Politisches Feuilleton
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22.10.2004
Alexander von Humboldts "Kosmos"
Eine Empfehlung zur erneuten Lektüre
Von Arno Orzessek

Arno Orzessek (Bild: privat)
Arno Orzessek (Bild: privat)
Zweifellos gehört Alexander von Humboldts Kosmos auch und gerade in der Neu-Auflage des Eichborn Verlags zur Kategorie der Prunkbücher und alten Schinken. Man kauft sie, um die vorderen Regale der heimischen Bibliothek mit Renommee zu verzieren. Man blättert in ihnen, um sich von der Aura fremder Geistesgröße umwehen zu lassen. Man sagt von ihnen, dass sie groß und bedeutend seien - und dann und wann staubt man sie ab.

Wer das Klischee durchbrechen und den Kosmos tatsächlich lesen möchte - so wie man etwa Montaignes Essays liest: keinesfalls am Stück, aber doch immer wieder und mit immer heimatlicheren Gefühlen -, sollte bestimmte Eigenschaften mitbringen, etwa ein Faible für die Gemütsstimmung des Erhabenen, keine Angst vor Pathos und Gespür für die erotischen Seiten der Melancholie.

Das erweist sich im Grunde schon am ersten Satz der Vorrede. "Ich übergebe", schrieb Humboldt im November 1844, "am späten Abend eines viel bewegten Lebens dem deutschen Publikum ein Werk, dessen Bild in unbestimmten Umrissen mir fast ein halbes Jahrhundert lang vor der Seele schwebte."

Diesseits oder jenseits der wissenschaftlichen Bedeutung, die längst rein historisch geworden ist und schon zu Humboldts Lebzeiten in Einzelheiten überholt war, stellt der Kosmos einen zutiefst angerührten Naturbetrachter vor, der nicht nur mitteilen will, was er auf seinen Reisen durch Europa, Südamerika und Asien vermessen und erforscht, sondern auch, was er in den Augenblicken der Erfahrung empfunden hat. "Ein Buch von der Natur", legte sich Humboldt fest, "muss den Eindruck wie die Natur selbst hervorbringen."

Sicherlich, der Kosmos ist eine Kompilation von Details, an der Humboldt als exzessiver Briefeschreiber und Netzwerker gleich Tausende von Gelehrten an Schreibtischen in ganz Europa mitarbeiten ließ. Deshalb liest sich das Werk manchmal wie eine sture Höhlenwanderung durch den zeitgenössischen Zettelkasten. Aber dann wird es auch wieder zur Entdeckungsreise unter freiem Himmel und zur Raumfahrt im Funkeln der Gestirne: Es gibt die Welt zum Genuss frei.

"Der eigentliche Zweck", schrieb Humboldt im Jahr 1841 an seinen Freund Varnhagen von Ense, "ist das Schweben über den Dingen, die wir 1841 wissen". Dieses Schweben ist indessen niemals zu verwechseln mit bloßer Schwärmerei. Immerhin endet der zweite Teil des Kosmos mit der Warnung: "Die Wissenschaft soll nicht überschweifen in das Nebelreich cosmologischer Träume."

Es geht Humboldt vielmehr um jene Gemütslage, die sich einstellt, wenn man die Arbeit bis zum Äußersten getrieben hat, und dann zurücktritt, um das Werk zu übersehen. Er beschrieb die Natur - noch einmal - als Landschaft und fügte das Gewimmel der Einzelheiten zu Panoramen, in denen der Standpunkt des Betrachters, der menschliche Standpunkt, entscheidend ist.

Der Philosophen Hans Blumenberg hat deshalb vom Kosmos als einem "Monument des Untergangs" gesprochen. Nach Humboldt war es offenbar nicht mehr möglich, die naturwissenschaftlichen Kenntnisse über die Welt in einer humanen Gesamtschau zu verbinden, ohne den Boden der Seriosität zu verlassen. Die längst schon voranschreitende Aufspaltung, die zunehmende atomare Quantelung des Wissens, siegte endgültig über die Sehnsucht nach Synthese und Anschaulichkeit.

Es war eine alte Sehnsucht, die mit dem Kosmos ein letztes Mal und durchaus unzureichend gestillt wurde. Humboldt selbst verwies auf den antiken Hintergrund seiner Darstellungstechnik, als er 1850 mit Bewunderung bemerkte: "Die Griechen sind ein anthromomorphistisches Volk, das Alles menschlich zu veredeln, Alles in die Kreise schöner Gestalten zu erheben weiß."

Sich noch einmal an einem vergleichbaren Projekt versucht zu haben - nämlich Alles in schöner Gestalt zu zeigen - und dabei in wundersamen Fragmenten stecken geblieben zu sein, ist das Romantische am Kosmos.

Längst nicht immer, aber doch immer wieder, zeigt sich Humboldt als großer Stilist. Wenn er im Kapitel über "Natürliches und telescopisches Sehen" eine kurze Geschichte der optischen Hilfsmittel schreibt, diese mit seinen persönlichen Seherfahrungen auf den Vulkanen Südamerikas vergleicht und im nächsten Absatz zu Aristotels und Plinius schweift, die schon bemerkt hatten, dass man aus tiefen Schächten und Brunnen auch tagsüber Gestirne sehen kann - dann wird der Kosmos zu einem holistischen Weltgemälde und, wie Humboldt sagte, zu einer wahrhaft "philosophischen Naturkunde".

Vor dem Kitsch bewahrt ihn die immense Kenntnis und vor den Wüsten der intellektuellen Ausnüchterung die subjektive Leidenschaft. Immer bleibt er das wilde Tier der irdischen Erfahrung - und erscheint doch oft wie jener griechische Sonnengott Helios, der bei seinen Fahrten über den Himmel alles sieht und alles hört.

Es besteht kein Zweifel, dass Alexander von Humboldts aktuelle wissenschaftliche Bedeutung hinter der von Charles Darwin zurücksteht. Der zukunftsträchtige Entwicklungsgedanke, der mit Darwin in die Evolutionstheorie mündet, über die wir bis heute noch nicht hinaus gekommen sind, blieb ihm verschlossen. Und gerade jenes "Schweben über den Dingen" mag die Ursache dafür sein, schließlich gründet die Evolutionstheorie nicht auf größtmöglichen Überblick, sondern tiefstmöglichen Einblick.

Über dem "Kosmos" liegt insofern die Melancholie eines Abschieds. Es sind wohl zuerst und zuletzt Humboldts Enthusiasmus und Neugierde, die den Kosmos auch nach 150 Jahre zu einer vergnüglichen Lektüre machen - sofern Belehrung von Niveau zum Vergnügen gezählt werden kann. Wer aber eine handlichere Einstiegsdroge braucht, der beschaffe sich die Ansichten der Natur. In diesem Werk von 1807, das nun auch in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" vorliegt, sind die packenden Naturbeschreibungen hübsch säuberlich von den wissenschaftlichen Anmerkungen abgetrennt - hier kann man die Rosinen, anders als im Kosmos, ganz ohne Kuchen haben.


Arno Orzessek, geboren 1966 in Osnabrück, studierte Philosophie, Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Köln. Seit 1996 schreibt er vor allem für die "Süddeutsche Zeitung" und für den Rundfunk. Zuletzt hat er mit Jürgen Fohrmann das Buch 'Zerstreute Öffentlichkeiten' herausgegeben. Orzessek lebt in Berlin.


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