Politisches Feuilleton
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25.10.2004
Mauer-Events
Zwischen Disneyland und Erinnerungspolitik
Von Karl Wilhelm Fricke

Karl Wilhelm Fricke (Bild: privat)
Karl Wilhelm Fricke (Bild: privat)
"Die Mauer muss weg" - skandierten Demonstranten am Prenzlauer Berg einst im revolutionären Herbst '89. "Die Mauer muss her" - scheint 15 Jahre später im diesjährigen Herbst die Losung zu sein. Nein, nicht jener Minderheit von Zeitgenossen, die sich vor lauter politischem Frust die Ulbricht-Mauer zurückwünscht. Sondern die Rede ist von Alexandra Hildebrandt, der umtriebigen Chefin des Mauer-Museums am ehemaligen Sektorengrenzübergang Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße.

Sie ist die Witwe des in diesem Jahr verstorbenen Museums-Gründers Rainer Hildebrandt, ehemals Mitbegründer der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, der später aus Protest gegen die Berliner Mauer die Arbeitsgemeinschaft 13. August ins Leben rief und das Mauer-Museum schuf.

Das Projekt ist heiß umstritten. Pseudohistorische Inszenierung am Checkpoint Charlie oder historisches Erinnern? Hier scheiden sich die Geister. Unstreitig ist die geschichtspolitische Notwendigkeit, die Erinnerung an die Mauer stetig wach zu halten. Das geschieht bislang nur unzulänglich. Gewiss, es gibt den Gedenkort Bernauer Straße mit dem Dokumentationszentrum Berliner Mauer und der Kirche der Versöhnung, ein beachtliches Originalstück Mauer blieb in der Niederkirchnerstraße erhalten, es gibt die East Side Gallery mit Mauer-Relikten im Friedrichshain - aber am Checkpoint Charlie fehlt dergleichen Authentisches. Unzählige Touristen, deutsche wie ausländische, vermissen anschauliche Mauer-Fragmente gerade hier an diesem einstigen Brennpunkt der Berliner Teilungsgeschichte.

Genau dieses Defizit will Alexandra Hildebrandt mit ihrem Projekt tilgen. Sagt sie. Eigentlich lobenswert also? Im Prinzip ja - aber! Wo die Erinnerung an die Mauer und ihre Toten zum spektakulären Event verkommt, instrumentalisiert womöglich gar zu pekuniären Eigeninteressen, da beschleicht den Zeitgenossen Skepsis. Seriöses Erinnern und privater Kommerz lassen sich nicht auf einen Nenner bringen.

Immerhin kommt der Hausherrin im Mauer-Museum das Verdienst zu, die bis heute ungenutzte Chance historischen Erinnerns am Checkpoint Charlie öffentlich ins Gespräch gebracht zu haben. Sie macht sich die Versäumnisse von Bundesregierung und Senat in der Hauptstadt geschickt zunutze. Tatsächlich liegt manches im Argen. Seit Jahren etwa steht eine Entscheidung über die Zukunft der Forschungs- und Gedenkstätte in der früheren Stasi-Zentrale Normannenstraße aus, ein erinnerungspolitisches Defizit, das von der zuständige Bürokratie auch in Zeiten knapper Haushaltskassen nicht einfach mit dem Mangel an Geld abgetan werden kann. Je mehr Zeit ins Land geht, desto schwieriger wird es, authentische Zeugnisse der Geschichte zu bewahren.

Klare Entscheidungen in der Geschichtspolitik sind um so mehr vonnöten, als heute, 15 Jahre nach dem Fall der Mauer, schon wieder beflissene Ideologen dabei sind, die historische Wahrheit zu verbiegen und in unerträglicher Weise zu rechtfertigen, was die SED in seltener Verlogenheit einst den "antifaschistischen Schutzwall" hieß. Die Täter von gestern kolportieren aufs Neue ihre alten Lügen und Legenden. Ein eklatantes Beispiel dafür - nicht das einzige - liefert ein als Sachbuch aufgeputzter Sammelband, den der langjährige Chef der DDR-Grenztruppen, Klaus Dieter Baumgarten, gemeinsam mit Ex-Oberst Peter Freitag über die Geschichte der Grenzpolizei und der Grenztruppen, speziell über den Dienst an Mauer und Stacheldraht, herausgegeben hat. Eine durch und durch apologetische Schrift, für die es geradezu paradigmatisch ist, dass einer der beiden Herausgeber wegen der Todesschüsse an der Mauer rechtskräftig verurteilt worden ist, sich freilich zu Unrecht verfolgt fühlt. Stichwort Siegerjustiz. Den ehemaligen Grenzern an Mauer und Stacheldraht wird bescheinigt - Zitat: "Mitgestalter eines Kapitels deutscher Geschichte" gewesen zu sein, "auf das sie stolz sein können".

Erinnerungspolitik ist mithin auch und nicht zuletzt im Kontext der Mauer eminent aktuell. Aber - pointiert gefragt - eine Art Mauer-Disneyland zu kreieren - kann das seriös sein? Oder sollte sich - makabre Ironie der Geschichte - ein Wort Erich Honeckers aus dem Jahr des Mauerfalls auf groteske Weise erfüllen, wonach die Mauer "auch in 50 oder 100 Jahren noch bestehen bleiben" würde? Die Tragödie der Mauer als Farce am Checkpoint Charlie? - Nun, die in Berlin politisch Verantwortlichen müssen sich fragen lassen, ob sie das Debakel nicht selber provoziert haben.


Karl Wilhelm Fricke, geboren 1929 in Hoym (Anhalt), floh nach dem Abitur 1949 aus der SBZ nach Westdeutschland. Bis 1953 studierte er an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven und an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin und war im Westen der Stadt als freiberuflicher Journalist tätig. 1955 wurde Fricke von Stasi-Agenten aus West-Berlin entführt und 1956 in der DDR wegen 'Kriegshetze' zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war bis 1959 in Brandenburg-Görden bzw. in Bautzen inhaftiert. Anschließend arbeitete er als Journalist in Hamburg, von 1970 bis 1994 als Leitender Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln, seit 1994 wieder freiberuflich als Publizist. Fricke war Sachverständigen-Mitglied beider Enquetekommissionen zur 'Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland' sowie zur 'Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit'. 1996 wurde er Ehrendoktor der Freien Universität Berlin im Fachbereich Politische Wissenschaft. Seine Buchveröffentlichungen: 'Politik und Justiz in der DDR' (1979), 'Die DDR-Staatssicherheit' (1982), 'Opposition und Widerstand in der DDR' (1984), 'MfS intern' (1991), 'Akten-Einsicht' (1995), (gemeinsam mit Roger Engelmann), 'Konzentrierte Schläge' (1998), 'Der Wahrheit verpflichtet' (2000); zusammen mit Silke Klewin: 'Bautzen II. Sonderhaftanstalt unter MfS-Kontrolle 1956 bis 1989' (Verlag Gustav Kiepenheuer).
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