Politisches Feuilleton
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21.10.2004
Hilft "Vitamin B"?
Von Florian Felix Weyh

Florian Felix Weyh (Bild: Katharina Meinel)
Florian Felix Weyh (Bild: Katharina Meinel)
Sie haben Ihr Studium mit Prädikatsexamen abgeschlossen, nach Ihrem Lebenslauf leckt sich jeder Personalchef die Finger. Denken Sie - bei der ersten, zweiten, vielleicht sogar noch zehnten Bewerbung. Danach denken Sie nichts mehr und nach der fünfzigsten sparen Sie sich die Mühe, denn die Stellen werden mit Leuten besetzt, die Ihnen etwas Geheimnisvolles voraushaben.
Zweites Beispiel: Ihr Talent als Theaterregisseur liegt auf der Hand. Die Kritiken sind hymnisch, das Publikum strömt. Dummerweise kennen Sie niemanden, der Sie an größere Häuser beruft, und so beenden Sie Ihre Laufbahn nach drei Provinzjahren mit einer Umschulung zum Ferienclub-Animateur.
Oder, oder, oder ... jeder kennt mindestens einen solchen Fall, wenn er nicht gar mit einem Stich ins Paranoide argwöhnt, er selbst würde ständig an der Mauer von Nepotismus und Simonie abprallen. Persönliche Meriten hin, objektive Qualifikationen her. "Mangelnder Zugang zu denen, die etwas zu vergeben haben", lautet die Diagnose dann leicht, und wäre dem so, müsste man einen bedenklichen Rückschritt konstatieren: von der Wettbewerbsgesellschaft weg zur reinen Klientelwirtschaft hin.

Ja, ist dem nicht längst so? Wägt nicht jeder den Wert des Untergebenen, den er künftig um sich herum haben will, in den Kategorien Sympathie, Milieuvertrautheit, Stallgeruch und Korpsgeist ab? Wer mir nahe ist, der erspart mir die Arbeit des Kennenlernens, vor allem aber die Unkalkulierbarkeit eines sozialen Abenteuers. Besser ein mittelmäßiger Bekannter als ein uneinschätzbares Genie in der Firma, Organisation, Institution. Außerdem ist man in der Firma, Organisation, Institution dem einen oder anderen immer etwas schuldig, was man seinen Freund, Verwandten oder Bekannten entgelten lassen kann. Bemühen wir uns, ganz vorurteilsfrei, um eine positive Sicht der Dinge: Denjenigen, die gut vernetzt sind, garantiert diese Praxis Sicherheit - und Vernetzung ist die Bürgerpflicht im untergehenden Sozialstaat. Wer "drin" ist, blickt überdies gelassen auf Entwicklungsmöglichkeiten. Nicht festgelegt auf jene Kriterien, mit denen sie einst den Job vergaben, neigen Firmen, Organisationen, Institutionen dazu, ihre Angestellten mit neuen Aufgaben zu betrauen, ja auf eigene Kosten weiterzubilden, bevor sie den draußen Wartenden mit zweifellos ebenso guten oder gar passenderen Qualifikationen eine Chance geben. Da in den guten Jahren niemand überall draußen und nirgendwo drinnen war, erschien diese Praxis tolerabel und für die Gesellschaft nützlich. Denn aus der Mischung von Qualität (durch exakte Stellenbesetzung), Loyalität (durch nepotistische Berufung) und kreativem Chaos (durch interne Umsetzung) ergab sich die Zauberformel 70:20:10. Das hieß: viele Qualitätsgaranten am exakt richtigen Ort, dazu eine ausreichende Quote absolut loyaler Mitarbeiter und schließlich einige wenige Genies, die aber nie zu hoch aufstiegen.

Die Mischung macht's, doch diese Zauberformel wirkt nicht mehr. Der Faktor "Zugang" wird paradoxerweise immer mächtiger. Paradoxerweise, weil wir im Gegensatz zu früheren Gesellschaften, in denen nur Privilegierte die Herrschenden erreichen konnten, heute nicht zu schweren, sondern zu leichten Zugang haben. Jeder kann Post an den Ort schicken, an den es ihn zieht, jeder kann die betreffenden Sachwalter anrufen und scheitert im Zeitalter elektronischer Kommunikation nur selten an Wachposten. Um die Mailadresse eines Vorstandsvorsitzenden zu ermitteln, bedarf es nur geringer technischer Fertigkeiten, und Personalabteilungen sind ganz offen ansprechbar. Bloß nützt einem das wenig, wenn man keine Duftmarken versprüht, die persönliche Nähe vortäuschen. Man wird gar nicht zur Kenntnis genommen, weil formale Blockademechanismen 99 Prozent der Zugangsflut am Sperrwerk aufhalten. Die offenen Kanäle der Gesellschaft sind scheinoffen, und wer sie weiterhin als offen begreift, bereitet sich nur tiefe Frustrationen.

Rationalerweise nutzen immer mehr Menschen alle denkbaren Protektionsmechanismen. Das kann man ihnen kaum verargen, auch wenn sie die Abwärtsspirale damit nur beschleunigen: Je weiter die Vetternwirtschaft um sich greift, desto knapper wird die Zahl der Bewährungsmöglichkeiten für Menschen ohne Netzwerkanschluss, desto bescheidener die Qualität in Firmen, Organisationen und Institutionen. Empirisch ist das längst nachgewiesen, zuletzt von spanischen Wissenschaftlern, die die traditionell nepotistischen Arbeitsmärkte in Südeuropa mit denen der USA und Nordeuropas verglichen. Je größer der Vorrang der Beziehungsarbeit vor festgelegten Qualitätskriterien, desto unproduktiver die Wirtschaft in der Region, desto niedriger die Löhne, desto ärmer die Menschen. "Vitamin B" taugt nicht als Medikament gegen die Arbeitslosigkeit. Und wer Aufträge oder Arbeit zu vergeben hat, muss wieder zurück zu den Mühen der akribischen, fairen, unparteilichen Auswahl. Gewiss kostet das Zeit, und bequem mögen die Ergebnisse auch nicht immer sein. Aber wer den Wettbewerb aushebelt, bringt das System zum Einsturz, das ihn und seinen Verwandten ernährt. Bis jetzt.

Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyhsheiten.de zu finden.
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