Politisches Feuilleton
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23.10.2004
Nicht nur zur Weihnachtszeit...
Über die Bedeutung von Rhythmen und Strukturen
Von Uwe Bork

Uwe Bork (Bild: privat)
Uwe Bork (Bild: privat)
Unpassender hätte der Moment gar nicht sein können: Wir fuhren gerade durch die in der Sonne flirrende Hitze der Provence und das Außenthermometer hatte schon vor Stunden die Vierzig-Grad-Marke passiert. Ausgerechnet da fiel sie uns in die Augen, die Weihnachtsdekoration rechts und links der staubigen Hauptstraße in einer kleinen Stadt zwischen Aix und Avignon.

An jedem Laternenmast hingen die offensichtlich von örtlicher Handwerkerhand kunstvoll zurechtgebogenen und mit unzähligen Glühbirnen geschmückten Symbole dezemberlicher Herrlichkeit. Sterne mit und ohne Schweif, Engel mit und ohne Posaune, Tannenbäume im charakteristischen Sägezahnprofil.

Austern werden bei uns seit jeher und vermutlich aus gutem Grund nur in den Monaten mit einem 'R' im Namen angeboten, Weihnachtskugeln wie Weihnachtskerzen, fein gelocktes Engelshaar plus Lametta in allen Schattierungen irdischer Edelmetalle gibt es dagegen längst von Januar bis Dezember: Spezielle 'Christmas-Shops' suchen auch in Deutschland inzwischen selbst in der Karwoche und zu Pfingsten ihre Kunden. Weihnachten schickt sich an, zum Ganz-Jahres-Event zu werden, zu einer ökonomischen und von jeglicher religiösen Bedeutung entleerten Zugnummer für einen Einzelhandel, der angesichts häufig stagnierender Nettoeinkommen einerseits und der grassierenden Sparwut vieler Konsumenten andererseits geradezu verzweifelt nach neuen Attraktionen sucht. Geiz mag geil sein, aber das eine oder andere Schnittchen Christstollen und ein paar Zimtsterne werden sich Herr und Frau Mustermann doch wohl trotzdem noch leisten wollen!

Die verfrühten Kekse scheinen der verehrten Kundschaft allerdings dennoch mehr und mehr auf den sprichwörtlichen Keks zu gehen, hat sie doch spätestens seit dem Anbruch des Altweibersommers kaum noch eine Möglichkeit, den Lockangeboten falscher Weihnachtsmänner wie dem entnervenden Dauergebimmel synthetischer Jingle bells aus dem Weg zu gehen. Nach einer Emnid-Umfrage lehnen 80 Prozent der Deutschen den frühen Verkauf von Weihnachtsartikeln ab, mit 45 Prozent möchte knapp jeder Zweite der Befragten Spekulatius, Zartbitter-Nikoläuse und Rauschgoldengel erst mit dem Beginn der Adventszeit in den Supermarktregalen sehen. Der Hamburger Pastor Hinrich Westphal, der mit seinem ökumenischen Verein 'Andere Zeiten - Initiativen zum Kirchenjahr' bereits seit einem Jahrzehnt einen alternativen Adventskalender anbietet, sieht diese Kritik vermutlich mit Wohlgefallen. "Wir laufen Gefahr", so warnt der evangelische Theologe, "eine Rundumgesellschaft ohne inhaltlichen Rhythmus und ohne kulturelle Höhepunkte zu werden."

In der Tat: Es betrifft nicht nur die zahlenmäßig abnehmende Gemeinde der Frommen, denen mit einem potentiell ganzjährigen Weihnachtsfest etwas genommen wird. Die ganze Gesellschaft verliert einmal mehr einen Akzent, der den Rhythmus der Zeit interpunktiert, der ihn besser hör- und spürbar macht. In ihrem weitgehend konturlosen Fluss droht damit der nächste Orientierungspunkt überspült zu werden. Das aber hat Konsequenzen, die weit über ein Verblassen des Feiertagskalenders hinausgehen.

Wenn etwa nicht mehr nur alle vier Jahre gewählt wird, sondern wenn sich die Politik an in immer kürzeren Abständen wiederholten 'Sonntagsfragen' und demoskopischen Popularitätstest orientiert, dann ist das einem verantwortungsbewussten Handeln, das langfristig die Zukunft, und nicht nur ein Hoch bei der nächsten Umfrage zum Ziel hat, unweigerlich abträglich. Wenn beispielsweise ein Unternehmen nicht mehr einen in langfristiger Perspektive gesehenen Jahresabschluss in den Blick nimmt, sondern wenn sich seine Manager an kurzfristigen Kursgewinnen und blitzartigen 'All-time-Highs' orientieren, mag das den 'Shareholders' momentan ihren spekulativen 'Value' in die Kassen spülen, auf Dauer sind derartige Strategien dem Unternehmenserfolg ebenso abträglich wie sie die Interessen der Kunden ignorieren. Und selbst im privaten Bereich dürfte doch jedermann - und jede Frau - als im höchsten Maße naiv angesehen werden, der oder die nach erfolgter Eheschließung nun eine lückenlose Folge ununterbrochener Höhepunkte erwartet. Die Aufforderung, die guten wie die schlechten Tage miteinander zu teilen, kann in diesem Sinne ja durchaus als vorausschauende Warnung aufgefasst werden.

"Wir sollten als Christinnen und Christen Politik mit dem Einkaufskorb machen", forderte jüngst die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann dazu auf, übereifrigen Supermarktsgeschäftsführern und Kaufhausdirektoren ihre eigenen Dominosteine in den Weg zu noch mehr Kommerz zu legen.

Es gibt schließlich mehr zu verlieren als nur einen beliebig austauschbaren Höhepunkt im Jahr. Weihnachtsmänner und Vollmilchengel könnte man schließlich und notfalls auch immer noch in Osterhasen umschmelzen.



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