Politisches Feuilleton
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26.10.2004
Europas Vergesslichkeit
Von Christoph von Marschall

Christoph von Marschall (Bild: privat)
Christoph von Marschall (Bild: privat)
Ein irritierendes Kontrastprogramm durchzieht diesen Herbst: großer Zorn und tiefe Rührung. Alle paar Tage werden die Blicke der Deutschen zurückgelenkt auf die wundersame Wende vor 15 Jahren. Anfang September die Bilder der Flucht tausender DDR-Bürger über Ungarn in den Westen. Bald darauf der von Campern überfüllte Garten der Deutschen Botschaft in Prag und Hans-Dietrich Genscher im abendlichen Dunkel auf dem von Scheinwerfern erleuchteten Balkon. Sein Satz "Ich bin heute Abend zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen ..." geht im befreiten Jubel unter.

Am 7. Oktober, 40. Gründungstag der DDR, der umjubelte Michail Gorbatschow neben Erich Honecker, der seine nahe Absetzung noch nicht ahnt. Zwei Tage später die erste große Demo in Leipzig, die Stasi prügelt, aber die Sowjetpanzer bleiben in den Kasernen. Das alles strebt nun unaufhaltsam dem 9. November zu: Honeckers Sturz, Egon Krenz Aufstieg, Günter Schabowskis unsichere Stimme bei der Pressekonferenz zu den neuen Reiserichtlinien: "Das tritt nach meiner Kenntnis …", er blättert, "ist das sofort, unverzüglich".

Und dann die freudetrunkenen Menschen am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin - schließlich auf der Mauer, mit Sektflaschen. Auf einmal hat sie ihren Schrecken verloren, trennt nicht mehr, sondern wird zum emotionalsten Ort der Begegnung zwischen Deutschen-Ost und -West.

Keiner, der diese Bilder sieht, wird gefühllos bleiben. Schauer laufen den Deutschen über den Rücken, Tränen fließen. Auch Jugendliche können sich dem Zauber nicht entziehen - obwohl keiner, der heute 23 ist oder jünger, eine lebendige Erinnerung an diese weltumstürzenden Ereignisse vor 15 Jahren haben kann. Diese Bilder sind mächtig. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite dieses Herbstes, das sind Ohnmacht, tiefe Enttäuschung, Mutlosigkeit. Die Montagsdemonstrationen, die damals für beschwingten Aufbruch stand, sind heute Ausdruck von Protest und der Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit. Der Osten fühlt sich vom Westen im Stich gelassen, im Westen schwinden Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität. Opel, Karstadt, Siemens - sind wir nicht selbst hilfsbedürftig? Und geht es Leipzig oder Dresden nicht längst besser als Bochum oder dem ehemaligen West-Berlin?

Wo ist der Zauber von damals geblieben, die Euphorie, das Gefühl, glücklich entronnen zu sein?

Man muss da keineswegs eine typisch deutsche Miesepetrigkeit beklagen. In den anderen Staaten Mitteleuropas ist die Stimmung nicht viel besser. In Polen, wo alles anfing mit Lech Walesas Gewerkschaft Solidarnosc, sind viele Bürger verbittert über schlecht umgesetzte Reformen; seit anderthalb Jahren stolpert das Land von einer Regierungskrise in die nächste.

In Ungarn, das den entscheidenden Stein aus der Berliner Mauer brach, als es großzügig und mutig die Grenzen nach Westen öffnete, obwohl noch sowjetische Truppen im Land standen, sieht es nicht besser aus. Gerade musste der Premierminister ausgetauscht werden.

Ob Tschechien oder das Baltikum, überall ist die Stimmung gedrückt. Dabei geht es den meisten Menschen um Längen besser als in der kommunistischen Diktatur.

Ebenso auffallend ist, wo immer man hinschaut, die Nabelschau. 1989 war ein zutiefst europäisches Jahr. Kein Land hätte sich alleine und isoliert aus dem Sowjetimperium verabschieden können. Das ging nur gemeinsam. Die Erinnerung im halbrunden 15. Jubiläumsjahr aber ist vor allem national - obwohl 2004 zugleich das Jahr der EU-Erweiterung ist.

Der friedliche Sturz der SED-Diktatur wird in den deutschen Medien dieser Wochen vor allem als gelungene deutsche Revolution dargeboten. Schon vergessen, dass dies alles in Polen und Ungarn anfing, dass der Mauerfall ohne Solidarnosc und Budapests Grenzöffnung undenkbar gewesen wäre?

Gewiss, man kann diese Selbstbezogenheit zu erklären versuchen. Die westdeutschen Opel-Arbeiter in Bochum und Rüsselsheim, die ostdeutschen in Eisenach und die polnischen in Gleiwitz sehen sich heute in der Krise als Konkurrenten. Ebenso die deutschen Siemens-Techniker und die ungarischen Handybauer. Wo wird es künftig noch Jobs geben? Kann man den eigenen nur um den Preis des sozialen Abstiegs retten? Und wer will schon gerne mit den Mühen von damals behelligt werden - Stasi, keine Reisefreiheit, schlechte Versorgungslage -, nur um sich heute besser zu fühlen?

Vielleicht aber fehlt uns aber gerade die gemeinsame Erinnerung an 1989 - als Fundament eines europäischen Bewusstseins in der erweiterten EU. Vielleicht wäre sie die beste Arznei gegen die nationale Melancholie in ganz Mitteleuropa im Herbst 2004: sich immer wieder die Bilder von 1989 ansehen; verstehen, dass wir nur deshalb über die Probleme von heute klagen können, weil wir uns damals gemeinsam befreit haben - Polen, Ungarn, Deutsche, Tschechen und viele mehr. Und dankbar sein, dass wir so glücklich davon gekommen sind.

Mal ganz im Ernst: In die Zeit vor 1989 will doch niemand zurück?

Dr. Christoph von Marschall, 1959 in Freiburg/Breisgau geboren, studierte osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft in Freiburg, Mainz und im polnischen Krakau. Promoviert 1988, volontierte er anschließend bei der "Süddeutschen Zeitung" und war dann während des demokratischen Umbruchs Korrespondent in Ungarn. Seit 1991 ist Christoph von Marschall beim "Tagesspiegel" in Berlin; er betreut als Leitender Redakteur die Meinungsseite.

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