AP)
"Der Einzige, der hier noch eine eigene Meinung vertritt, das bin ich." - Pulitzer-Preisträger und "P-I"-Cartoonist David Horsey. (Bild: AP)
David Horsey konnte bleiben, weil er bekannt ist und seine Karikaturen vielfach verwertbar sind. Sie erscheinen auch in den anderen Zeitungen der Hearst Cooperation, zu der der P-I zählt. Statt lokaler Bezüge heißt es jetzt für Horsey national zu denken. Die Leser kommen nicht mehr länger aus der Nachbarschaft, sondern aus dem ganzen Land. Wurden vorher täglich 120.000 Printexemplare verkauft, klicken jetzt 1,4 Millionen User täglich auf einzelne Seiten. Doch die Online-Leser sind nicht nur meist jünger, sie konsumieren schneller und oberflächlicher. Zappen herum, weshalb Online-Verlage umdenken müssten, so Hanson Hosein, Professor für digitale Kommunikation an der University of Washington in Seattle.

##"Das heißt, die Inhalte müssen in kleinere Einheiten aufgeteilt werden und im Internet weiter verbreitet und verlinkt werden. Zu Facebook, zu Twitter - auf allen möglichen Wegen, nicht mehr so zentral, wie man es von der normalen Tageszeitung gewöhnt ist."##

Ohne den Anzeigenmarkt, der die Infrastruktur der Zeitungslandschaft über 100 Jahre lang finanziert hat, sieht Hosein kaum Überlebenschancen für die gedruckte Tageszeitung.

##"Selbst Rupert Murdoch sagt inzwischen, dass es in fünf bis zehn Jahren keine Printausgabe der 'New York Times' mehr geben wird. Auch Seattle wird vielleicht schon im nächsten Jahr eine Großstadt ohne eigene Zeitung sein."##

Es ist kein Geheimnis, dass die letzte verbliebene Tageszeitung in Seattle, die "Seattle Times" in der Krise steckt, genauso wie der "San Francisco Chronicle" oder die "Los Angeles Times". Auch die Chicagoer Zeitungen "Tribune" und "Chicago Sun Times" stehen vor dem Aus. Zum einen, weil die verantwortlichen Verlage zu lange gewartet haben, um nach finanzierbaren Modellen im Netz zu suchen. Zum anderen, weil sich viele Verlage in den 90ern verspekuliert haben und jetzt unter den Schulden zusammenbrechen. Doch die Dollars dies sich im analogen Sektor verdienen ließen, machen im digitalen Bereich heute eher Pennys aus. Seattle ist so gesehen ein Experiment, dass von nationalem Interesse ist. Anders als in Denver, wo alle entlassen wurden, und ein paar der Journalisten kostenlos fürs Netz arbeiten, versucht man hier ein Online-Modell zu kreieren, das Geld einbringt.

##"Der Unterschied in Seattle ist, dass es hier noch immer eine große Organisation gibt, die das Experiment stützt. Und diese Organisationen hat gute Verbindungen zu den wichtigen Portalen in der Online-Welt, wie zum Beispiel zu Yahoo. Die Hoffnung ist also, die Leute auf diese Seite zu lenken, und dadurch genügend Anzeigen platzieren zu können, um uns zu finanzieren. Das ist der Unterschied. Andere Zeitungsunternehmen beobachten uns, ob wir in der Lage sind, hier ein Modell zu entwerfen, das funktioniert und das sie übernehmen könnten."##

Horsey hofft, dass, wenn dieses Modell erfolgreich funktioniert, es eines Tages wenigstens wieder eine Papierausgabe des Post-Intelligencers geben könnte. Sonntags zum Beispiel. Hanson Hosein bezweifelt das und glaubt ganz an eine digitale Zukunft der Zeitung - allerdings nicht zwangsläufig im Internet:

##"Es gibt sogar Überlegungen, dass es billiger für die 'New York Times' wäre, wenn sie sofort mit der Printausgabe aufhören würden, und jedem der Leser kostenlos ein Amazon-Kindle geben würde. Und ihnen ein Abo dafür geben. Weil es einfach keinen Sinn macht, die Printversion zu erhalten."##

Sieht so die künftige Tageszeitung  aus? (Bild: AP)
Sieht so die künftige Tageszeitung aus? (Bild: AP)
Kann ein solches Kindle-Lesegerät oder eine digitale Zeitung, die täglich oder stündlich Neuigkeiten auf einen faltbaren Bildschirm lädt, die Rolle des Wachhundes übernehmen, die Amerikas Zeitungen 150 Jahre lang innehatten? David Horsey ist skeptisch:

##"Ich bin froh, dass wir immer noch über die lokale und die nationale Regierung berichten. Die Frage ist nur: Lesen genügend Leute, was wir schreiben? Es gibt so viele Blogger hier, die gut schreiben, die Frage ist, sehen das genügend Leute, damit das auch einen gesellschaftlichen Einfluss hat? Zeitungen waren immer diese große Institutionen, die die Macht hatten, die Regierungsleute zu hinterfragen und zu zeigen, wenn die Fehler machten - aber wenn wir jetzt eine Geschichte schreiben über den Bürgermeister, der irgendwas falsch macht - wenn es niemand liest - wen kümmert es dann?"##

Nicht nur der Einfluss der Zeitung, auch der Beruf des Journalisten wird sich völlig verändern, davon ist David Horsey überzeugt:

##"Ich glaube, das könnte das Journalismusmodell der Zukunft sein, nicht nur in unserem Land, sondern weltweit, dass es nicht eine große Organisation gibt, sondern viele kleine, die verschiedene Arten von Journalismus anbieten, als Partner, die in Netzwerken zusammenarbeiten, einige arbeiten online, einige machen investigativen Journalismus, einige decken den Sport ab oder die Künste, alle verteilt, statt unter einem Dach. Die verlinken sich einfach."##

Auch Hanson Hosein sieht einen dramatischen Wechsel im Berufsbild kommen. Modelle wie der "Huffington Post"-Blog werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Und nur noch Stars wie der "New York Times"-Journalist Thomas Friedman haben zukünftig eine Chance, als Journalist viel zu verdienen. Für alle anderen gilt:

##"Mehr Arbeit, geringere Löhne, schwächere Infrastruktur, keine Printmedien mehr, keine Satellitenschüsseln, nur noch einige Computer. Es werden ganz viele Modelle entstehen, die auf die Leser und auf das eigene Produkt ausgerichtet sind."##

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, macht sich der Professor für digitale Kommunikation keine Sorgen um einen möglichen Demokratieverlust angesichts der veränderten Zeitungslandschaft:

##"Demokratie und Journalismus gehören eng zusammen. Man braucht guten Journalismus um eine starke Demokratie zu haben. Die große Frage ist: Brauchen wir dafür professionelle Journalisten? In den vergangenen 15 Jahren hat sich ein Monopol herausgebildet - bei Fernsehstationen, wie auch bei den großen Zeitungsverlagen. Dadurch gab sehr wenig Wettbewerb und dadurch entstand schlechter Journalismus. So gesehen bin ich sogar optimistisch was die Qualität des Journalismus langfristig gesehen betrifft."##
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